Die Herrenberger haben begonnen, sich mit ihrer Nazi-Vergangenheit zu beschäftigen. Foto: factum/Archiv

Es braucht Zeit, bis die Hinterbliebenen zur Erinnerungsarbeit bereit sind. Der Historiker Marcel vom Lehn hat den Stein dennoch ins Rollen gebracht. Besser jetzt als nie, kommentiert Günter Scheinpflug.

Herrenberg - Besser jetzt als nie. Fast 80 Jahre ist es her, dass auch Menschen aus Herrenberg im Zuge der Euthanasie von den Nazis ermordet wurden. Für die Familien ist die Erinnerung noch heute sehr schmerzhaft. So sehr, dass der von der Stadt mit der Aufarbeitung dieser schrecklichen Geschichte beauftragte Historiker Marcel vom Lehn zunächst große Schwierigkeiten hatte, Zeitzeugen und Hinterbliebene zu finden, die mithelfen, die Geschehnisse von damals aufzudecken.

Es ist besser, das Schweigen zu brechen

Schließlich waren doch manche bereit, Rede und Antwort zu stehen. Vielleicht haben sie erkannt, dass es besser ist, ihr Schweigen zu brechen. Nur so kann die Aufarbeitung beginnen. Nur so können sie die Geschichte ihrer Familien bewältigen.

Die meisten fühlen sich aber nicht in der Lage, ihre Namen preiszugeben. Noch nicht. In Holzgerlingen verlegte der Künstler Gunter Demnig zur Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit Stolpersteine vor den Häusern, in denen sie einst lebten. Einige von ihnen wurden, wie die mindestens elf Menschen aus Herrenberg, in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet. Die Steine tragen deren Namen. Die Herrenberger sind dazu noch nicht bereit.

Eine Gedenkstätte könnte die Anonymität gewährleisten

Vor rund zwei Jahren begann vom Lehn, die Betroffenen anzusprechen. Sie brauchen nach all den Jahrzehnten aber noch Zeit, sich zu öffnen. Diese Zeit sollte man ihnen geben. Statt Stolpersteine zu verlegen, wäre eine Gedenkstätte eine praktikable Lösung, weil die Anonymität – zumindest vorerst – gewahrt werden könnte. Der Gemeinderat sollte auf jeden Fall den Wunsch der Freien Wähler aufgreifen, an die Opfer zu erinnern. Besser jetzt als nie.

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