Zwischendurch darf es ein Krimi sein: Ex-OB Joachim Rücker liest für sein Leben gern und hütet in solchen Momenten auch gerne das Sofa – ansonsten die Enkel Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Archivi

Kürzlich ist er 70 geworden. Aber Sindelfingens ehemaliger Oberbürgermeister und Ex-Botschafter Joachim Rücker denkt nicht daran, in Rente zu gehen. Solange die geistige Energie reicht, bleibt er als Berater aktiv.

Sindelfingen - Wer das Renteneintrittsalter um fünf Jahre überschritten hat, könnte die Beine hochlegen. Er könnte, wie man so sagt, „den Herrgott einen guten Mann sein lassen“. Aber dann hieße der Mann, um den es hier geht, nicht Joachim Rücker. Sindelfingens ehemaliger Oberbürgermeister ist kürzlich 70 geworden. Er ist aktiv wie eh und je; sei es als politischer Berater oder als Opa. Beziehungsweise wechselweise beides.

 

Joachim Rücker, wohnhaft im Stuttgarter Heusteigviertel, ist viel unterwegs. Und so erreichen wir ihn an diesem Tag am Handy im Auto. Kein Problem, Freisprechanlage. Rücker ist unterwegs nach Hause, war in Berlin bei einer Libyenkonferenz, wieder auf Mission. Ob die Heimfahrt nicht lange sei? „Klar“, lacht Rücker. Aber das mache nichts. Er habe Zeit. Auch fürs Stromtanken. Sein Seat Mii Electric – Zweitfamilienauto neben einem Tesla – braucht alle 250 Kilometer neuen Saft. Sei’s drum. Dann kann sein Fahrer Zeitungen lesen, was für ihn eh zu einem gelingenden Tag gehört. Sogar im Auto. Dann lässt sich Rücker schon mal die Frankfurter Allgemeine als Hör-Zeitung vorlesen.

Ein reges Hirn legt sich nicht schlafen

Lesen – das war immer schon eine Leidenschaft des Ex-OB. Nur seine Frau sei eine noch größere Leseratte, erzählt er. Das volle Bücherregal im Wohnzimmer der Familie ist also keine Attrappe wie im Möbelhaus. Rücker, der Pfarrerssohn, ist nicht nur so gesehen ein klassischer Bildungsbürger. Belesen eben. Das braucht einer auch in seinem Geschäft für die Trittsicherheit auf internationalem diplomatischem Parkett. Das hat er lange bedient – unter anderem als deutscher Botschafter in Schweden. Oder als Diplomat bei den Vereinten Nationen in Genf. Er ist mit Größen der Weltpolitik zusammengetroffen, die abends über die „Tagesthemen“ flirrten. Kofi Annan etwa, siebter Generalsekretär der Vereinten Nationen, Friedensnobelpreisträger. Damals, 2014, waren die Arbeitstage lang. Heute sind sie kürzer. Rücker ist nicht unfroh darüber. Aber im Rahmen des Möglichen will er weiter geistig schaffig sein. Ein reges Hirn kann man nicht schlafen legen wie ein kleines Kind.

Und so hat sich Rücker 2017 selbstständig gemacht als Berater und sitzt einer Allianz vor, die sich mit den Folgen rapider Urbanisierung von Städten des globalen Südens befasst. Wer ihn als Vortragsredner buchen will, ist willkommen. Migrations-, Flüchtlingsfragen, darin kennt sich Rücker aus wie früher in Sindelfingen. Außen- und Sicherheitspolitik – sein Metier. Vor Wochen hat er vor Heidelberger Studenten gesprochen.

Heute ist er auch für die Enkel und die Familie da

Doch heute, mit 70, hat Rücker den Luxus, Nein sagen zu dürfen, wenn’s mal nicht passt. „Meine Work-Life-Balance stimmt“, lacht er. Im Schnitt sei er 50 Prozent weniger beschäftigt als früher. Also bleibt Zeit, und so soll es sein, für die Familie, die drei Enkelkinder. Linus, der Älteste, geht schon in die Grundschule, die anderen gehen in die Kita. Dienstags ist Opa-Tag, Hol- und Bringservice. Öfter steht Rücker dann auch am Herd, Mittagessen kochen. Seine Frau Ines ist ja noch voll als Kinderärztin aktiv.

Ihretwegen ist Rücker letztlich Sindelfinger OB geworden. Mitte der 80er Jahre war er fürs Auswärtige Amt in Afrika und den USA. Doch Gattin Ines wollte nicht noch mal umziehen irgendwo in der Welt, sondern in Deutschland ihre Fachärztin machen. Also musste sich Rücker nach einem Job in der Heimat umsehen. Sein Bruder Michael, Psychologe und seinerzeit Lehrer am „Stifts“, schlug ihm vor, sich um den Posten des Rathauschefs in der Daimlerstadt zu bewerben gegen den sehr siegesgewissen damaligen Amtsinhaber Dieter Burger. Rücker gewann. 1993 durfte er sich die Amtskette des Oberbürgermeisters umhängen lassen – in einer finanziellen Krisenzeit der Stadt.

In Sindelfingen bleibende Spuren hinterlassen

Rücker und sein Gemeinderat konnten das Steuer herumreißen, obschon das nicht ohne Härten abging – etwa einem sozialverträglichen Personalabbau in der Verwaltung. Tafelsilber wurde verscherbelt, zum Beispiel der Bauhof zugunsten einer IKEA-Ansiedlung verlegt. Außerdem wurde ein Eigenbetrieb Stadtentwässerung gegründet. Mit dem Ex-OB verbinden die Sindelfinger die Verlegung des Busbahnhofs und den Bau des erfolgreich gestarteten und heute in Schwierigkeiten befindlichen Stern-Centers. Rückers Wiederwahl galt als ausgemacht. Doch da ereilte den SPD-Mann der Ruf seines Parteifreunds Hans Koschnick: nach Bosnien sollte es nach dem Bürgerkrieg dort gehen, Wiederaufbauhilfe. „Du musst das machen!“, soll Koschnick gesagt haben: „Du weißt, wie der Energiemarkt funktioniert, kennst Stadtwerke und kannst Bebauungspläne aufstellen.“

Bereut hat der 70-Jährige den Abschied nicht, ist aber auch dankbar für seine acht Jahre an der Spitze Sindelfingens. Er nimmt am Wohl und Wehe der Stadt weiter interessiert teil – als Zeitungsleser oder in Gesprächen mit Freunden im Ratskeller.

Eine langjährige Rathausmitarbeiterin und -kennerin vermisst den Mann mit der John-Lennon-Nickelbrille zwar, weil hinter diesem klugen Kopf auch enorme menschliche Qualitäten steckten, wie sie sagt.

Sie sagt aber auch: „Rücker ist ein Staatsmann. Mit Jahreswagenfahrern und Salatbauern wäre der auf Dauer nicht glücklich geworden.“ Rücker lacht, kommentiert das indes nicht weiter. Egal. Seinen Weg hat er gemacht – so oder so.