Weniger fliegen, Veggie-Essen, Bahn statt Auto: Um den Klimawandel einzudämmen, müssen wir unseren Lebensstil verändern. Ein Ex-Daimler-Manager aus Remseck und ein Umweltaktivist aus Deizisau diskutieren darüber, worauf sie nicht verzichten können.
Wenn in unseren Zeitungen über Klimaproteste, die Energiewende, das Verbrennerverbot oder das 1,5-Grad-Ziel berichtet wird, so meldet sich regelmäßig Dietrich Schreiner mit kritischen Leserbriefen zu Wort. Der 75-Jährige ist pensionierter Daimler-Manager und FDP-Anhänger aus Remseck am Neckar (Kreis Ludwigsburg). Er hat sich sofort bereit erklärt, ein Streitgespräch zum Thema Klimawandel zu führen.
Sein Gegenpart ist Moritz Ertinger, ein 31-jähriger Landschaftsgärtner aus Deizisau (Kreis Esslingen), der inzwischen auf Bali als Coach für Männer, Angstbewältigung und Selbstbewusstsein arbeitet. Er engagiert sich beim Clean-up-Network, einer in Stuttgart ansässigen Organisation, welche gegen die Vermüllung des Planeten kämpft.
Das Gespräch mit den beiden zeigt: Der Verzicht auf Luxus und dauerhafte Veränderungen des Lebensstils fallen schwer.
Herr Schreiner, Herr Ertinger, wir führen dieses Gespräch digital, weil zwischen Ihnen mehr als 10 000 Kilometer liegen. Wo treffe ich Sie gerade an?
Dietrich Schreiner: Ich sitze in meinem Haus, einem Bungalow, auf dem Schlossberg in Remseck, das liegt über dem Neckar. Das Haus hat 130 Quadratmeter, das Grundstück sieben Ar.
Das Einfamilienhaus ist unter Umweltaspekten ziemlich umstritten . . .
Schreiner: Es war immer mein Traum, so etwas zu besitzen. Mein Vater war Automechaniker, ich komme aus keinem reichen Haus. Ich wollte sozialen Aufstieg – und habe es geschafft. Als ich das Haus 1998 gekauft habe, war es exorbitant teuer, aber ich habe damals zu meiner Frau gesagt: dieses Risiko gehen wir ein. Ich habe als Ingenieur bei Daimler gearbeitet und jede Bonuszahlung in die Abzahlung dieses Hauses gesteckt.
Moritz Ertinger: Ich habe etwas weniger Platz zur Verfügung. Meine Partnerin und ich leben seit Juni auf Bali. Dort wohnen wir in einem kleinen Reihenhaus mit zwei Zimmern, das zu einem größeren Resort gehört, also einer touristischen Anlage. Dazu gehört ein Garten mit einer Menge Früchten. Bezüglich Strom ist hier aber leider noch nicht viel mit nachhaltiger Erzeugung. Und wir müssen leider Trinkwasser aus 25-Liter-Kanistern kaufen.
Warum leben Sie auf Bali, Herr Ertinger?
Ertinger: Die Reiselust steckt einfach in mir. Ich habe die Fliegerei zwar schon stark reduziert, aber Bali hat mich sehr gereizt: die Natur, die Berge, der Ozean, die Vulkane. Ich arbeite von hier als Coach und habe das Privileg, ortsunabhängig arbeiten zu können.
Sie sind beide in der Vergangenheit viel geflogen. Schon eine einzige Fernreise – etwa von Deutschland nach New York und zurück – emittiert mehr CO2 als jeder Mensch pro Jahr emittieren darf, damit sich die Erde nicht um mehr als 1,5 Grad erhitzt.
Schreiner: Ja, ich war ein Vielflieger. Bis zu meiner Pensionierung war ich als Ingenieur für die weltweite IT bei Daimler zuständig, bin alle zwei Wochen irgendwohin geflogen; nach China, Indien, Südamerika, in die USA, auch innerhalb Europas. Spaß macht das übrigens keinen, zum Schluss habe ich es gehasst. Generell denke ich, im beruflichen Bereich könnten Flüge durch Videokonferenzen um 70 Prozent verringert werden, wobei auf persönliche Kontakte nicht ganz verzichtet werden kann. Heute fliege ich nur noch gelegentlich; im Frühjahr bin ich für zwei Wochen Sonne nach Ägypten geflogen. Ältere Menschen brauchen die Wärme.
