Europapark baut Wasserwelt Rulantica Wie Rust mit dem neuen Publikumsmagnet umgeht

Von Heinz Siebold 

Der Europapark im mittelbadischen Rust baut auf der anderen Seite des Ortes die Wasserwelt Rulantica als Urlaubsziel. Jene, die das enorm publikumsträchtige Angebot beiderseits des Ortes kritisieren, sind in der Minderheit. Denn die Gemeinde profitiert.

Seit 2016 wird auf der Rulantica-Baustelle östlich von Rust gearbeitet. Der Europapark selbst liegt auf der anderen Seite des Ortes.Foto: Europapark Rust

Rust - Passt und sitzt millimetergenau. Eine mächtige Holzkonstruktion – 55 Tonnen schwer, 50 Meter lang, 3,80 Meter hoch und 3,50 Meter breit – ist wie ein überdimensioniertes Streichholz von einem Spezialkran 14 Meter hoch in die Luft gehoben und mit Seilen von beiden Seiten an die passende Stelle bugsiert worden. Kranfahrer, Monteure und Zimmerleute atmen durch, der Bauherr und seine Familie nicken anerkennend. Der sogenannte Dachanbinder aus hochwertiger Fichte ist eines von zehn Teilen, die das 12 000 Quadratmeter große Dach der Schwimmhalle Rulantica tragen werden.

Rulantica ist ein Märchen. Was in Rust (Ortenaukreis) Gestalt annimmt, ist nicht einfach nur ein riesiges Schwimmbad. Seit mehr als 20 Jahren basteln die Brüder Roland und Jürgen Mack, die Herren des größten deutschen Freizeitparks mit jährlich fünfeinhalb Millionen Besuchern, an einer neuen Attraktion. 2016 war Baubeginn, Ende 2019 soll die Wasserwelt auf einem 45 Hektar großen Gelände zwischen der Gemeinde Rust und der A 5 fertig sein. Das werde kein Spaß- und kein Wellnessbad, sondern „eine Erlebniswelt“ mit einer Fläche von 32 800 Quadratmetern sein, betont der „Herr der Achterbahnen“. So lautet der Titel eines Buches über Roland Mack. „Es wird sozusagen eine Achterbahn auf Wasser.“ Die Besucher werden in acht Themenbereichen auf 17 Bahnen durch künstliche Tropfsteinhöhlen und Gletscher schwimmen oder rutschen.

Mittlerweile stehen auf 95 Hektar 13 Achterbahnen und 5 Hotels

Mit dem Bau von Karussells und Achterbahnen hat Franz Mack, der Vater der Brüder, einst in Waldkirch den Grundstein für das Unternehmen gelegt. Eigentlich hatte er eine Ausstellungsfläche für neue Produkte gesucht. Doch dann eröffneten die Macks im Juli 1975 in Rust im Park von Schloss Balthasar den Europa-Park – auf bescheidenen 16 Hektar. Danach ging es Schlag auf Schlag, fast im Jahrestakt kam ein neuer Themenpark dazu, es entstand ein eigenes Universum. Heute gibt es auf 95 Hektar dreizehn Achterbahnen, fünf Hotels und rund 100 weitere Attraktionen. Der zweitgrößte Freizeitpark Europas nach Disneyland Paris, vielfach ausgezeichnet und gerühmt wegen seiner Qualität und der Bodenständigkeit der Unternehmerfamilie, hat alle Skeptiker Lügen gestraft.

„Wir sind eine Destination geworden“, ein Urlaubsziel, sagt Roland Mack, „daran arbeiten wir weiter.“ Selbstzufriedenheit und Stillstand kennt der 68-Jährige nicht. Die Wasserwelt, die jetzt gebaut wird, ist das Projekt der Zukunft, die Tochter und die Söhne der Brüder Mack gestalten es maßgeblich mit. Rulantica soll nicht nur weiteres Publikum anlocken, sondern vor allem die Verweildauer erhöhen. Dafür wird das sechste Hotel gebaut, dessen Name Krønasår zu „einer Erzählung“ gehört, wie Michael Kreft von Byern sagt. „Keine Südseestory unter Palmen, sondern eine nordische Sage über die im Nordmeer untergegangene Insel Rulantica.“ Die meisten Besucher, so schätzt der Parkmanager, werden zugleich Hotel und Wasserwelt buchen. „Auch als Kurzurlaub als Alternative für eine Woche Teneriffa. Das ist unser Wettbewerber.“

Die Mehrheit des Gemeinderats steht zum Park

Von 16 auf 95 Hektar und jetzt noch einmal 45 Hektar für Rulantica: Ist das nicht eine zu große Nummer für eine Gemeinde, die 4000 Einwohner zählt – was an guten Besuchstagen des Europa-Parks um das Elffache übertroffen wird? „Die Grenze ist erreicht“, findet Elke Ringwald, Gemeinderätin der Fraktion Aktive Bürger für Rust. Der Ort im Schatten des Massenbetriebes sei jetzt „umzingelt“. Sie und ihre Fraktion hätten es lieber gehabt, wenn die Wasserwelt weiter weg und näher an der Autobahn gebaut worden wäre. Aber sie blieben im Rat und der Gemeinde in der Minderheit.

„Die große Mehrheit in Rust steht zum Park“, sagt der SPD-Fraktionschef Karl-Heinz Debacher. Seit 30 Jahren sieht er sich als „kritischen Begleiter“ der Symbiose des größten Arbeitgebers und Steuerzahlers und der früher recht armen Gemeinde. „Wir müssen immer dran arbeiten, für beide Seiten das Beste herauszuholen“, betont der pensionierte Schulrektor.

