Die Lage der Kirche ist nicht immer paradiesisch. Der evangelische Dekan Bernd Weißenborn äußert sich im Interview zu Austritten, Schließungen, Finanzen und der Zukunft der Immobilien.
Die Uhr in seinem Büro ist um 19.43 Uhr stehen geblieben. Doch bei der Kirche ist es nach Ansicht des evangelischen Dekans Bernd Weißenborn noch nicht fünf vor Zwölf. Seine Aufgabe sei es, den Menschen Mut zu machen. Dennoch äußert er sich im Interview auch zu strittigen Themen wie der Zukunft der Ökumenischen Familienbildungsstätte, der Versöhnungskirche und der Vesperkirche.
Herr Weißenborn, die Ökumenische Familienbildungsstätte (FBS) wird zum Jahresende geschlossen. Wie waren die Reaktionen auf diese Nachricht?
Der Aufschrei der Entrüstung war minimal. Es gab einige Menschen, die ihr Bedauern darüber geäußert haben, doch viele haben auch Verständnis für unsere Lage gezeigt. Mit Blick auf diese Reaktionen habe ich den Eindruck, dass die Entscheidung der Schließung bei aller Bitterkeit und Schwere richtig war. Finanzielle Zwänge und die nachlassende Nachfrage nach dem Kursangebot ließen uns keine andere Wahl.
Gibt es Konzepte für eine Nachfolgenutzung der Räume und die Weiterbeschäftigung der Mitarbeiterinnen?
Mit der Leiterin Doris Ziebritzki haben wir zu Ende September einen Auflösungsvertrag geschlossen, den restlichen vier Mitarbeiterinnen werden wir innerhalb der Kirchenpflege eine Anschluss-Tätigkeit anbieten. Für das Gebäude gibt es verschiedene Konzepte – so sind wir im Gespräch mit der städtischen Volkshochschule. Wir sind aber auch am Überlegen, ob wir verschiedene, erfolgreiche Formate der FBS weiterlaufen lassen, die für uns eine besondere Bedeutung haben. Dazu gehört zum Beispiel das Angebot „Essen um 1“, bei dem Kindern in Kooperation mit der Müze und dem Projekt Wellcome ein Mittagessen angeboten wird.
Die Frauenkirche soll nur noch bei Gelegenheit geöffnet werden?
Gottesdienste gibt es nur noch zu besonderen Gelegenheiten, doch die Frauenkirche hat verlässliche Öffnungszeiten täglich von 8 bis 18 Uhr. Wir haben trotz angespannter Finanzlage nach dem Ausscheiden der bisherigen Amtsinhaberin eine neue Mesnerin eingestellt, die nach dem Rechten schaut. Außerdem haben wir in der Frauenkirche in diesem Jahr etwa zehn Trauungen gefeiert, und das Gotteshaus hat auch für Konzerte und Veranstaltungen geöffnet.
Das Gemeindehaus neben der Frauenkirche, das Beblingerhaus, wollte die Kirchengemeinde doch eigentlich verkaufen?
Der Beschluss steht, dass wir das Gebäude abgeben. Wir wollten es aber nicht unbedingt verkaufen, sondern haben auch an eine Vermietung gedacht. Doch die Nutzung des Gemeindehauses läuft derzeit so gut, dass wir mit der Umsetzung des Beschlusses noch warten. Die Räumlichkeiten werden sehr gut für Familienfeiern, Kulturveranstaltungen oder das Theaterprojekt SuppKultur sowie den Beblinger Treff gebucht. Durch diese hohe Nachfrage generieren wir Einnahmen, die wir gut gebrauchen können.
Wie geht es denn mit der Versöhnungskirche weiter?
Die Versöhnungskirche in Oberesslingen darf nicht isoliert betrachtet werden – wir wollen ein Konzept für das gesamte Areal, zu dem auch das nun leer stehende Pfarrhaus gehört. Hier führen wir Gespräche mit einem möglichen Investor. Für die Immobilien brauchen wir ein finanzierbares Konzept, der Betrieb muss sich rechnen – sonst müssen wir uns härteren Wahrheiten wie der Aufgabe der Kirche stellen.
Wird es wieder eine Vesperkirche in Esslingen geben?
Corona hat für schmerzhafte Einschnitte bei dieser Veranstaltung gesorgt. Aber es ist uns gelungen, die Vesperkirche in einer veränderten Form und an einem anderen Ort weiterzuführen. Wir haben sie von der Frauenkirche in das neue Blarer verlagert und das Angebot kleiner, beschaulicher, bescheidener gemacht. Dadurch konnten wir die Kosten von früher bis zu 100 000 Euro fast um die Hälfte senken. Die Vesperkirche 2024 findet vom 21. Januar bis 4. Februar statt.
Für die Weiternutzung des Blarers wurde ja ein ehrgeiziges Konzept aufgestellt.
