Skandale wie bei den britischen Royals sucht man bei den Oranje-Nassaus vergebens. König Willem-Alexanders Familie steht für eine Gute-Laune-Monarchie. Doch in der Corona-Krise haben sie einen großen Fehler gemacht.
Stuttgart - Die Gute-Laune-Monarchie vom Deich – das niederländische Königshaus präsentiert sich gern als „Royals von nebenan“. Unprätentiös. Zugänglich. Im Dienste des Volkes. Skandale britischen Ausmaßes sucht man bei den Oranje-Nassaus vergebens. Die Niederländer würden es auch sicher nicht goutieren – sie reagieren schon dünnhäutig, wenn König Willem-Alexander mit seiner Familie während der Corona-Pandemie in den Urlaub nach Griechenland fliegt. Der Anspruch an den Monarchen, seine argentinisch stämmige Frau Máxima und die drei Töchter ist groß. Schließlich hat Willem-Alexanders Mutter Beatrix 33 lang vorgemacht, wie royale Pflichterfüllung aussieht. In unserem Porträt stellen wir die Dynastie Oranje-Nassau vor.
Die Geschichte:
Die niederländische Königsfamilie ist neben den britischen Windsors die vielleicht deutscheste im europäischen Hochadel. Die Niederländer werden daran erinnert, wann immer sie ihre Nationalhymne anstimmen: „Wilhelmus von Nassouwe / bin ich von deutschem Blut . . .“ Dieser Wilhelm von Nassau-Dillenburg (1533–1584), Fürst von Oranien, vereinigte die niederländischen Provinzen und führte sie schließlich in die Unabhängigkeit von Spanien. Der „Vater des Vaterlandes“ sprach zwar kaum Niederländisch, drückte dem Land aber seine Wappenfarbe auf: Orange. Auf dem Wiener Kongress kamen die Oranier 1814 zu Königswürden. Bis heute sitzt die Königsfamilie Oranje-Nassau auf dem niederländischen Thron. 2013 übernahm König Willem-Alexander das Zepter von seiner Mutter Beatrix – und beendete eine 123 Jahre währende Frauenherrschaft. So lange hatten Frauen auf dem niederländischen Thron gesessen: Willem-Alexanders Urgroßmutter Wilhelmina, seine Großmutter Juliana und seine Mutter Beatrix. Auf den König wird dereinst wieder eine Königin folgen: Seine Tochter, die 17-jährige Kronprinzessin Catharina-Amalia.
Die Hauptdarsteller:
Einst wurde er wegen seiner bierseligen Feierlaune als „Prins Pilsje“ geschmäht, doch in seiner inzwischen bald acht Jahre dauernden Regentschaft hat König Willem-Alexander bewiesen, dass er mehr kann als Party. Im Ausland fungiert der studierte Historiker als Türöffner für die niederländische Wirtschaft. Wo die Oranier auftauchen, sind die Leute entzückt von ihrer Volksnähe und Zugänglichkeit. Als nur ein Jahr nach seiner Thronbesteigung im Sommer 2014 die Passagiermaschine mit Flugnummer MH17 über der Ostukraine abgeschossen wurde – die meisten der 298 Opfer waren Niederländer – trauerte Willem-Alexander mit seinen Landsleuten, tröstete sie. In der Corona-Pandemie verlegte der König die Kontakte kurzerhand aufs Virtuelle, sprach aus dem Homeoffice mit Ärztinnen, Sozialarbeitern oder Pflegern. Der 53-Jährige soll offener und nahbarer sein als seine Mutter. Doch von Beatrix ist das Volk royale Perfektion gewohnt. Umso stärker kratzte der unglücklich gewählte Zeitpunkt einer Urlaubsreise 2020 an Willem-Alexanders Image: Im Herbst war die königliche Familie mit einem Regierungsflugzeug in ihr Ferienhaus in Griechenland geflogen, obwohl die Bürger dazu aufgerufen waren, so viel wie möglich zu Hause zu bleiben. Der Zorn im Land war so groß, das der König sich schließlich gezwungen sah, den Urlaub abzubrechen. Ihre eigentlich stabil hohen Zustimmungswerte sackten in den Keller. Schließlich mussten sich Willem-Alexander und Máxima per Video beim Volk entschuldigen: „Es tut weh, Ihr Vertrauen in uns verletzt zu haben.“
Frisch, fröhlich, mit einem Faible für große Hüte und auffällige Mode: Königin Máxima ist der stets gut gelaunte Superstar der niederländischen Monarchie. Willem-Alexander soll sich Hals über Kopf in die temperamentvolle Argentinierin verliebt haben, als er die Investmentbankerin 1999 das erste Mal sah. Ähnlich ging es seinen Landsleuten. Máxima hat beneidenswert hohe Beliebtheitswerte, obwohl auch sie wegen des Griechenlandskandals Federn lassen musste. Máxima und Willem-Alexander führen seit bald 20 Jahren eine vollkommen skandalfreie und augenscheinlich glückliche Ehe. Königin Máxima ist gut beschäftigt: Neben ihren Aufgaben als Königin und Mutter von drei Teenagern, engagiert sich die 49-Jährige auch als Sonderbeauftragte der UN für Mikrokredite in armen Ländern. Wenn sie ihr strahlendes Lächeln zeigt, verzeihen die Niederländer ihrer schönen Königin ihre größte Schwäche – die für hochpreisige Designermode.
