Events in Stuttgart Tourismuschef: Stuttgart braucht mehr Großevents

Von Sven Hahn 

Wenn die Stadt mehr Gäste anlockt, profitiert davon die einheimische Bevölkerung. Dazu braucht es mehr große Veranstaltungen. Doch diese Forderung von Tourismuschef Armin Dellnitz löst herbe Kritik bei Politikern und Umweltschützern aus. Gefordert wird das Ende des Wachstums.

Stuttgart - „Es sind nicht nur Hotellerie und Gastronomie, die vom Tourismus leben. Auch Handel und Kultur brauchen einen florierenden Tourismus.“ Dieser Satz stammt von Stuttgarts Tourismuschef Armin Dellnitz. Und: „Der Tourismus muss wachsen und es müssen mehr Menschen Lust auf Stuttgart bekommen, um die Stadt in dieser Form lebendig zu halten.“ Will heißen: Würde die Stadt allein im eigenen Saft schwimmen – Kulturschaffende, Gastronomen oder Mobilitätsanbieter also allein von der Stuttgarter Bevölkerung leben – gäbe es zahlreiche Angebote schlicht nicht, davon ist Dellnitz überzeugt. Das bedeutet im Umkehrschluss: schafft es Stuttgart nicht, mehr und mehr Menschen anzulocken, würde das Stadtleben weniger vielfältig und attraktiv ausfallen. Doch gegen diese Vermarktung der Stadt regt sich Widerstand, der kommt von Umweltschützern und Politikern.

„Dass Stuttgart von Jahr zu Jahr mehr Touristen anlockt, ist kein Selbstläufer“, erklärt Armin Dellnitz. Es brauche Anlässe, entsprechende Impulse, um Gäste anzulocken, sagt er und meint damit große Veranstaltungen, die sich medienwirksam – vornehmlich in den sozialen Netzwerken im Internet – verbreiten lassen. Jüngstes Beispiel ist die extrem aufwendige aber auch umstrittene Weihnachtsbeleuchtung auf dem Schlossplatz und entlang der Königstraße mit Kosten im Millionenbereich.

Dabei hilft eine genaue Analyse des Erfolgs oder Misserfolgs eines Events. „Wir werden im Rahmen der weihnachtlichen Illumination unterschiedliche Analysen vornehmen. Wir wollen erfahren, wie die Gäste auf die Angebote reagieren, wie sie diese bewerten und wie sich möglicherweise Laufwege verändern“, sagt Dellnitz. Sämtliche Daten würden selbstverständlich anonymisiert. Zudem sei sein Team maßgeblich damit beschäftigt, die sozialen Medien danach abzusuchen, wie sich Bilder und Videos aus Stuttgart mithilfe solcher Events in der Welt verbreiten. „Die Besucher der Stadt werden damit zum Werbeträger für Stuttgart.“

Die Präsenz in den Medien ist eines der entscheidenden Kriterien, nach denen ­entschieden werde, welche Veranstaltung vorangetrieben werde und welche nicht. „Wenn wir Veranstaltungen im Marketing besonders unterstützen, können wir dies ­immer logisch begründen“, sagt der Tourismuschef, der klare Kriterien für die Förderung entworfen hat. „Würden wir das der Willkür überlassen, würden wir kein klares Ziel verfolgen und damit unsere Strategie verlassen.“ Wasen und Frühlingsfest, das Weindorf oder das Tennisturnier Merceds-Cup auf dem Weissenhof nennt Dellnitz als Beispiele für Großveranstaltungen, mit denen gezielt ­Touristen nach Stuttgart gelockt werden können.

Marketing schafft Reiseanlässe heute selbst

Dabei habe sich Marketing extrem gewandelt. „Früher haben wir aufgezählt, was es in einer Stadt an Sehenswürdigkeiten gab“, sagt er. „Heute schaffen wir die Anlässe für eine Reise immer häufiger selbst, wie etwa mit der Weihnachtsbeleuchtung.“ Davon brauche es künftig noch mehr.

Widerstand gegen diese Strategie kommt unter anderem von Thomas Adler, dem Fraktionschef von SÖS-Linke-Plus im Gemeinderat. „Stuttgart braucht keine weitere Expansion zur Event-Stadt“, sagt er. Wirklich attraktive Städte seien beliebt ohne den Dauerglamour, den das Stadtmarketing etwa mit „potthässlichen und geschmacklosen Lichtinstallationen auf dem Schlossplatz“ betreibe, so Adler. Das lasse der Stadt und ihren Bewohnern nicht mal eine Woche mit etwas mehr Ruhe nach dem Weihnachtsmarkt. Und: „Die Eventisierung bringt für die Masse der Stuttgarter schon heute mehr Belastung als Gewinn an Lebensqualität.“

Auch Umweltschützer wenden sich gegen die Vermarktungsstrategie der Stadt. Einer von ihnen ist Gerhard Pfeifer, der Geschäftsführer des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Stuttgart. „Die Innenstadt mutiert immer mehr zur Bühne für Feiern und Feste“, sagt er und fügt hinzu: „Die Kapazitäten des öffentlichen Nahverkehrs reichen zu bestimmten Zeiten jetzt schon nicht aus – zum Teil auch an normalen Wochenende nicht.“ Diese Situation werde sich durch kommende Fahrverbote zudem noch weiter verschärfen.

Weiter kritisiert Pfeifer: „Es rächt sich auch, dass in Stuttgart in den vergangenen Jahren viel zu viele Hotels über den Bedarf gebaut wurden.“ Die Investoren riefen nun nach noch mehr Events damit sie die Hotelbetten besser belegen können, um noch eine halbwegs gute Rendite zu erzielen. Nach Aussage des Stadtmarketings ist die Auslastung der Betten und Zimmer trotz zusätzlicher Hotelbauten bisher stets gestiegen.

Zudem seien Großveranstaltungen schädlich für die Natur in der Stuttgarter Innenstadt, so der Umweltschützer. So hätte ein Kastanienbaum auf dem Karlsplatz jüngst gefällt werden müssen, nachdem dieser bei ­Aufbauarbeiten für eine Veranstaltung ­beschädigt worden sei.

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