Die Steuerungsgruppe zur Neustrukturierung der Dekanate im Landkreis Böblingen nimmt die Diskussionen auf und muss bis zum 1. Januar 2029 Nägel mit Köpfen machen.
Die Diskussionen um die Zukunft der aktuell drei evangelischen Dekanate im Landkreis Böblingen nehmen Fahrt auf. An ihrem Ende wird sich herauskristallisieren, welche der beiden Optionen sich durchsetzt – ob entweder ein Kirchenkreis mit einem Co-Dekanat oder zwei Dekanate übrig bleiben. Denn eines steht fest, die evangelische Landeskirche Württemberg wird nicht mit den drei Kirchenbezirken Leonberg, Böblingen und Herrenberg ins dritte Jahrzehnt des Jahrhunderts starten.
Damit das so reibungslos wie möglich über die Bühne geht, verspricht sich der Oberkirchenrat der Landeskirche Württemberg (OKR) viel von einer Steuerungsgruppe. Auf ihrer Agenda steht einzig die Neustrukturierung der Kirchenbezirke im Kreis Böblingen. Der Steuerungsgruppe gehören neben den drei örtlichen Steuerungsgruppen, die aus den Dekanen, den Vorsitzenden der Bezirkssynoden sowie Pfarrern und Laien aus den Kirchenbezirken besteht, auch OKR-Vertreter und Juristen an.
Transformationsprozess zum Teil bereits in vollem Gange
Auf Leonberger Seite wurde die Steuerungsgruppe auf der Tagung der Herbstsynode 2024 konstituiert. In Herrenberg ist der Transformationsprozess in vollem Gange und lässt erahnen, dass es für die Steuerungsgruppe nicht leicht sein wird, bis zum 1. Januar 2029 ein Konzept für eine Fusion auf Augenhöhe zu entwickeln. Im Sommer 2024 hatte nämlich der OKR den überraschten Herrenbergern kurzfristig mitgeteilt, dass die Dekan-Stelle nicht wieder besetzt wird, nachdem Amtsinhaber Eberhard Feucht 2023 in Ruhestand ging. Diese Art der Kommunikation löste Entrüstung aus. Indem sie einem Übergangsmodell zustimmte, lenkte die Landeskirche ein.
An den drei örtlichen Steuerungsgruppen liegt es letztendlich, in welche Richtung sich das Vorhaben bewegen wird. Zum Auftakt findet im April das erste Treffen in Leonberg statt. Das große Kennenlernen, an dem auch die Mitglieder der jeweiligen Kirchenbezirksausschüsse (KBA) teilnehmen, ist im Mai in Gärtringen anberaumt. Der KBA genehmigt die Haushaltspläne der Kirchengemeinden und entscheidet über die Zuweisung der Kirchensteuer. Er bestimmt bei Personalfragen im Kirchenbezirk mit und stellt die Bauübersicht sowie die Planung für Investitionen der Kirchengemeinden.
Den Mitgliedern der „Steuerungsgruppe für die Strukturveränderung der Kirchenbezirke im Landkreis Böblingen“, wie sie offiziell heißt, steht keine leichte Aufgabe bevor. Sie müssen etwas auseinanderreißen, das mehr als 200 Jahre Bestand hatte und die Entwicklung dieser Raumschaften maßgeblich geprägt hat. Dies gilt es dann zusammenzukitten in der Hoffnung, dass es die Menschen mittragen.
Auseinanderreißen, was mehr als 200 Jahre Bestand hatte
Begonnen hat alles, als 1809 der frischgebackene württembergische König Friedrich sein stark angewachsenes Territorium administrativ neugestaltete. Damals wurden auch die Einzugsbereiche der drei Dekanate Leonberg, Böblingen und Herrenberg festgeschrieben.
Was so lange bestand, wird nun in Frage gestellt, denn aktuell bleibt in der evangelischen Kirche kein Stein auf dem anderen: Pfarrstellen werden gestrichen, Gemeinden fusionieren. Im Landkreis gibt es drei Kirchenbezirke: Leonberg hat etwa 41 000 Gemeindeglieder, Böblingen rund 52 000 und Herrenberg circa 38 000. Um eine Fusion werden sie nicht herumkommen. Das werden letztendlich die jeweiligen Bezirkssynoden entscheiden.
Mit dem Wegfall von rund 28 Prozent der Pfarrstellen bis 2030, dürfe nach Auffassung der Landessynode und des OKR deren Rückgang nicht alleine auf den Schultern der Kirchengemeinden liegen. Bei weniger Pfarrstellen müssten die Dekanatsämter weniger betreuen, beaufsichtigen und weniger Gemeinden visitieren. Zudem bekommt auch die Landeskirche das Phänomen der Babyboomer zu spüren, weil die „großen Jahrgänge“, die bisher zahlreiche Pfarrerinnen und Pfarrer gestellt haben, bis 2030 in den Ruhestand gehen.
Richtgröße für funktionierende Kirchenbezirke
Ganz ohne einen Wegweiser von oben geht die Steuerungsgruppe nicht in die Diskussionen. Als Richtgröße für funktionierende Kirchenbezirke hatte die Landessynode 2012 eine Zahl zwischen 30 000 und 70 000 Gemeindegliedern ins Gespräch gebracht.
Auch die Zusammenfassung in Kirchenbezirke, bei denen die Landkreisgrenze strikt eingehalten wird, kommt als Option in Frage. Da fragt man sich in Leonberg nicht von ungefähr, was dann mit den zum Dekanat gehörenden Enzkreis-Gemeinden geschehen wird. Die müssten sich nolens volens in Richtung Mühlacker umorientieren. Was man in Heimsheim, Friolzheim, Wimsheim und Mönsheim wohl eher nicht goutieren wird - erinnert sei nämlich daran, dass ein ähnliches Unterfangen auf schulischer Ebene vor rund 30 Jahren maßgeblich zur Entstehung des Gymnasiums Rutesheim geführt hat.