Von links: Tina Syring, Eckhardt Schmidt, Roswitha Wenzl (alle Bernstein-Köllner-Stiftung), Jutta Sagbil (Kita Stuttgarter Straße 3), Sabine Walz, Birgit Deiss-Niethammer und Dietmar Böhm (alle Evangelische Fachschule für Sozialpädagogik) stellen das Projekt vor. Foto: Ströbele

Die Bernstein-Köllner-Stiftung und die Evangelische Fachschule vergeben seit wenigen Tagen Stipendien an angehende Erzieherinnen. Sechs Wochen lang können zwei Schüler ein Praktikum in Istanbul machen, das von der Stiftung bezahlt wird.

Stuttgart Botnang/Stuttgart-Feuerbach - Die Anforderungen an Erzieherinnen wachsen stetig. Längst sind Themen wie Ganztagsbetreuung, Sprachförderung, Inklusion oder frühkindliche Bildung fester Bestandteil des Kita-Alltags. Seit wenigen Monaten gilt es nun, auch Kinder aus Flüchtlingsfamilien aufzunehmen, sich um sie zu kümmern und sie zu integrieren. Aber gerade in einer Stadt wie Stuttgart, in der etwa 40 Prozent der Vorschulkinder einen Migrationshintergrund haben und in der Menschen aus rund 170 Nationen leben, geht es schon seit Jahrzehnten tagtäglich um gelebte Vielfalt, Verständnis und Toleranz.

„Wir leben die Unterschiedlichkeit und Vielfalt“, sagt auch Birgit Deiss-Niethammer. Für die Rektorin der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik in Botnang ist es unabdingbar, dass sich die angehenden Erzieherinnen mit anderen Kulturen und Religionen auseinandersetzen: „Wir sind eine offene Schule.“ Die Bereitschaft, im Rahmen von Praktika das Ausland kennenzulernen, sei in ihrer Schülerschaft sehr groß. „Nur ist eben meistens die Finanzierung ein Problem“, sagt Deiss-Niethammer. Eine neue Kooperation eröffnet den Schülern nun allerdings ganz andere Möglichkeiten.

Die Bernstein-Köllner-Stiftung aus Feuerbach möchte gemeinsam mit der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik ein Stipendium vergeben, dass erst einmal zwei Schülern pro Jahr ein sechswöchiges Praktikum in einer Kindertagesstätte in Istanbul ermöglicht. „Für die Schüler entstehen dabei keine Kosten“, sagt Roswitha Wenzl, die das Projekt bei der Stiftung leitet. Der Flug und der Aufenthalt würden bezahlt. Dazu gebe es ein „angemessenes Taschengeld“, ergänzt Eckhardt Schmidt, Vorstandsmitglied der Stiftung. Und das ist noch nicht alles: Im Anschluss an das Praktikum bekommen die Stipendiaten auch noch eine einwöchige Rundreise durch die Türkei gesponsert. „Das alles macht das Projekt für uns natürlich sehr interessant“, sagt Birgit Deiss-Niethammer.

Im September 2016 beginnt das erste Praktikum

Rund 80 Schüler kämen für das Stipendium in Frage. Das Praktikum in der Türkei mache direkt vor dem vierten und somit letzten Jahr der klassischen Ausbildung zur Erzieherin Sinn. Für diejenigen, die sich für die dreijährige, praxisorientierte Ausbildung (Pia) entschieden haben, sei es besser, das Praktikum nach dem Abschluss zu absolvieren. „Die Begeisterung für dieses Angebot ist unter unseren Schülern jetzt schon sehr groß“, sagt die Rektorin.

Bis Dezember können sich die Schüler bewerben. Sie sollen ein Motivationsschreiben verfassen. Im Januar finden dann die Auswahlgespräche statt, damit im Frühjahr ein Türkisch-Kurs besucht werden kann. Im September 2016 startet dann im Rahmen der neuen Kooperation das erste Praktikum in Istanbul. „Zuvor machen wir uns im Februar noch selbst ein Bild vor Ort“, sagt Roswitha Wenzl. Man müsse sich genau anschauen, in welchen Kitas die Praktika stattfinden und wo die Schüler wohnen werden. Die Unterbringung sei in Gastfamilien oder studentischen Wohngemeinschaften geplant. Vor Ort gebe es für die Schüler eine Ansprechpartnerin, die derzeit die ersten Vorbereitungen trifft.

Das Ziel des Praktikums sei es, die Qualität in den Stuttgarter Kitas zu sichern und noch zu steigern. „Es ist eine wichtige Erfahrung für die Erzieherinnen zu wissen, was es heißt, sich fremd zu fühlen, verstanden zu werden oder eben auch nicht“, betont Roswitha Wenzl.

Stiftung soll vor allem Feuerbacher Kindergärten fördern

Dass die Begegnung mit der islamischen Kultur wichtig ist, sagt auch die Leiterin der Kita Stuttgarter Straße 3 in Feuerbach, Jutta Sagbil: „Die interkulturelle Vielfalt ist in den Kitas angekommen. Das spiegelt sich auch bei den Mitarbeitern wider.“ Auch ihre Einrichtung soll von den Erfahrungen der Schüler in der Türkei profitieren. „Es wäre schön, wenn die Erzieherinnen später in Feuerbach arbeiten“, sagt Tina Syring, Kuratorin der Bernstein-Köllner-Stiftung. Dieser Wunsch hänge mit dem Stiftungszweck zusammen.

1971 haben die Eheleute Walter Köllner und Thea Liptau-Köllner ihr Vermögen aus ihrem Bernsteinhandel in Feuerbach in die Bernstein-Köllner-Stiftung eingebracht. Die Stiftung soll in erster Linie Kindergärten in Feuerbach unterstützen und zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie beitragen. Bislang hat die Stiftung, die rund 2,6 Millionen Euro Kapital besitzt, unter anderem den Wiederaufbau des Kinderhauses in Feuerbach (1981), die Kita Polifant (2008 bis 2012) und die Elterninitiative Pusteblume (2013 bis 2015) unterstützt.

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