Ertinger: Zwar war ich nie Vielflieger, als gelernter Landschaftsgärtner und technischer Bauleiter war ich Viel-Autofahrer. Eine Zeit lang habe ich konsequent aufs Fliegen verzichtet. Aber ich wollte es mir nicht für immer verwehren, noch ein paar Länder zu bereisen. Wenn ich heute fliege, probiere ich länger vor Ort zu bleiben, damit es sich lohnt. Bei meinem letzten Heimatbesuch in der Region Stuttgart bin ich vier Wochen geblieben.
Sollte man nicht zumindest Inlands- oder Kurzstreckenflüge verbieten?
Schreiner: Ich bin generell gegen Verbote. Das Bessere ist immer der Untergang des Schlechten. Das bedeutet: Andere Systeme müssen besser werden als das Fliegen, dann macht man automatisch das andere. In Europa müsste der öffentliche Verkehr für Mittelstrecken viel besser werden. In anderen Ländern klappt das schon, in Schanghai kommt man mit der Magnetschwebebahn in acht Minuten von einem Außenbezirk zum Flughafen – für eine Strecke von 30 Kilometer. Das haben wir verpasst, hier herrscht eine gewisse Technologiefeindlichkeit.
Ertinger: Sobald extreme Verbote ausgesprochen werden, fühlen sich Menschen oft übergangen, eingeschränkt. Sie werden extrem verunsichert und verängstigt. Am Flugbetrieb hängen unzählige Arbeitsplätze und Firmen. Da braucht es Alternativen, dass die Mitarbeiter weiterhin einen sicheren Job haben. Und Unternehmen brauchen Anreize, etwas zu verändern.
Teils gibt es aber doch gute Alternativen. Man kommt mit der Bahn in fünfeinhalb Stunden von Stuttgart nach Berlin. Da ist man mit dem Flugzeug nicht schneller, wenn man die Fahrt zum Flughafen einberechnet sowie die Wartezeiten. Trotzdem steigen manche Menschen lieber in den Flieger. Braucht es da nicht doch Verbote?
Schreiner: Offensichtlich ist für manche Menschen Bahnfahren nicht attraktiv, irgendetwas fehlt.
Ertinger: Vielleicht sind es die teils überfüllten Züge, nicht eingehaltene Sitzplatzreservierungen, das nicht immer funktionierende WLAN.
Wie kommen Sie auf Bali und in Remseck von A nach B?
Ertinger: Auf Bali haben wir einen Fahrer für das ganze Resort. Persönlich fahre ich am liebsten mit dem Motorroller, weil das ein unbeschreibliches Freiheitsgefühl bedeutet. Die Menschen auf Bali werden künftig eher noch mehr Auto fahren, weil sie sich dem Standard in Europa und den USA immer weiter anpassen. In Deutschland hatte ich kein eigenes Auto, aber einen Geschäftswagen. Im ländlichen Raum kommt man ohne Auto noch nicht aus.
Schreiner: Meine Frau und ich haben zwei Autos vor der Haustür stehen. Außerdem haben wir zwei E-Bikes, die nutzen wir für Kurzstrecken und Freizeit. Zum Einkaufen, zum Golfplatz und zu Treffen mit Freunden nehme ich immer das Auto. Nur wenn ich nach Stuttgart fahre, nutze ich die Stadtbahn, weil das Parken dort so teuer ist und es mit der Stadtbahn einfach bequemer ist. Müsste ich aufs Auto verzichten, würde das meine Lebensqualität stark einschränken.
Würde auch ein Auto für Sie und Ihre Frau ausreichen?
Schreiner: Wir haben unterschiedliche Hobbys und Interessen, sind viel unterwegs. Wir wollen uns nicht einschränken. Die letzten zehn Jahre, die ich vermutlich noch leben werde, will ich so gemütlich und angenehm wie möglich bestreiten. Das ist doch ein verständliches Bedürfnis.
Neben Mobilität ist auch Ernährung für einen großen Teil der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Dabei schneiden tierische Produkte am schlechtesten ab. Sie sind gegen Verbote, Herr Schreiner, sind Sie auch gegen das vegetarische Essen in Kitas und Schulen, wie es in Freiburg künftig geplant ist?
Schreiner: Ja. Wenn ich sehe, wie viele Nahrungsergänzungsmittel es für Vegetarier und Veganer gibt, dann kann das nicht gesund sein, das ist doch pure Chemie. Kinder sollten sich ausgewogen ernähren. Einseitige Ernährung führt zu Mangelerscheinungen.
Ertinger: Da muss ich widersprechen. Ich bin absolut für eine ganzheitliche Ernährung, jedoch nimmt man als Fleischesser ebenso Chemie zu sich. Das meiste Fleisch, das wir kaufen, beinhaltet eine Menge Antibiotika, weil die Tiere damit gefüttert werden. Ich glaube nicht, dass wir komplett ohne den Konsum von Fleisch auskommen, aber das Bewusstsein gegenüber Tieren muss sich drastisch verändern.
