Beim Evangelischen Kirchentag wird viel gesungen und gebetet. Foto:  

Die Volkskirche erscheint angesichts des Mitgliederschwunds am Ende. Doch auf dem Kirchentag zeigen Experten, wie die Kirche doch noch zu retten ist.

Berlin - Die Lagebeschreibung des Pfarrers klingt deprimierend: Gerade habe er zu seinen Aufgaben noch die Betreuung von drei Kirchengemeinden mit fünf Gotteshäusern dazubekommen. Nun sei er für zehn Gemeinden mit 17 Kirchen zuständig. Die Belastung der Haupt- und Ehrenamtlichen steige ins Unerträgliche: „Wir arbeiten alle am Limit“, schreibt der Theologe aus dem evangelischen Kirchenkreis Altenburger Land. Seine Klage liest Jürgen Schilling in der Paul-Gerhardt-Kirche des Berliner Stadtteils Pankow vor. Dort geht es im „Zentraum Gottesdienst“ des Evangelischen Kirchentages an diesem Freitagmorgen um die Zukunft des Glaubens – nach dem „Ende der Volkskirche“.

Bei dem Thema kennt sich Schilling aus. Er war lange selbst Seelsorger in Thüringen und wirkt heute im Projektbüro „Kirche im Aufbruch“ der EKD. Schilling weiß, dass das traditionelle Bild der Volkskirche – also das der Einheit von Staats- und Kirchenvolk – nicht nur in Ostdeutschland keine Berechtigung mehr hat. „Es gibt noch drastischere Beispiele als Altenburg“, erzählt er. So habe die Mitteldeutsche Kirche gerade eine Pfarrstelle ausgeschrieben mit 22 Orten, wo zu predigen sei. Und auch in westlichen Regionen wie im Werra-Meißner-Kreis in Hessen oder im niedersächsischen Lüchow-Dannenberg sehe es nicht viel besser aus. Ähnliches berichtet der Schweriner Bischof Andreas von Maltzahn. Bei manchen Gottesdiensten in Mecklenburg-Vorpommern stelle die Pfarrersfamilie die meisten Besucher. Die Zahl der kirchlichen Trauerfeiern gehe zurück. „Selbst bei verstorbenen Christen, weil deren Angehörige nichts mehr mit der Kirche anfangen können“, sagt Maltzahn. Solche Beschreibungen klingen vor dem Hintergrund einer noch relativ christlichen Landschaft wie der württembergischen nach fremder Welt. Sie erlauben aber auch einen Blick in die Zukunft, die sich im Südwesten dereinst wohl noch einstellen wird.

22 erfolgreiche Projekte

Doch dies muss kein Grund zu Hoffnungslosigkeit sein, betonen die Fachleute in Berlin. „Wo die Not am größten ist, zeigen sich Alternativen“, meint Schilling. Er verweist auf 22 Projekte, die untersucht worden seien und erstaunliche Erfolge hatten. Dazu gehört die Pfarrei, die angesichts des Elberadwegs in der Nähe auf die Idee kam, eine Raststation aufzubauen und so neue Kontaktmöglichkeiten schaffte. Eine andere Gemeinde initiierte mit der Diakonie einen „Bürgerbus“ und schloss so Lücken in der Infrastruktur. Wieder eine andere errichtete ein Gemeinschaftszentrum, das zum Treffpunkt des Ortes avancierte. Zuweilen solle die Kirche, so Schilling, „Menschen mit verrückten Ideen“ einfach machen lassen. Wie im anhaltinischen Kirchenkreis Zerbst, wo jemand vorschlug, eine Kirchenstiftung zu gründen. Gotteshäuser wurden saniert, 24 Stunden täglich geöffnet, und „Themenkirchen“ – eine Weihnachts-, eine Oster- oder eine Gesangbuchkirche – wurden eingerichtet. In der Folge kamen die Touristen, und das machte auch die Dorfbewohner wieder neugierig.

„Nichts ist unmöglich“, diese Devise müsse künftig in der Kirche gelten, verlangt Schilling. Ins gleiche Horn stößt Maltzahn. Er schildert, dass neue Gottesdienste auch sonst Fernstehende ansprechen. Das Spektrum reiche bereits vom Traktorengottesdienst mit anschließendem Rockkonzert bis zu liturgischen Feiern in privaten Gärten, Tauffesten an Binnenseen, Reitergottesdiensten oder Passionsandachten „an Orten heutigen Leidens“ – zum Beispiel an einer Straßenkreuzung mit einem hohen Unfallgeschehen. Dabei gehe es nicht um Anpassung an den Zeitgeist oder eine Eventkultur, sondern um die Wahrnehmung der Bedürfnisse der Menschen. Angesichts solcher Ideen, da sind sich die Fachleute in Berlin einig, müsse niemand um die Zukunft bangen. „Die Volkskirche bleibt“, meint Schilling. „Wir bleiben Kirche für das Volk.“

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