Visuell brillant, inhaltlich eher vage: James Franco (li.) und Robert Naylor in „Every Thing Will Be Fine“. Mehr Filmimpressionen bekommen Sie in unserer Bildergalerie Foto: Verleih

Wim Wenders zeigt in klaren 3-D-Bildern die emotionalen Folgen eines Unfalls, verliert sich dabei aber mitunter im Ungefähren. Ein Drama mit James Franco und Charlotte Gainsbourg.

Filmkritik und Trailer zum Kinofilm "Every Thing Will Be Fine"

Tomas überfährt im eisigen Quebec auf einer Landstraße ein Kind, und nichts ist,wie es war. Wim Wenders ergründet in „Every Thing Will Be Fine“, welche Folgen so ein traumatisches Ereignis für alle Beteiligten haben kann. Tomas trifft keine Schuld, doch weder er noch Kate, die Mutter des Jungen, wissen, wohin mit ihren Gefühlen. ­Tomas wird in der Folge ein besserer Schriftsteller, Kate hütet ihren zweiten Sohn Christopher nun wie einen Augapfel; dieser versucht später als Teenager, Tomas zu stellen.

Einfühlsam, aber eine Spur zu besinnlich lässt Wenders Figuren und Handlung treiben – die Zeit, die Wunden heilt, sollen auch die Zuschauer spüren, während Alexandre Desplats dramatische Thriller-Musik Katastrophen suggeriert, die nicht eintreten.

» Trailer zum Kinofilm "Every Thing Will Be Fine"

James Franco müht sich als Tomas mit der ­immer gleichen Sorgenfalte und kann nur selten seinen sonnigen Charme ausspielen, der ihn leichtfüßig durch „Die fantastische Welt von Oz“ getragen hat – dieser Egoist, mit seinem Autoren-Dasein und seiner Beziehung hadernd, liegt ihm nicht.

Charlotte Gainsbourg dagegen stattet den Heilungsprozess der in verwunschener ­Natur lebenden Kate nuancenreich mit ­Gefühlsregungen aus: Anders als Tomas versteht sie genau, was sie umtreibt. Wenders lässt sie sogar andeuten, dass auch diese beiden zueinander hätten finden können, wenn nicht die Umstände dagegensprächen.

Stattdessen arbeitet sich Tomas zunächst an Sara ab, die ihn vergeblich zu binden versucht, und auch Rachel McAdams („Sherlock Holmes“) formt eine starke Frauenfigur. Weniger Kontur entwickelt die Frankokanadierin Marie-Josée Croze als Ann, ein Everybody’s Darling, die Tomas vielleicht gerade deshalb schließlich für sich ­gewinnt.

"3-D vergrößert alles wie eine Lupe"

Zwischendurch verliert Wenders ein ­wenig den Fokus, er scheint seine Figuren sich selbst zu überlassen, bis sie sich im Ungefähren verlieren. Die Bildgestaltung indes ist von bestechender Klarheit: Wenders hat seine Stereoskopie-Erfahrungen aus „Pina“ eingesetzt und spiegelt im dreidimensionalen Raum Seelen- und Gefühlswelten in der zauberhaften Landschaft von Quebec mit ihren arktischen Wintern und kurzen, üppigen Sommern. „3-D vergrößert alles wie eine Lupe, auch die Emotionen“, hat Wenders bei der Berlinale gesagt, wo der Film lief.

Schon oft hat sein scharfer Blick Menschen auf Selbstsuche durchdrungen, nicht selten vor nordamerikanischer Kulisse. Der in den USA ernüchterte Journalist in „Alice in den Städten“ (1974) geht zurück in Deutschland auf Irrfahrt mit einer Neunjährigen, orientierungslos und unreflektiert, aber präzise ins Bild gesetzt. Im Roadmovie „Paris, ­Texas“ (1984) sagt einer: „Da draußen ist nichts“, stumm in die weite Prärie blickend, sein Kopf so leer wie die Landschaft. Dabei wartet dort eine Frau auf Erlösung, die gottverlassen hinter Glas zahlungskräftige ­Voyeure befriedigt.

Neben solch cineastischer Wucht wirkt „Every Thing Will Be Fine“ wie ein braver Nachgeborener, der nur noch erahnen kann, was es einst zu verhandeln gab. So wohl austariert die dreidimensionalen Farbbilder sein mögen, man sieht sich bald satt an den bürgerlichen Überfluss-Existenzen, die letztlich gewöhnlich bleiben. Einen möglichen Grund hat der Schwarz-Weiß-Anhänger Wenders einmal selbst formuliert: „Wenn ich ein Gesicht in Schwarz-Weiß ­sehe, denke ich: Das ist der Mensch. Sehe ich es in Farbe, denke ich: Das ist er vielleicht.“

Unsere Bewertung zu "Every Thing Will Be Fine": 3 von 5 Sternen - kann man sehen.

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Mehr Input gefällig? Unsere Rezension des Westberlin-Dramas "Tod den Hippies! Es lebe der Punk".

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