Im Sommer konnten wir dank einer Spende den Eingangsbereich neu streichen. Für den Weiterbetrieb des Hauses sollen in einer ersten Runde Spenden in Höhe von 800 000 Euro gesammelt werden. Bisher sind 260 000 Euro zusammengekommen. Das ist eine beachtliche Summe, aber wir liegen damit hinter unseren zeitlichen Zielen zurück. Doch der Unterhalt unserer Immobilien ist allgemein unser Problem.
Welche Immobilien bereiten Ihnen denn Kopfschmerzen?
Für das leer stehende Gemeindehaus in Sirnau haben wir noch keine Lösung, und das Gemeindehaus in St. Bernhard wird zwar als Mensa genutzt, doch für das Pfarrhaus haben wir noch keine Weiterverwertung. Das Gesamtareal muss entwickelt werden. Der Zwischengang zwischen den beiden Türmen der Stadtkirche St. Dionys soll im Herbst saniert und die Hauptportale der Kirche neu gestrichen werden – diese Maßnahme schlägt mit etwa 120 000 Euro zu Buche. Außerdem wollen wir eine neue Akustikanlage für 100 000 Euro anbringen. Doch dafür sind Spenden in Höhe von 65 000 Euro eingegangen. Dann muss die Liebfrauenkirche in Mettingen für ungefähr 550 000 Euro saniert werden. Das Hospiz bekommt eine Solaranlage für 80 000 Euro. Es sind viele Ausgaben, die wir trotz sinkenden Kirchensteuereinnahmen, Teuerung und steigender Gehälter unserer Mitarbeitenden stemmen müssen.
Sind in Ihrem Dekanat gleichgeschlechtliche Trauungen möglich oder nicht?
Die evangelische Landeskirche Württemberg erlaubt gleichgeschlechtliche Trauungen, wenn eine entsprechende, festgelegte Mehrheitsbildung im Kirchengemeinderat da ist. Dann wird die Gottesdienstordnung erweitert und eine Heirat ist unter dieser Voraussetzung möglich. In unserem Dekanat bietet etwa ein Drittel der Kirchengemeinden zum Beispiel in Wernau, Berkheim, Deizisau oder Oberesslingen gleichgeschlechtliche Trauungen an.
Ist die Anzahl der Austritte weiter hoch?
Im letzten Jahr haben wir etwa 2,5 Prozent der Gläubigen durch Austritte, Umzüge, Wohnsitzwechsel oder Tod verloren. Mit diesen Zahlen liegen wir im Bereich der Landeskirche. Aber aktuell habe ich das Gefühl, dass sich die Zahl der Austritte verlangsamt.
Gibt es in Ihrem Dekanat unbesetzte Pfarrstellen?
Unbesetzt sind derzeit die Gemeindepfarrstelle in Plochingen und eine 50-Prozent-Stelle in Köngen. Aber mit lediglich zwei Freistellen sind wir vergleichsweise gut aufgestellt.
Bernd Weißenborn und sein Amt
Person
Bernd Weißenborn wurde 1960 in Nordhessen in der Nähe von Melsungen geboren. Sein Theologie-Studium absolvierte er in Bethel, Marburg, Cambridge und Tübingen, wo er nach dem Abschluss sechs Jahre als wissenschaftlicher Assistent arbeitete. Nach dem Vikariat hatte er seine erste ständige Pfarrstelle in Heilbronn-Untergruppenbach, danach Stadtpfarrer in Metzingen. Seit 2010 ist er Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Esslingen. Bernd Weißenborn ist verheiratet, Vater von vier Söhnen und Großvater eines Enkelkindes.
Dekanat
Zum Bereich des Dekanats Esslingen gehören der Schurwald bis Hohengehren, Denkendorf, Köngen, Hochdorf, Lichtenwald, Plochingen sowie die Neckartalgemeinden bis Reichenbach mit insgesamt etwa 50 500 evangelischen Christen. Aufgaben des Dekans sind auch die Leitung des Kirchenbezirks, Visitationen der einzelnen Kirchengemeinden oder die Einsetzung von Kollegen. Bernd Weißenborn ist aber auch als leitender Pfarrer in der Stadtkirchengemeinde Esslingen tätig.
Auftrag
Bernd Weißenborn sieht sich nach eigenen Angaben nicht nur als Leiter einer kirchlichen Verwaltungseinheit. Seinen Auftrag steckt der Dekan weiter. Gerade in diesen krisenhaften Zeiten wolle er Menschen Mut und Hoffnung machen: „Wenn wir als Kirche dies nicht tun, wer denn sonst.“ Die hohe Zahl von Kirchenaustritten sieht er nicht als eigentliches Problem an: „Ob wir viele oder aktuell eine kleiner werdende Kirche sind, nimmt unserer Botschaft nicht die Kraft.“ Er blicke erwartungsvoll nach vorne.