Die Sindelfinger Kirchengemeinden gehen voran: Hier steht bereits fest, dass zum Beispiel die Versöhnungskirche auf dem Goldberg aufgegeben wird. Foto: Eibner-Pressefoto/Schmidt

Die evangelische Kirche befindet sich im Umbruch. Was im Kirchenbezirk Böblingen saniert, neu gebaut oder auch verkauft werden soll, wird demnächst festgelegt.

Rot – orange – gelb – grün: Mit den Farbtönen einer Ampel sind die verschiedenen Gebäude der Kirchengemeinden in der Liste markiert. Grün steht für „wenig Handlungsbedarf“, Rot für umfangreichen Sanierungsaufwand. Erstellt wurde diese Liste im Rahmen eines Programms der evangelischen Landeskirche zur Immobilienentwicklung mit dem Namen Oikos, nachdem ein Bauexpertenteam im Sommer 2023 den Gebäudebestand im Kirchenbezirk Böblingen unter die Lupe genommen hatte.

 

Der Dekan Markus Frasch präsentierte diese Ergebnisse am Montagabend rund 60 Gemeindevertretern, deren Besorgnis im Saal des Waldheims Tannenberg in Böblingen spürbar war. Das Ziel ist klar: Die Gemeinden sollen sich von Gebäuden trennen und bis zum Frühjahr konkrete Vorschläge machen – die Oikos-Daten dienen als Entscheidungshilfe.

Schmerzhafter Prozess

Dass dies einen schmerzhaften Prozess darstellt und viel Protest von Gläubigen erwarten lässt, ist allen Anwesenden klar. Und doch überwiegt offenbar die Einsicht, dass Veränderungen in diesem Sinne vernünftig sind. „Wir können nicht alle Gebäude erhalten und sanieren“, betonte Frasch. Vier Vertreterinnen des Oikos-Programms standen zudem Rede und Antwort, darunter die Architektin Ute Lachenauer und die Verwaltungsexpertin Christiane Danisch.

Die evangelische Kirche befindet sich (genauso wie die katholische) mitten in einem Umbruch. Die Zahl der Gemeindeglieder sinkt stetig, die finanziellen Perspektiven sind düster, es gibt immer weniger Pfarrer – seit geraumer Zeit reagieren die Verantwortlichen mit Abschmelzungsprogrammen und Umstrukturierungen. Die Pfarrpläne sehen weniger Stellen vor, inzwischen gibt es zunehmend Gemeindefusionen oder zumindest Kooperationsräume, in denen sich mehrere Orte Geistliche, Räume und Angebote teilen sollen. Außerdem wird die Verwaltung zentralisiert, und schließlich – besonders heikel – sollen die Gemeinden Gebäude aufgeben. Zuvorderst stehen Verwaltungs- und Wohnräume im Fokus, aber in letzter Konsequenz auch Gemeindehäuser und im Einzelfall sogar Kirchen. Da ist vor Ort viel Überzeugungsarbeit notwendig.

Druck macht hier der Beschluss der Landeskirche, dass bis 2040 Klimaneutralität hergestellt werden soll. Sprich: Die Gebäude müssen entsprechend saniert werden – bessere Dämmung, neue Fenster, effektivere Heizungen. Mithilfe der Oikos-Studie bekommen die Gemeinden landesweit von neutraler Stelle aufgezeigt, wie es aktuell um ihre Immobilien steht und wie hoch im Einzelnen der Sanierungsaufwand ist. Die Experten gehen im Kirchenbezirk Böblingen von insgesamt rund 45 Millionen Euro aus, die in die Gebäude gesteckt werden müssten, um auf Stand zu kommen – was kaum zu stemmen ist. Sollen sich die Gemeinden also insbesondere von Immobilien trennen, wo eine teure Sanierung notwendig ist?

Vorgabe: Klimaneutralität bis 2040

Jein. Dekan Markus Frasch bittet die Gemeindeverantwortlichen darum, auch strategisch wichtige Orte zu definieren und an die Effizienz zu denken. „Wo lohnt eine Sanierung eher als anderswo?“, müsse die Frage lauten. Und: „Denken Sie bitte nicht nur für ihre einzelne Gemeinde, sondern im Kooperationsraum!“ Bis Frühjahr sollen örtliche Arbeitsgruppen Vorschläge unterbreiten.

Nach der Kirchenwahl am 30. November wird sich die neue Bezirkssynode bis März konstituieren, aus ihrer Mitte wählt das Gremium den Kirchenbezirksausschuss (KBA). Und diesem Ausschuss kommt eine zentrale Bedeutung zu, denn seine Mitglieder sollen sich mit den Gemeinden zum Thema Immobilien austauschen und letztlich ein Konzept beschließen, welche Gebäude wie einzuordnen sind.

Dekan Markus Frasch Foto: Eibner-Pressefoto/Bahtijari

Daran gekoppelt sind wiederum die Zuschüsse von Landeskirche (bis zu 35 Prozent) und Kirchenbezirk (sieben Prozent). Heißt: Steht eine Immobilie oben in der KBA-Liste, gibt es die komplette Förderung, ansonsten nur zum Teil oder gar nicht. Heißt aber auch: Eine Gemeinde darf ein Gebäude erhalten und sanieren, das in der KBA-Liste durchgefallen ist – sie muss dann aber ohne Zuschüsse auskommen.

Wie viele Immobilien genau wegfallen sollen, steht nicht fest. Während die katholische Kirche in einem ganz ähnlichen Prozess die klare Vorgabe macht, dass 30 Prozent der nichtsakralen Gebäude aufzugeben sind, gibt es in der evangelischen Kirche keine konkrete Quote – mit allen Vor- und Nachteilen. Es gibt so mehr Spielraum, aber auch mehr Verhandlungsbedarf.

Zustimmung hier, Skepsis dort

Während am Montagabend im Waldheim-Saal bei vielen Anwesenden eine grundsätzliche Zustimmung zu spüren war, regierte in einigen Gesichtern auch die Skepsis. Muss das wirklich sein? Wie ist das vor Ort vermittelbar? Markus Frasch appellierte an die Gemeindevertreter, die Diskussion über die Gebäude nicht emotional aufzuladen und die Immobilien nicht mit theologischen Grundfragen zu verbinden. „Die sichtbare Kirche muss sich immer an die Gegebenheiten anpassen“, sagte er.

Der Dekan hofft, dass das abschließende Immobilien-Konzept im Kirchenbezirk Böblingen bis zum Sommer 2027 steht – denn ansonsten würden die Diskussionen in den nächsten großen Veränderungsprozess hineinrutschen, nämlich die Fusion der Kirchenbezirke Böblingen, Herrenberg und Leonberg. Was die Sache noch komplizierter machen würde.

Kirchenbezirke und Oikos

Aus drei mach eins
Im Kreis Böblingen gibt es drei evangelische Kirchenbezirke: den Böblinger mit aktuell rund 50 000 Gemeindegliedern, den Leonberger (etwa 40 000) und den Herrenberger (rund 37 000). Sie sollen in absehbarer Zeit zu einem Kirchenbezirk verschmelzen.

Oikos
Mit dem Immobilienentwicklungsprozess „Oikos“ (griechisch: Hausgemeinschaft) will die evangelische Landeskirche in Württemberg den Gemeinden helfen, ihren Gebäudebestand strategisch weiterzuentwickeln. Dafür werden Daten zu Bauzustand, Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz systematisch erhoben und analysiert, um fundierte Entscheidungen zu ermöglichen.