Kriegsgeheul im Schützengraben und eine verrohte Oma mit Kopftuch: Theatergruppen aus Tschechien und der Ukraine zeigen beim Theaterfestival im Schauspiel Stuttgart, wie künstlerisch vielfältig Kunst und Krieg inszeniert werden.
Im Westen nichts Neues. Der Satz beendet einen heftig applaudierten Theaterabend. Und er klingt so herzergreifend, deprimierend falsch angesichts der aktuellen weltpolitischen Machtkämpfe zwischen Europa, USA, Russland. Doch zugleich stimmt er ja, der Satz. Wirklich erledigt ist er nie gewesen, der Krieg und seine Folgen, selbst in friedlicheren Zeiten. Das zeigen zwei Ensembles aus Tschechien und der Ukraine beim Europäischen Festival „Achtung Freiheit“ in Schauspiel Stuttgart.
Theater aus Prag und Kiew in Stuttgart
Das internationale Theaterfest ist durch den Krieg in der Ukraine thematisch markiert. Regisseur Dušan David Pařízek und seine Theatergruppe Divadlo X10 Theater aus Prag sind mit einer europäischen Sicht auf den Krieg zu Gast im Schauspielhaus gewesen. Erich Maria Remarques Romanbestseller „Im Westen nichts Neues“ wird mutig, fast tollkühn, mit „Grüne Korridore“ von der 1975 geborenen ukrainischen Autorin Natalka Vorozhbyt zusammengespannt.
Interessanterweise klappt es, und das nicht nur weil Requisiten wie Klatschmohn und künstlerische Mittel wie Videoprojektionen leitmotivisch hier wie dort zum Einsatz kommen und das Ensemble Martin Pechlát, Stanislav Majer, Gabriela Míčová, Jan Bárta, Antonie Rašilovová und Lucie Roznětínská in beiden Teilen überzeugt.
Der erste Teil handelt vom Schlachtfeld an der Front in Frankreich und davon, wie den Soldaten mit ihren grausamen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg das zivile Leben zunehmend absurd vorkommt. Das setzt sich im zweiten Teil „Grüne Korridore“ fort – man erfährt, dass es im Osten auch nichts Neues gibt: weiterhin Leid und Krieg. Der Ton wird dank der Bezüge zum Theater zunehmend auch von Ironie geprägt.
Die Dramatikerin beleuchtet die Sicht der Menschen hinter der Front, die in Österreich, in Ungarn Schutz suchen. Die Frauen, die zuvor als Kommandeure im Kasernenton brüllten, spielen aber nicht nur Leidens- und Schmerzensfrauen, sondern werden zu starken Akteurinnen: Frauen, die zum Taktieren neigen, versuchen, irgendwie durchzukommen. Das wiederum erzeugt Leid bei den anderen.
So werden auch Haltungs- und Geschlechterfragen in der Kunst thematisiert. Eine Frau – eine Schauspielerin, die in russischen Serien mitgespielt hat – , wird von ihren Geschlechtsgenossinnen mit Wonne immer wieder aufs Neue tödlich gequält.
Pařízeks Mut zahlt sich aus, der Doppelabend zeigt, dass Demokratie und Freiheit in Europa auf einem riesigen, blutgetränkten Friedhof verteidigt und immer wieder zerstört werden. Das ist auch in „Buna“ von der Dramatikerin Vira Makoviy, inszeniert von David Petrosyan und musikalisch begleitet von Anna Rudenko, eindrücklich zu erleben.
„Buna“ beginnt als vermeintliches Landidyll
Ausgerechnet die Gruppe des Ivan Franko Nationaltheaters Kiew aus dem aktuellen Kriegsgebiet wagt sich ganz anders ans Thema heran: Krieg ist nicht präsent im Stück über eine Buna – Großmutter – und ihre Familie. Doch es zeigt, was erlittene Traumata im Krieg aus Menschen machen.
Die aufgeschlitzten Leichen, die Buna als junger Mensch im Zweiten Weltkrieg sah, Leid und Angst führen dazu, dass sie sich im ständigen Überlebensmodus befindet, sogar dem Urenkel (Marichka Shtyrbulova) Schokolade stiehlt, die ihre ausgewanderte Enkelin aus Amerika schickt. Eine bucklige Oma, die dauernd betet und emotionale Nähe kaum erträgt: Die Schauspielerin Khrystyna Korchynska verkörpert diese Figur großartig, launisch, dominant, ihre Verletzlichkeit hinter groben Flüchen versteckend.
Als fast schon volkstümliche Tragikomödie beginnt der Abend im Kammertheater, strahlend spricht Dana Kuz als Bunas Enkelin vom Landidyll, erzählt Geschichten über Hühner, Schweine und Maiskolben, die golden leuchten. Eigentlich aber hasst sie die Provinz und steht außerdem zwischen zwei Männern (gespielt von Vitaliy Azhnov und Ivan Sharan).
Sie will – so viel zum Spiel im Spiel – Schauspielerin in Kiew werden und in einem Stück ihre dörfliche Heimat besingen. Amüsante Streitereien zwischen den Generationen fungieren aber als Rahmenerzählung und als Erinnerung daran, wie eine Gesellschaft nachhaltig verroht, selbst wenn der Krieg schon 80 Jahre her ist. Es braucht nicht einen neuen Krieg, der alte ist immer noch da.
Für die schauspielerische Leistung, auch für die Courage, im Krieg in der Heimat weiter Kunst zu machen und nach Stuttgart zu bringen, gab es stehend Applaus und Solidaritätsbekundung mit ukrainischer Fahne. Von denen, die lange schon hier sind und von vielen Ukrainerinnen und Ukrainern, die zur Vorführung gekommen waren. Ein anrührender Moment. Im Westen viel Neues.
Weitere Termine des Europäischen Theaterfestivals
Gastspiele
„Die Hexe von Konotop“ vom Ivan Franko Nationaltheater Kiew am 27. März um 19.30 Uhr im Schauspielhaus, ausverkauft. Restkarten eventuell an der Abendkasse. „Willkommen am Ende der Welt“ von Maryna Smilianets am 27. und 28. März, jeweils um 20 Uhr im Kammertheater.