Verdeckt von einem Hotelbau: Die Stadtbibliothek ist kaum noch zu sehen. Foto: LG/Kovalenko

Die Stadt Stuttgart hat aus dem Fall des 60 Meter hohen Hotel-Towers, der nun das Wahrzeichen Stadtbibliothek verdeckt, gelernt. Die Begrünung von Fassaden ist nun Pflicht. Zuvor äußerte die Stadt nur den Wunsch nach grünen Fassaden.

Stuttgart - Zahlreiche Leser hat der Artikel unserer Zeitung „Bibliothek verschwindet aus dem Blickfeld“ sehr bewegt. Auch Doris Holzmann aus Feuerbach konnte nicht nachvollziehen, dass ein neues Wahrzeichen der Stadt nun hinter einem 60 Meter hohen Hotelneubau im Europaviertel verschwindet.

„Da muss man doch mal fragen: Wer hat denn dieses Bauvorhaben genehmigt? Hätte man sich da nicht im Vorfeld schon mal Gedanken machen können, nachdem die komplette Bebauung dieses gesamten einzigartigen Bahngeländes schon durch diverse Bauten verschandelt wurde“, schrieb die Leserin an Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne). Weiter heißt es in dem Brief: „Wer ist für die Baugenehmigungen in Stuttgart zuständig? Unser Baubürgermeister Peter Pätzold – für einen Grünen kein Glanzstück. Dies ist nur noch geringfügig zu retten, indem die Fassadenbegrünung durchgesetzt wird – das wäre ein kleiner Trost für uns Stuttgarter. Stuttgart entwickelt sich von einer grünen Stadt zu einer grauen Betonstadt – siehe auch Maybachstraße, Feuerbach, auch hier ein unglaublicher Schandfleck und ein Armutszeugnis für Stuttgart als Architekturstadt.“

Pätzold antwortet ausführlich

Dies alles wollte der Baubürgerbürgermeister so nicht stehen lassen. Peter Pätzold antwortete Doris Holzmann ausführlich. „Sie haben in der Tat Recht, dass man das Problem schon lange hätte sehen können“, hob er in seinem Brief an, „denn so war und ist es auch geplant und beschlossen. Aber es gibt auch bauplanungsrechtliche Grundlagen.“ 1998 habe man auf den Grundlagen des städtebaulichen Entwurfs für Stuttgart 21 einen Bebauungsplan für das Teilgebiet A1, das Europaviertel, erstellt und beschlossen. Hier sei auch schon der Standort für die neue Bibliothek enthalten. Für diese habe man 1998 auch einen Architektenwettbewerb ausgelobt. Es sei somit von vornherein klar gewesen, dass die Bibliothek mitten im Europaviertel stehe.

Zudem weist der Bürgermeister darauf hin, dass die Bibliothek auch weiterhin ihre Außenwirkung habe, „da sie ja auch direkt am Mailänder Platz steht und man hat das ganze Geld insbesondere für das Innere der Bibliothek ausgegeben, denn man wollte nicht nur ein gutes Gebäude, sondern auch eine gute und funktionierende Bibliothek“. Weiter erklärt er: „Es gibt also ein geltendes Baurecht für alle Grundstücke im Europaviertel. Und auch das Hochhaus baut innerhalb dieses Bebauungsplans … das Baurecht kann und darf dabei nicht entscheiden, ob etwas schön ist oder nicht.“

Pflicht statt Wunschkonzert

Um diesen Bebauungsplan zu ändern, wären mindestens zwei bis drei Jahre nötig. Damit nicht genug: Sollte man bei diesen Änderungen gar das Baurecht ändern müssen und dem Grundstückseigentümer das Recht zu bauen wegnehmen, könnten Schadensersatzforderungen folgen. Zum Thema Begrünung der Fassade ergänzt Pätzold: „Für das Hochhaus wurde ein Wettbewerb durchgeführt, ergänzt mit dem Wunsch dieses Gebäude auch an der Fassade zu begrünen. Leider wurde dies von Seiten der Bauherren aber als nicht umsetzbar angesehen.“ Aber offenbar hat die Stadt aus diesem Fall gelernt. Denn bei aktuellen Bebauungsplänen fordert die Stadt inzwischen Fassadenbegrünungen ein und für die eigenen Gebäude der Stadt sind Fassadenbegrünungen seit diesem Jahr Pflicht.

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