Dago Leukefeld führte 2013 die Handballfrauen der SG BBM Bietigheim als Trainer in die Bundesliga. Foto: imago/Eibner/E

Dago Leukefeld nimmt nach dem WM-Aus der deutschen Handballerinnen Bundestrainer Henk Groener in Schutz, fordert vielmehr ein Überdenken der Verbandsstrukturen und eine größere Wertschätzung für die Nachwuchstrainer.

Stuttgart - Dago Leukefeld hat 2003 mit den Bundesligafrauen der DJK/MJC Trier die deutsche Meisterschaft gewonnen. Er war schon Frauenhandball-Bundestrainer und führte die Handballerinnen der SG BBM Bietigheim in die Bundesliga. Aktuell betreibt der EHF- Master-Coach eine Handballschule. Im Interview äußert sich der 58-Jährige nach dem WM-Viertelfinal-Aus zu den Problemen des deutschen Frauenhandballs.

 

Herr Leukefeld, wie bewerten das Abschneiden der deutschen Handballerinnen bei der WM in Spanien?

Das Aus im Viertelfinale ist enttäuschend. Ich sehe nicht die ganz große Entwicklung in der Mannschaft, vom Tempospiel und der Variabilität in der Abwehr einmal abgesehen.

In den ersten fünf Spielen gab es allerdings fünf zumeist klare Siege.

Da haben wir vor allem über das Tempospiel Erfolg gehabt. Gegen stärkere Gegner reicht das nicht, weil die Topteams das eben auch können. Und im Positionsangriff hapert es an Kreativität und spielerischer Klasse.

Den Willen kann man der Mannschaft nicht absprechen.

Absolut, aber diese typisch deutschen Tugenden reichen eben nicht, um in das Halbfinale einer WM zu kommen. Emily Bölk gilt als der Star des deutschen Frauenhandballs. Sie hat riesiges Potenzial, aber auch sie muss spielerisch zulegen. Spielmacherin Alina Grijseels hat ebenfalls Qualität und dank ihres hervorragenden Vereinstrainers André Fuhr auch Schritte nach vorne gemacht. Aber gegen eine stehende, eingespielte Abwehr einer stärkeren Nation stößt auch sie noch an Grenzen. Eine sehr gute Entwicklung hat im Laufe des Turniers Meike Schmelzer in Abwehr und Angriff genommen. Auffallend fand ich noch, dass die Angriffsqualitäten von Xenia Smits nicht optimal genutzt wurden.

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An der Chancenverwertung hapert es gewaltig.

Eine Rückraumspielerin muss mindestens fünf von zehn Würfen im Tor unterbringen, eine Außenspielerin sieben von zehn, eine Kreisläuferin acht von zehn. Davon sind wir meilenweit entfernt. Die Spielerinnen haben zu wenig Wurfvarianten auf Lager. Zu oft wird nach Schema F geworfen.

Welchen Anteil hat der Bundestrainer an der Misere?

Henk Groener ist definitiv nicht verantwortlich für die Misere. Er kann nichts dafür, dass sich die Spielerinnen nicht in ausreichendem Maß weiterentwickeln. Er muss das zusammenfügen, was er zur Verfügung hat. Die Probleme liegen viel tiefer.

Wo genau?

Es krankt an der individuellen Ausbildung der Spielerinnen, weil wir viel zu wenig qualitativ gute Trainer speziell im weiblichen Nachwuchsbereich haben, da die besseren zu den Jungs gehen. Der Verband muss seine Strukturen überdenken und ändern. Es kann doch nicht sein, dass es eine inhaltliche Offensive zum Beispiel über die Zeitschrift Handballtraining gibt, aber die Trainer gar nicht die Ausbildung besitzen, dies umzusetzen. Es wird also der zweite vor dem ersten Schritt gemacht.

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Was schlagen Sie vor?

Ich habe schon vor Jahren gesagt, dass der Frauenhandball kaputt geht, wenn keine Traineroffensive gestartet wird. Ich habe gefordert, dass der DHB Geld in die Qualität der Jugendtrainer stecken muss. Aber die Wertschätzung für die Nachwuchstrainer ist nach wie vor eine Katastrophe. Meiner Meinung nach wird der Frauenhandball vom DHB nicht ernst genug genommen.