Siebenkampf in Glasgow und Berlin: Für die European Championships tun sich Turner, Ruderer, Triathleten, Leichtathleten, Golfer, Schwimmer und Radsportler zusammen. Foto:Veranstalter Foto:  

Sieben Sportarten wollen sich mit den erstmals ausgetragenen European Championships gemeinsam verloren gegangene Aufmerksamkeit zurückholen. Gastgeber sind Glasgow und Berlin.

Stuttgart - Sieben Jahre ist es her, dass Marc Jörg auf dem Sofa saß und sich wieder einmal ärgerte. Im Fernsehen lief ein Fußballspiel, so wie an fast jedem Tag der Woche. Mit dieser Monokultur wollte sich der Marketingexperte aus der Schweiz nicht länger abfinden. Wie wäre es denn, so sein Gedanke, wenn die anderen Sportarten, die immer weiter an den Rand gedrängt werden, im Kampf gegen König Fußball gemeinsame Sache machten?

Mit seinem Mitstreiter Paul Bristow gründete Jörg die Firma European Championships Management und begann bei Sportverbänden, Fernsehanstalten und Bürgermeistern Klinken zu putzen. Mit Erfolg: an diesem Donnerstag beginnen die ersten European Championships, die den beteiligten Sportarten verloren gegangene Aufmerksamkeit zurückbringen sollen.

Was sind European Championships?

Unter dem Leitmotiv „Gemeinsam sind wir stärker“ haben sich sieben Sportarten zusammengetan und veranstalten innerhalb von elf Tagen an zwei Standorten ihre Europameisterschaften. Im schottischen Glasgow tragen nach der Eröffnungsfeier an diesem Mittwoch von Donnerstag an die Schwimmer, Ruderer, Turner, Radfahrer, Triathleten und Golfer ihre Wettkämpfe aus. Mit etwas Verspätung folgen die Leichtathleten, die vom nächsten Dienstag an im Berliner Olympiastadion ihre Europameister ermitteln. Insgesamt werden in beiden Städten mehr als 4500 Sportler aus 52 Nationen um 188 Medaillensätze kämpfen. Die Veranstalter hoffen auf 1,7 Millionen Zuschauer. „Da versammeln sich faszinierende Sportarten auf engstem Raum“, sagt Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB): „Ich bin überzeugt, dass das Format ein erfolgreicher Ansatz sein kann und wird.“

Das neue Multievent gilt schon jetzt als kontinentales Mini-Olympia und hat nichts mit den European Games zu tun, die von den Nationalen Olympischen Komitees veranstaltet werden. Deren Premiere ging 2015 mit 23 Sportarten und 6000 Athleten in Baku über die Bühne, die zweite Auflage findet nächstes Jahr in Minsk statt. Die Akzeptanz dieser Spiele war gering – durch die European Championships könnten sie noch weiter abgewertet werden.

Warum gibt es zwei Standorte?

Ursprünglich sollten die Spiele in einer Stadt ausgetragen werden. Beim Start der konkreten Planungen war die EM der Leichtathleten jedoch bereits nach Berlin vergeben worden, die Titelkämpfe der Schwimmer nach Glasgow. Dies führte zu einer Kompromisslösung: Die Schotten, die für die Organisation der Commonwealth-Spiele 2014 viel Lob erhalten hatten, erklärten sich bereit, weitere Sportarten in die Stadt zu holen und Berlin als Co-Gastgeber mit ins Boot zu nehmen. „Berlin und Glasgow sind jetzt die Pioniere, ich kann ihnen für ihren Mut zur Innovation nur danken“, sagt Gründer Marc Jörg.

Wie sieht das genaue Konzept aus?

Die Zeitpläne der einzelnen Europameisterschaften sind genau aufeinander abgestimmt. Sie tragen den Bedürfnissen der einzelnen Verbände ebenso Rechnung wie den Interessen der TV-Sender. Dadurch soll gesichert werden, dass sich möglichst keine wichtigen Entscheidungen überschneiden und die Fernsehzuschauer nichts verpassen. In Konferenzschaltungen werden die Sender von den verschiedenen Disziplinen berichten. Eigentlich wollten sich noch mehr Sportarten anschließen, doch waren teils auch bei ihnen die Meisterschaften bereits an andere Städte vergeben oder Fernesehverträge geschlossen worden. Bei Mannschaftssportarten wie Handball, Basketball und Volleyball war eine Teilnahme auch aufgrund des laufenden Ligabetriebs nicht möglich.

Wie steht das TV zum neuen Format?

Die Europäische Rundfunkunion (EBU), Dachverband der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Europa, ist offizieller Sendepartner und schiebt das Pilotprojekt mit großem Aufwand an. Mehr als 40 Sender werden von den Titelkämpfen berichten, die EBU hofft auf mehr als eine Milliarde TV-Zuschauer. In Deutschland planen ARD und ZDF im täglichen Wechsel insgesamt mehr als hundert Sendestunden. Pro Tag soll bis zu 13 Stunden lang aus Glasgow und Berlin übertragen werden, hinzu kommen drei Livestreams im Internet. „Das ist ein Experiment“, sagt ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann, während EBU-Direktor Stefan Kürten schon vor der Eröffnung jubelt: „Das ist ein historischer Meilenstein in der Förderung und Übertragung von olympischen Schlüsselsportarten.“

Wie geht es weiter?

In vier Jahren soll die zweite Auflage stattfinden, dann an nur noch einem Standort. „Es gibt Städte, die schon jetzt Interesse haben, und Städte, die sich die Premiere erst noch angucken wollen. Wir werden bald Gespräche führen“, sagt Gründer Jörg. Sollten die Spiele ein Erfolg werden, dürften weitere Sportarten ihre Bemühungen intensivieren, sich anzuschließen.

In Deutschland ist die Idee gemeinsamer Titelkämpfe bereits aufgegriffen worden. Bei den „Finals 2019“ werden am 3./4. August nächsten Jahres in Berlin erstmals an einem Wochenende Meisterschaften in zehn verschiedenen Sportarten ausgetragen. Kern der Veranstaltung ist die Leichtathletik im Olympiastadion. Die weiteren Sportarten sind Bahnrad, Boxen, Kanu, Moderner Fünfkampf, Schwimmen, Wasserspringen, Bogenschießen, Triathlon und Turnen. In 155 Disziplinen werden 194 Meistertitel vergeben – auch dann wollen ARD und ZDF ausführlich berichten.

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