Aus den drei niedlichen blonden „Meisje“ im Schloss Huis ten Bosch sind drei selbstbewusste Teenager geworden: Kronprinzessin Catharina-Amalia wird ihrem Vater irgendwann auf den niederländischen Thron folgen. Noch hat die 17-Jährige – genauso wie ihre Schwestern Alexia (15) und Ariane (13) – aber ganz anderes im Kopf: Alle drei reiten und spielen Hockey. Und alle drei sind genervt vom Homeschooling: „Sie vermissen es sehr, in der Schule zu sein und ihre Freundinnen zu sehen“, sagte Willem-Alexander kürzlich in einem Interview.
„Vorsitzende der Niederlande GmbH“ – so sah Beatrix ihre Rolle als Königin. Genauso pflichtbewusst erfüllt sie seit ihrer Abdankung 2013 auch ihre neue Rolle. Prinzessin Beatrix strahlt mit 83 wie eh und je unter dem charakteristischen Hütchen und der passenden Betonfrisur, hat noch immer ein Büro im Palast und nimmt Termine für die Königsfamilie wahr. Als Königin galt sie als stets perfekt vorbereiteter Kontrollfreak, jetzt scheint sie sich mit dem Platz in zweiter Reihe angefreundet zu haben. Öffentlich äußert sie sich selten – und schon gar nicht mischt sie sich in die Geschäfte ihres Sohnes ein.
Die hellsten Glanzlichter und bittersten Momente:
2002 – Hochzeit von Máxima und Willem-Alexander: Spätestens als in der Nieuwe Kerk ein Tango erklang und der Braut Tränen der Rührung und des Abschiedsschmerzes über die Wangen liefen, flogen Máxima Zorreguieta die Herzen der Niederländer zu. Zuvor hatte mancher die Verbindung kritisch gesehen. Jorge Zorreguieta, Willem-Alexanders Schwiegervater in spe, diente in der argentinischen Militärdiktatur als Minister. Doch der Prinz machte klar: Für Máxima würde er notfalls auch auf die Krone verzichten. Das Parlament gab nach. Der Hochzeit in Amsterdam musste Máximas Vater aber fern bleiben, genauso wie der Krönung elf Jahre später.
2002 – Abschied von Prinz Claus: In den 1960er Jahren liefen die Niederländer Sturm, als sich ihre Kronprinzessin Beatrix mit dem deutschen Diplomaten Claus von Amsberg verlobte – schließlich war die Erinnerung an die schlimmen Besatzungsjahre durch die Deutschen noch frisch. Krawalle überschatteten die Hochzeit 1966 in Amsterdam. Doch Prinz Claus eroberte mit seiner leisen, bescheidenen und charmanten Art schließlich auch die Herzen seiner neuen Landsleute. Als er 2002 nach langer Krankheit starb, trauerte ein ganzes Land mit seiner Königin. Die stets kontrollierte Beatrix war dem Zusammenbruch nahe, als sie ihren Mann und wichtigsten Vertrauten zu Grabe tragen musste.
2012 – Drama um Prinz Friso: Der traditionelle Skiurlaub der Königsfamilie im österreichischen Lech endete im Februar 2012 jäh mit einem Unglück: Beim Skifahren wurde Prinz Friso, der zweite Sohn von Königin Beatrix, abseits der Piste von einer Lawine verschüttet. 50 Minuten musste er wiederbelebt werden. Zu lange, stellten die Ärzte fest. Durch den Sauerstoffmangel war das Gehirn zu schwer beschädigt. Knapp 18 Monate später, im August 2013, starb der Vater zweier Mädchen mit 44 Jahren – ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.
2013 – Krönung von Willem-Alexander: Den Anblick wird kein Niederländer so schnell vergessen – Willem-Alexander im Königsmantel aus rotem Samt und mit Hermelinfutter, die Hand zum Schwur erhoben. Neben ihm seine Frau Máxima in königsblauer Robe und mit Diamant-Diadem. Am 30. April 2013 wird aus dem Kronprinzen König Willem-Alexander. Kurz vorher hatte die damals 75-jährige Königin Beatrix abgedankt und ihrem Sohn den Thron übergeben – wie 33 Jahre zuvor ihre eigene Mutter. Die Oranier halten nichts von „Bis dass der Tod mich vom Zepter scheidet“: Wilhelmina, Juliana, Beatrix – die niederländischen Königinnen dankten alle weit vor ihrem Tod ab und machten den Weg frei für die nächste Generation.