Große Show, ausgefallene Outfits, eigenwillige Darbietungen – das ist der Eurovision Song Contest, den Deutschland zweimal gewonnen hat: mit Nicole und mit Lena. Dieses Jahr nehmen vom 6. bis zum 10. Mai 37 Länder an dem Spektakel in Kopen­hagen teil. Foto: dpa

Am 10. Mai steigt das Finale des 59. Eurovision Song Contest – Mit Schlagern hat der Wettbewerb aber wenig zu tun.

Am 10. Mai steigt das Finale des 59. Eurovision Song Contest. Mit Schlagern hat der Wettbewerb aber wenig zu tun.

Er wird von vielen gefeiert, von manchen ­geschmäht. Er hat sich verändert über die Jahrzehnte, doch der Eurovision Song Contest (ESC) ist und bleibt ein Ereignis seit 1956, als der Liederwettbewerb noch als Grand Prix Eurovision de la Chanson erstmals im schweizerischen Lugano stattfand, organisiert von der Europäischen Rundfunkunion.

Ganz gleich, ob man ihn liebt oder hasst: Wenn Deutschland auf dem ersten Platz liegt oder auf einem der letzten Plätze, hat jeder eine Meinung dazu. Der Großteil der Menschen in Europa verbindet Erinnerungen mit diesem Wettbewerb: Viele saßen schon mit den Eltern­ vor dem Fernseher und lauschten der Eurovisionshymne, mit der die Übertragungen beginnen. Jeder kennt die schwedische Popgruppe Abba, die 1974 mit „Waterloo“ beim ESC ihren Durchbruch hatte. Fast alle erinnern sich an Nicole, die 1982 für Deutschland um „Ein bisschen Frieden“ bat und damit den ersten Platz ­holte. Und so mancher fragt sich, was eigentlich aus Lena wurde, die den Sieg vor vier Jahren davontrug.

Auch dieses Jahr werden sie wieder singen. Der ESC findet vom 6. bis zum 10. Mai im dänischen Kopenhagen statt. An drei Abenden wird der Kampf ums europäische Lied ausgetragen, 37 Länder beteiligen sich dieses Mal. Für Deutschland geht das Berliner Trio Elaiza mit dem Titel „Is It Right“ ins Rennen. Die Fans fiebern dem Ereignis ­entgegen, die Webblogs glühen schon.

Erst seit Abba interessiert der ESC auch Jugendliche

Wo es Stars gibt, Lieder und einen Wett­bewerb, da muss es auch einen Fanclub ­geben. In Deutschland sind es zwei: Organisation Générale des Amateurs de l’Eurovision, kurz OGAE, heißt der eine mit Sitz in München, Eurovision Club Germany der ­andere (www.ecgermany.de). Gegründet wurde er im Jahr 2000 in Düsseldorf, etwa 900 Mitglieder gehören ihm in Deutschland an. Einige davon reisen nach Kopenhagen, um live dabei zu sein, andere werden das Spektakel mit Gleichgesinnten vor dem Fern­seher mitverfolgen – und manche treffen sich am 24. Mai, zwei Wochen nach der Show, in einer Gaststätte in Stuttgart.

Seit kurzer Zeit erst finden auch in Stuttgart ESC-Partys statt, die der Eurovision Club Germany organisiert. Die meisten Mitglieder besitzt der Club im Norden Deutschlands, sagt Vereinspräsident Michael Sonneck (57), der in Düsseldorf lebt und den ESC schon seit 1968 begleitet. Er hat die Veränderungen der Show miterlebt. Und das sieht er überwiegend positiv: „Wenn er stehen­geblieben wäre, würde es den Wett­bewerb ­heute wohl nicht mehr geben.“

Noch bis weit in die 70er Jahre hinein sei der ESC deutlich konservativ geprägt gewesen. „Jugendliche sprach das damals gar nicht an“, sagt Sonneck. „Erst mit Abba begann sich das zu verändern. Das war fast schon eine kleine Revolution, zunächst aber ein Einzelfall.“ Der Wandel, durch den der ESC für ein junges Publikum interessanter wurde, sei in den 90ern passiert. Damals nahm für Deutschland der Spaßsänger ­Guildo Horn teil. Der ESC wurde zum Party-Ereignis. „Durch Lenas Sieg im Jahr 2010 hatten wir dann einen richtig großen Zulauf.“ 2011 kam der ESC nach Düsseldorf, die Beliebtheit nahm weiter zu.

„Trend zur jeweiligen Landessprache“ festgestellt

Eine Veränderung beim ESC aus jüngerer Zeit bedauern Sonneck und die Fans: Bis 1998 mussten die Teilnehmer ihre Lieder in ihrer jeweiligen Landessprache singen, der Wettbewerb war somit auch ein Spiegel europäischer Sprachvielfalt. „Für viele war dies das eigentlich Faszinierende“, sagt Sonneck. Seit 1999 können die Interpreten selbst entscheiden, in welcher Sprache sie singen. Viele, insbesondere deutsche Interpreten singen vorzugsweise auf Englisch.

