Die evangelische Kirche in Esslingen muss sparen. Darum soll das religiöse Leben auch in Oberesslingen eingeschränkt werden. Gläubige setzen sich zur Wehr. In einer Versammlung wurden Lösungsvorschläge präsentiert. Ein Verein soll helfen.
Esslingen - Ein Tag verläuft wie der andere. Immer und immer wieder erlebt der Hauptakteur die immer gleichen 24 Stunden. Wie dem Anti-Helden in dem Edelstreifen „Und täglich grüßt das Murmeltier“ soll es den Streitern für die Versöhnungskirche nicht ergehen, hoffte Pfarrer Stefan Cohnen in seinem geistigen Impuls. Eine Endlos-Zeitschleife aus Wut, Frustration, Klagen und Niedergeschlagenheit wünsche er ihnen nicht. Grund dazu hätten sie. Denn wegen Mitgliederschwund, Kirchenaustritten, sinkenden Einnahmen aus der Kirchensteuer und finanzieller Probleme möchte die Gesamtkirchengemeinde Esslingen die Versöhnungskirche einer anderen Nutzung zuführen. Auf dem Prüfstand stehen auch die Zukunft des Pfarr- und des Ertingerhauses. Dagegen setzen sich Gläubige zur Wehr. Während einer Versammlung in der Martinskirche wurden Rettungsschirme präsentiert. Ein Verein soll helfen.
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Ein Weihnachtsbaum mit stilvollen Strohsternen stand noch in der Martinskirche. Doch trotz dieses christlichen Symbols war die Stimmung angespannt. Einsparungen, die Streichung zweier Pfarrstellen in der Versöhnungskirche und der Gartenstadt in Sirnau bis 2024 sowie mögliche Einschränkungen im religiösen Leben sorgten für teils hitzige Wortbeiträge und Gegenreaktionen auf Ankündigungen von Dekan Bernd Weißenborn. Die beiden Moderatoren waren um eine Beruhigung der Lage bemüht, und so konnten Dorothee Schäfer und ihre Arbeitsgruppe in einer Präsentation Lösungsvorschläge für die Versöhnungskirche skizzieren.
Verein als Kirchenretter
Dreh- und Angelpunkt ihrer Bemühungen um den Erhalt ist die Gründung eines gemeinnützigen Vereins. Diese ehrenamtlich organisierte Gruppe könnte als Kostenträger, Vermieter oder Programmgestalter, als Manager und Mitorganisator von Vermietungen und Veranstaltungen fungieren. Durch die Arbeit des Vereins könne, so Dorothee Schäfer, ein Beitrag zur Finanzierung geleistet und der Haushalt der Gesamtkirchengemeinde entlastet werden. Unterstützt werden soll der Verein von einem Partner, der auch aus dem kirchlichen oder diakonischen Bereich kommen könnte. Vorstellbar wäre eine Zusammenarbeit mit vielen Stellen. Als mögliche Mitstreiter zählte Dorothee Schäfer die Lebenshilfe, die Samariterstiftung, den Verein Rückenwind, den Diakonie-Verband Esslingen, die Stadt, den Landkreis oder das Klinikum auf.
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Im Teamwork könne das Duo aus Verein und noch zu suchendem Partner viel bewegen. Die Arbeitsgruppe nannte einige Beispiele für eine Neunutzung der Versöhnungskirche – einen Mittagstisch, Lern- und Sprachhilfen für Geflüchtete, Musikstunden, Kleinreparaturen im Stile von „Repair und Mehr“ oder die Vermittlung von technischem Know-how. Denkbar wären Angebote unter der Überschrift „Frühe Erfahrungen mit mir und anderen“ mit Frühförderung, Begegnungen in Kleingruppen oder Beiträgen zur Familienentlastung. In die Räumlichkeiten könnten aber auch Wohnprojekte für Frauen und Kinder, ein Mehrgenerationenhaus, ein Stadtteil-Begegnungszentrum, ein Ärztehaus oder ein mögliches Wohnen für Senioren einziehen. Eine sakrale Nutzung müsse aber dennoch immer gewährleistet bleiben, stellte Dorothee Schäfer in der Präsentation klar.
Spenden und Beiträge
Finanzieren möchte sich der Verein über Mitgliedsbeiträge und aus Spenden. Hier wird laut Dorothee Schäfer mit einem Betrag von etwa 14 000 Euro jährlich gerechnet. Durch eine Vermietung der Kirchenräume sowie der 18 Parkplätze im Umfeld des Gebäudes könnten weitere 19 000 Euro zusammenkommen. Geld, mit dem die jährlichen Unterhaltungskosten der Versöhnungskirche für Hausmeister, Reinigung, Instandsetzung und Substanzerhaltung in Höhe von etwa 26 000 Euro getragen werden könnten.
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Aus den Reihen der Besucher in der Martinskirche kamen Einwände gegen die Vorschläge. Die Tätigkeit des Vereins stehe und falle mit dem Engagement der agierenden Personen. Werde seine Gemeinnützigkeit nicht anerkannt, könnte die Finanzierung schwierig werden. Zudem sei der stete Fluss von Spenden nicht garantiert. Zeit- und Kostenplan müssten konkretisiert werden. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe verwiesen auf noch zu erfolgende Beratungen, einen Austausch mit der Gesamtkirchengemeinde und das viele Herzblut, mit dem sie die Arbeit angehen würden.
Dringender Handlungsbedarf
Dekan Bernd Weißenborn war um Entspannung bemüht. Im Rahmen der Sitzung des Gesamtkirchengemeinderats Esslingen im Mai stehe das Thema wieder auf der Tagesordnung. Klar sei, dass neue Wege beschritten werden müssten. Von den derzeit 3250 Gemeindemitgliedern in Oberesslingen blieben bis 2024 noch ungefähr 2500 übrig. Daher müsse auch mit Blick auf den Wegfall von Pfarrstellen über die Zukunft der kirchlichen Immobilien diskutiert werden. Er sei aber optimistisch, dass auf Grundlage der vorgestellten Pläne eine gute Nachnutzung der Oberesslinger Versöhnungskirche möglich sei: „Ich kann auch noch ein paar Ideen beisteuern.“ Doch „wenn wir jetzt nicht handeln, fahren wir die Sache irgendwann an die Wand.“
Das Ertingerhaus
Die Geschichte
Im Februar 1979 wurde der Grundstein für den Neubau eines Gemeindezentrums in Oberesslingen gelegt. Finanziert wurde der Bau durch den Verkauf von drei Bauplätzen der Martinskirchengemeinde und zahlreiche Spenden. Besonders Karo Ertinger hatte testamentarisch einen großen Teil ihres Vermögens zur Verfügung gestellt. Nun wird auch über die Zukunft des Ertingerhauses diskutiert.
Die Arbeitsgruppe
Gemeindemitglieder in Oberesslingen wünschen sich eine Sanierung und Renovierung des Ertingerhauses. Eine Arbeitsgruppe hatte sich Gedanken über die Umsetzung gemacht und ihre Ergebnisse im Rahmen der Versammlung in der Martinskirche präsentiert. Wünschenswert seien neben baulichen Veränderungen und Verbesserungen Barrierefreiheit, leicht handhabbares Mobiliar, Technik auf dem neuesten Stand, ein zeitgemäßes Ambiente und eine energetische Ertüchtigung. Für die Maßnahmen stünden Rücklagen und Spenden aus früheren Aufrufen in Höhe von etwa 192 000 Euro zur Verfügung.
Mehr zum Thema steht unter https://www.evang-kirche-oberesslingen.de/ueber-uns/gebaeude/versoehnungskirche