Die schlichte weiß getünchte Kirche im Riedlinger Wohngebiet Eichenau ist ein Fall für den Verfassungsschutz geworden. Foto: /Wein

Geht es um Kritik am „System“, ist dem evangelikalen Prediger Jakob Tscharntke nichts heilig. Längst wird seine Freikirche in Riedlingen vom Verfassungsschutz überwacht. Verliert sie jetzt ihre Gemeinnützigkeit?

Die vom Landesamt für Verfassungsschutz als extremistisch eingestufte Evangelische Freikirche Riedlingen soll ihre Gemeinnützigkeit einbüßen. Mitarbeiter hätten vor Weihnachten ein entsprechendes Schreiben des Biberacher Finanzamts im Briefkasten der Kirche gefunden, schrieb der Prediger der Gemeinde, Jakob Tscharntke, auf seinem Kanal im russischen Messengerdienst Telegram. Die Karlsruher Oberfinanzdirektion bestätigte den Vorgang nicht. Die Finanzbehörden könnten wegen des Steuergeheimnisses zu konkreten Einzelfällen keine Angaben machen, sagte eine Sprecherin.

 

Der Entzug der Steuerbefreiung kommt spät, aber nicht überraschend. Im Verfassungsschutzbericht 2023 war die im Stadtteil Eichenau gelegene Kirche erstmals erwähnt worden und füllte dort einen eigenen Abschnitt, wo sie zwischen Coronaleugnern und Reichsbürgern einsortiert wurde. In den Predigten würden gezielt christlich fundamentalistische Ansichten mit der Ablehnung demokratisch legitimierter Entscheidungen vermischt, heißt es dort. Der Staat werde delegitimiert.

Sind „fremde Mächte am Werk“, gar der „Satan“?

Dabei sei Tscharntke der Hauptverantwortliche: Er gebe extremistische Verschwörungsideologien wieder, ziehe Vergleiche zum Nationalsozialismus und übernehme die Narrative prorussischer Desinformationskampagnen. So hatte er die Corona-Maßnahmen als „dritten Weltkrieg gegen die Völker“ bezeichnet. „Ich hätte solche satanischen Eingriffe in das Leben unseres Volkes vor dem Offenbarwerden des Antichristen nie für möglich gehalten“, hieß es in einer seiner damaligen Predigten.

Jakob Tscharntke war einst Pfarrer der württembergischen Landeskirche. Man trennte sich im Streit. Foto: Screenshot/Youtube

Tscharntke, der sich mittlerweile offiziell im Ruhestand befindet und einen Großteil des Jahres von Ungarn aus die Gemeinde betreut, nannte die Ankündigung des Finanzamts auf Telegram einen „substanziellen Angriff“, der schlimmstenfalls „zum Verlust des gesamten Vereinsvermögens einschließlich der Kirche führen“ könne. Wieder seien „fremde Mächte“ am Werk, wie er in einer Predigt ausführte. Doch mit Gottes Hilfe werde man die „Anfechtungen und Anfeindungen“ bewältigen, so wie all die „Angriffe der Finsternis“ und „harten Kämpfe des vergangenen Jahres“. Damit nahm Tscharntke auch auf interne Auseinandersetzungen Bezug. Allein in den vergangenen 14 Monaten wurden nacheinander drei Vorsitzende verschlissen, die jeweils gefolgt von einer zweistelligen Zahl von Mitgliedern die Kirche verließen.

Wer Tscharntke widerspreche, werde von ihm schnell als „vom Teufel heimgesucht“ abgestempelt, sagte einer, der gegangen ist. Auch einen Geistlichen, den Tscharntke zwischenzeitlich als seinen Nachfolger installiert hatte, um die Gemeinde aus der Schusslinie zu bekommen, wurde wieder vom Hof gejagt. Welch verstörende Theologie in der Gemeinde betrieben wird, zeigt sich daran, dass der Stuhl, auf dem der Mann gesessen haben soll, im Anschluss hinter der Kirche verbrannt wurde. So berichten es Insider.

Von Donauschwaben nach dem Krieg gegründet

Nach dem Krieg war die Riedlinger Freikirche von vertriebenen Donauschwaben gegründet worden. Doch von diesen Familien ist kaum noch jemand übrig geblieben. Mittlerweile sei die Zahl der Gemeindeglieder, die regelmäßig die Gottesdienste besuchen, auf zwei Dutzend geschrumpft, sagte ein Abtrünniger. Dafür ist der Zulauf im Internet weiterhin groß. Mehr als 1000 sind regelmäßig über die alternative Videoplattform Odysee zugeschaltet und lauschen, wenn Tscharntke darüber schwadroniert, dass man nicht weniger, sondern mehr CO2 in der Atmosphäre brauche, weil es das Pflanzenwachstum anrege. „So gute Predigten findet man leider in unserer Gegend keine“, lobt eine Gläubige im Internet-Gästebuch.

Unklar ist, wie hoch die Einnahmen sind, die Tscharntke und die Gemeinde über solche Fernmitgliedschaften erzielen. Der aktuelle Vorsitzende der Gemeinde verwies gegenüber unserer Zeitung auf eine Stellungnahme im Internet, wo die Einstufung als verfassungsfeindliche Organisation als „völlig haltlos“ erklärt wird. Man übe nur Kritik an Politikern. „Sie finden keine Gemeinde, die treuer zu unserem Staat steht, als die Evangelische Freikirche Riedlingen.“

Diese Einschätzung kann die Gemeinde nun bei der vorgeschriebenen Anhörung und ins Steuerverfahren einbringen. Bleibt das Finanzamt auch nach einem etwaigen Einspruch bei seiner Einschätzung, dass kein Freistellungsbescheid erteilt werden kann, ist eine Klage beim Finanzgericht möglich. 2017 erreichte eine Heidelberger Moscheegemeinde dort tatsächlich die Rücknahme eines bereits erlassenen Steuerbescheids. Allerdings war dort ein mutmaßlicher Hassprediger auch nur einmal aufgetreten.