Den Wettbewerb macht das nicht bunter. Dass die Titel aus den verschiedenen Ländern seither immer ähnlicher werden, ist auch dem Vereinspräsidenten Sonneck aufgefallen. Andererseits stellt er „einen Trend zur jeweiligen Landessprache fest“. Und zwar ganz ohne Sprachregelung der Organisatoren, ohne Vorschrift von oben. Vielleicht beginnt der ESC ja damit, sich seiner Stärken zu vergewissern. „Ich finde es schade, dass die meisten ihre Lieder auf Englisch vortragen“, sagt auch Fan Michael Mozer aus der Stuttgarter Gegend. „Viel spannender ist es, fremde Sprachen zu hören, auch wenn man sie nicht versteht. Es wäre toll, wenn man zur alten Regelung zurückfände. Oder wenn mindestens 50 Prozent der Beiträge in der Landes­sprache sein müssten.“

Michael Mozer war damals begeistert von der deutschen Casting-Variante, die die Sängerin Lena 2010 zum Wettbewerb brachte: „Lieber jemanden vollkommen Unbekannten hinschicken als einen bekannten Künstler.“ Er ist überzeugt, dass Lena ihren Weg in der deutschen Unterhaltungsbranche machen wird: „Sie hat eine einmalige Persönlichkeit. Schon weil sie den ESC nach Deutschland geholt hat, wird sie wohl nie in Vergessenheit geraten.“

Michael Mozer findet Schlager gut, das sei „einfach deutsches Kulturgut“. Das blonde Goldkehlchen Helene Fischer, Deutschlands erfolgreichster Schlagerstar, und Andreas Gabalier, derzeit Österreichs volkstümlichster Sänger, fallen ihm ein, weil die bei einem jungen Publikum gut ankommen: „Die Texte und Melodien sind simpel und eingängig, und gegen den Ohrwurm, den man davon ­bekommt, kann sich keiner wehren.“

Kann man Schlager und Pop so eindeutig voneinander abgrenzen?

Aber, mal ehrlich, kann man Schlager und Pop so eindeutig voneinander abgrenzen? Und gibt es ein Phänomen wie den deutschen Schlager in anderen europäischen Ländern überhaupt? Ist hierzulande der Schlager im Jahr 2014 nicht doch die populäre Musik­ schlechthin? Helene Fischer („Ich glaub’ dir hundert Lügen“) und Andrea Berg („Die Gefühle haben Schweigepflicht“) feiern erstaunliche Erfolge, junge und alte Fans pilgern zu ihren Auftritten, die sich ja doch auch den Inszenierungen des Mainstream-Pops angeglichen haben. Udo Jürgens (79) füllt noch immer Hallen, Howard Carpen­dale (68) wird angehimmelt wie eh und je, und auch Roberto Blanco (76) lächelt und singt noch immer – ein bisschen Spaß muss schließlich sein. Vorbei die Zeiten, in denen die Deutschen sich für ihren Schlager schämten. Heute feiern sie ihn. „Mit ein bisschen Augenzwinkern darf man sich, weit unter 50, als Schlagerfan outen“, sagt ESC-Fan Michael Mozer.

Vielleicht war es Dieter Thomas Kuhn aus Tübingen, der diese augenzwinkernde Selbstironie ins sentimentale Schlagerspiel brachte. Als dieser anfangs der 90er auf der Bildfläche erschien, waren seine parodistischen Auftritte als Schlagerbarde originell bis leicht ­ verstörend. Doch die Idee lief sich irgendwann tot. Kuhns Versuche, sich als Solokünstler mit ambitionierteren Projekten zu behaupten, scheiterten. Das Publikum wollte nun mal schlichte Weisen und Zeilen wie „Über den Wolken“ (Reinhard Mey), „Sag mir quando“ (Caterina Valente), „Und es war Sommer“ (Peter Maffay), dem Zeitgeschmack zuliebe poppig frisiert und ironisch angehaucht.

Und dann kam Heino

Mit der Föhnwelle von Kuhn kamen die Retrowellen. 1998 sang Guildo Horn beim Eurovision Song Contest in Birmingham „Guildo hat euch lieb“ (Platz 7), und auch für Dieter Thomas Kuhn kehrte 2004 mit ­seinem Comeback als Schlagersänger der Erfolg zurück. Heute sind seine Konzerte ausverkauft, oft mehrere Tage in Folge. Schlagerfans rücken in Schwärmen an, wenn Kuhn kommt. Sie sind ausgestattet mit Sonnenblumen und tragen Klamotten, die ihre Eltern in den dunkelsten Ecken des Dach­bodens oder ihres Gedächtnisses versteckt ­hatten.

Und dann kam Heino, der Mann, der mal von der schwarz-braunen Haselnuss sang und nun die Musikwelt auf den Kopf stellte. Bis dato galt sein Bariton als ironieresistent, und vor ihm kapitulierten auch Musikhörer, die sich von Nana Mouskouris jazzerprobter Stimme betören ließen oder von Udo Jürgens engagiertem Bürgertum angesprochen fühlten. Heinos Lieder konnten nur Großeltern oder Pfadfindern gefallen. So schien es.

2013 veröffentlichte der Barde das Album „Mit freundlichen Grüßen“, auf dem er bekannte Lieder und Songs von Rammstein, den Ärzten und den Fantastischen Vier coverte und zugleich die Rock-, Pop- und ­Hip-Hop-Bands veräppelte. So viel gekonnte Ironie hätte man dem 75-jährigen Altstar nicht zugetraut. Rammstein verstand – und rockte mit Heino beim berühmten Metal-Festival Wacken. Auch beim Heino-Konzert in Stuttgart sah man Leute im Publikum, die wie harte Rocker daherkamen, und bei den alten Liedern und Schnulzen selig mit dem Kopf nickten. Was also ist heute ein deutscher Schlager? Die Frage ist schwer zu ­beantworten.

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