„Es ist nicht so, dass der Park kommt, und dann wird im Rathaus oder im Gemeinderat alles durchgewunken“, versichert der Bürgermeister Kai-Achim Klare (36). Der evangelische Sozialdemokrat aus Hannover, Historiker und Politologe, ist seit Februar 2014 Schultes im katholischen Rust, das Rathaus liegt unmittelbar am Park, man kann das Geschrei der Achterbahnfahrer und die Musik der Tanzshows hören. „Ein Gegeneinander würde niemandem nützen“, sagt Klare. „Beide Seiten profitieren.“

Längst nicht alle Parkbesucher übernachten in den Hotels der Familie Mack. In Rust – und in den angrenzenden Gemeinden – sagt man: Wer eine Besenkammer leer stehen lässt, ist selber schuld. Margita „Gita“ Rein und ihr Mann Wolfgang haben keine Besenkammer, sondern ein Gästehaus neu gebaut und bieten neun Zimmer für zwei bis sechs Personen an. Bei ihr wohnen Parkbesucher und die Zimmermänner von der Rulantica-Baustelle. „Der Park lebt von Rust, und Rust lebt vom Park“, sagt Gita Rein. Direkt oder auch indirekt, denn Rust kann es sich zum Beispiel leisten, auf Kindergartengebühren zu verzichten und Schülern das Busgeld zu weiterführenden Schulen zu bezahlen. Und für die Ruster ist der Eintritt in den Europa-Park frei.

Die Wasserwelt bekommt ihr Wasser aus einem Brunnen

Die Gästewohnungen in Gitas Haus hat das Ehepaar Rein gebaut, weil ihm der Internethandel das Schuhgeschäft kaputt gemacht hat. Das heißt, nicht ganz, denn der Europa-Park schickt Mitarbeiter mit Gutscheinen zu Wolfgang Rein. „Die Familie Mack will, dass ihre Servicekräfte gut zu Fuß sind, und spendiert ihnen gutes Schuhwerk.“ Auch sich selbst. „Neun, zehn, zehneinhalb, vier, viereinhalb, fünf“ – Gita Rein kennt die Schuhgrößen der Macks auswendig. „Wir sind bei der Planung von Rulantica von Anfang an gut informiert worden“, betont sie, bei allen Erörterungsterminen war sie dabei.

„Die Bürgerbeteiligung war gut und richtig, es konnten auch ein paar Verbesserungen durchgesetzt werden“, sagt auch die Gemeinderätin Elke Ringwald. „Wir waren am Anfang skeptisch, dass möglicherweise alles zerredet wird“, gibt der Parkchef zu. Aber im Ergebnis ist er jetzt froh, dass – mithilfe eines unabhängigen auswärtigen Moderators – bei den Versammlungen viele Themen auf den Tisch gekommen sind und auch geklärt wurden.

„Jemand hat gefragt, ob dann noch genug Wasser zum Duschen da ist“, erzählt Mack schmunzelnd. Aber das war das geringste Problem, erinnert sich der Bürgermeister. Die Rulantica-Planer hätten überzeugend darstellen können, dass die Wasserwelt weit weniger Wasser verbraucht als angenommen und dieses auch nicht aus der Trinkwasserleitung der Kommune abzapft, sondern aus einem eigens angelegten neuen Brunnen. In der Tiefe des Oberrheingrabens gebe es Wasser genug, zudem werde das Brauchwasser von Rulantica gereinigt und wiederverwendet. Auch ökologische Auflagen würden erfüllt, es gebe Passagen für Wild und Fledermäuse, und für die Versiegelung sind Ausgleichsflächen geschaffen worden. Einsprüche und Klagen gab es keine.

Bezahlbarer Wohnraum für Ortsansässige ist knapp

„Das heißt nicht, dass alle Probleme gelöst sind“, betont Kai-Achim Klare. So gibt es laut dem Bürgermeister nicht genug Parkplätze. Ein Masterplan ist in Arbeit. „Am besten wäre halt, wenn wir einen Bahnhof hätten“, sagt Roland Mack, „oder einen besser ausgestatteten Bahnhof mit ICE-Halt in Ringsheim.“ Das ist die Gemeinde jenseits der Autobahn. „Aber da tut sich nichts, weder bei der Bahn noch bei der Politik“, grollt der Unternehmer, dessen Nähe viele Politiker zwar gerne suchen, seine Wünsche danach aber wohl schnell wieder vergessen.

Vor Ort geht es „vor allem um die Wohnraumsituation“, sagt der Bürgermeister. Ferienwohnungen in Neubaugebieten werde es vorerst keine mehr geben. Und die Gemeinde will auch im Bestand nur maximal 40 Prozent der Wohnfläche als Ferienwohnung genehmigen. Denn der Übernachtungsboom hat auch Investoren von auswärts angelockt, bezahlbarer Wohnraum für Ortsansässige ist knapp – auch für Angestellte des Europa-Parks. Der will nun reagieren und wird eine Wohnsiedlung für rund 300 Mitarbeiter bauen. Mit Kindergarten und Tiefgarage. Der Gemeinderat hat dem Bauantrag bereits zugestimmt. Im Park arbeiten in der Saison rund 3800 Menschen. Und wenn das Hotel Krønasår und die Wasserwelt Rulantica im Spätjahr 2019 fertig sind, kommen noch einmal 500 neue Mitarbeiter hinzu.