Einige junge Menschen wollen wegen der Klimaerwärmung keine Kinder mehr bekommen . . .
Schreiner: Das ist eine pseudo-intellektuelle Diskussion, da geht mir jedes Verständnis ab. Wenn wir keine Kinder mehr bekommen, bricht alles zusammen; unser Generationenvertrag, unsere Rente. Wir leben in unseren Kindern weiter, Kinder sind die Zukunft.
„Links-grün-versifft“ – das werfen uns Leserbriefschreiber gerne vor, wenn wir über den Klimawandel schreiben. Berichten Medien zu einseitig?
Ertinger: In vielen deutschen Medien wird sehr angstbehaftet über den Klimawandel berichtet. Dadurch wächst meines Erachtens die Gefahr, dass Menschen sich eher auf Websites mit extremen Inhalten informieren. Und die Angststörungen nehmen immer weiter zu.
Schreiner:Ich empfinde Ihre Zeitung als links-grün-orientiert, das ist aber auch gut so. Was mir manchmal fehlt, ist die klare Nennung, was es bedeutet, wenn Deutschland klimaneutral werden soll – nämlich dass Klimaneutralität nicht zum Nulltarif zu erhalten ist. Die Menschen in Deutschland müssen sich auf Verzicht einstellen. Zum Beispiel werden sich breite Bevölkerungsschichten kein Auto mehr leisten können, weil nicht genügend elektrische Energie bereitsteht.
Was macht Deutschland falsch in Bezug auf den Klimawandel?
Schreiner: Wir müssen offener für Forschung werden. Verbote von Forschung etwa in Gentechnik oder Kerntechnik sind für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland kontraproduktiv und koppelt uns von internationalen Entwicklungen ab. Forschung heißt nicht, dass man die Ergebnisse immer nutzen sollte, sie müssen in einen moralischen sozialen Kontext bewertet werden. Und wir dürfen nicht alles auf eine Karte setzen; die Abschaltung der Atomkraftwerke ist zum Beispiel völlig falsch.
Ertinger: Es muss weniger die Angst vor dem Klimawandel genährt werden und viel mehr lösungsorientiert gearbeitet und kommuniziert.
Können Sie in einem Wort antworten: Ist das 1,5-Grad-Ziel noch zu schaffen?
Schreiner: Nein. Ich rechne mit einer Erwärmung von zwei bis drei Grad in 20 Jahren, weil die hauptsächlichen Emittenten von CO2, wie China und Indien, sich erst zu Einsparungen ab 2030 verpflichtet haben. Auch Afrika mit seinem extrem starken Bevölkerungswachstum hat den Lebensstandard seiner Bevölkerung im Fokus und nicht den Klimawandel. Unsere Anstrengungen verhindern den Klimawandel nicht. Sie führen zusätzlich zu den klimatischen Veränderungen zu einer Deindustrialisierung und damit verbundenen sozialen Spannungen in unserem Land.
Ertinger: Ich kann nicht in einem Wort antworten, aber ich blicke hoffnungsvoll in die Zukunft. Jeder Mensch kann etwas zur Veränderung beitragen im Kleinen. Und dann brauchen wir große Systeme der Veränderung. Dafür gehen wir im Cleanup Network voran.
Beide Männer stammen aus der Region Stuttgart
Dietrich Schreiner
Der 75-Jährige ist in Bayern geboren, lebt aber schon lange im Großraum Stuttgart. Dietrich Schreiner hat mehr als 30 Jahre lang als Ingenieur in der IT bei Daimler gearbeitet und war in diesem Rahmen in der ganzen Welt unterwegs. Inzwischen ist er in Rente, lebt mit seiner Frau in einem Haus in Remseck (Kreis Ludwigsburg). Er ist Vorsitzender der Bürgerinitiative für Verkehrsfragen „Wir für morgen“ in Remseck.
Moritz Ertinger
Der 31-Jährige stammt ursprünglich aus Deizisau (Kreis Esslingen). Er ist gelernter Landschaftsgärtner, hat als Geselle gearbeitet und eine Weiterbildung zum technischen Bauleiter gemacht. Seit einem Jahr arbeitet er als Coach für Männer, Angstbewältigung und Selbstbewusstsein. Er engagiert sich beim Clean-up-Network, organisiert Aufräumaktionen im öffentlichen Raum, macht Aufklärungsarbeit an indonesischen Stränden und kümmert sich um die sozialen Netzwerke der in Stuttgart ansässigen Organisation, welche gegen die Vermüllung des Planeten kämpft. Seit diesem Jahr lebt er mit seiner Partnerin auf Bali.