Auch dem Coach kann Bewegung nicht schaden: Christian Streich dehnt sich beim Training – nun wollen seine Spieler in der Europa League die Muskeln spielen lassen. Foto: dpa

Der SC Freiburg steht vor seinem Pflichtspielauftakt in der Bundesliga vor großen Aufgaben: in der Qualifikation zur Europa League und auf dem Transfermarkt.

Freiburg - Auf seine alten Tage hin hat das Freiburger Schwarzwaldstadion noch mal eine Renovierung bekommen. Die Nordtribüne, der Ort also, wo normalerweise die Fans des Sportclubs stehen, grüßt rechtzeitig vor dem ersten Pflichtspiel der neuen Saison mit blauen Sitzschalen. Alles ist neu beim SC Freiburg. Das internationale Geschäft, die Dreifachbelastung. Und das Diktat der Uefa, dass es bei internationalen Spielen keine Stehplätze geben darf. Dabei geben die neuen blauen Sitzschalen irgendwie einen passenden Rahmen für die Situation rund um das Team um den Trainer Christian Streich.

Denn der SC Freiburg startet an diesem Donnerstag mitten ins Blaue rein. Auch im übertragenen Sinn.

Am Abend steigt das Hinspiel der dritten Qualifikationsrunde zur Europa League gegen den slowenischen Pokalsieger NK Domzale (21.05 Uhr/SWR) – es ist der Auftakt in eine Saison mit vielen ­Unwägbarkeiten. Dabei ist nach dem überraschenden siebten Platz in der Vorsaison auf den ersten Blick alles wie immer. Der SC verliert einige seiner besten Spieler an die Konkurrenz und muss sich wie vor ­jeder Saison wieder neu aufstellen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Neu aber ist jetzt das internationale Geschäft, das einerseits ein Segen für jeden Verein ist – das die Kaderplaner und den Trainer des Sportclubs aber aufgrund der höheren Belastung vor große Herausforderungen stellt. Freiburg lebt von eingespielten Abläufen, von der Detailarbeit von Christian Streich im Training. Jetzt drohen Reisen in den Ural statt Spielformen auf dem Trainingsplatz in der Schwarzwaldstraße.

Priorität hat die Verbreiterung des Kaders

Und neu ist auch, dass der SC gefühlt plötzlich im Geld schwimmt – aber dennoch weiter einer der kleinsten Fische im großen Bundesliga-Teich ist. 20 Millionen Euro kassierte der SC für den Offensivmann Maximilian Philipp (zu Borussia Dortmund), sieben für den Spielmacher Vincenzo Grifo (zu Borussia Mönchengladbach). Riesengroße Einnahmen sind das für Freiburger Verhältnisse – aber irgendwie auch eine schlechte Verhandlungsbasis für den Sportvorstand ­Jochen Saier. Ihr habt doch die Kohle jetzt, diesen Spruch hat Saier in den vergangenen Wochen gefühlt wohl hundertmal gehört, wenn er mit anderen Clubs in die Ablöseverhandlungen für mögliche Neuzugänge getreten ist.

Hier geht es zum großen VfB-Transferticker.

Dabei war von vorneherein klar, dass der SC keinesfalls einen Großteil der eingenommenen Transfersumme in zwei neue Offensivspieler investieren wird. Priorität hat die Verbreiterung des Kaders. „Wir können uns nicht vier fertige Bundesliga-Spieler holen, die schon 150 Ligaspiele auf dem Buckel haben“, sagt Jochen Saier. Denn nicht nur die Ablösesummen können zum Problem werden: „Wir wollen unser Mannschaftsgefüge nicht sprengen. Keiner soll das Gefühl haben, dass der Nebenmann das Dreifache verdient, obwohl er weniger läuft“, ergänzt Saier.

Neben Lienhart und Kapustka soll weitere Verstärkung kommen

Das Dilemma des Sportclubs: Das Team braucht weiter Verstärkung, Geld ist da – aber der bescheidene Freiburger Weg soll nicht verlassen werden. Der Präsident Fritz Keller drückt es so aus: „Klar ist, dass wir nicht mehr Geld für Spieler ausgeben wollen, als wir uns das vorstellen. Dieses Handeln braucht Zeit und Geduld.“ Bisher verpflichtete der SC unter anderem zwei international begehrte Talente: den österreichischen Innenverteidiger Philipp Lienhart (20) von Real Madrid und den polnischen Offensivmann Bartosz Kapustka (20/Leicester City) – beide auf Leihbasis. Weitere Verstärkungen sollen noch folgen.

Angesichts des stark überhitzten Marktes mit horrenden Transfersummen kommt der SC fast schon als Auslaufmodell daher. Fritz Keller hält dagegen: „Unser Konzept als Ausbildungs- und Weiterbildungsverein passt nach wie vor“, sagte er der „Badischen Zeitung“: „Wir müssen nur die Anforderungen anpassen: Wir müssen noch früher junge Spieler an uns heranführen.“

Ablösesummen werden auch in den Nachwuchs investiert

Der SC Freiburg jedenfalls steht vor einer Herkulesaufgabe. Denn bisher war es ja meist noch so, dass er immerhin noch für junge Talente eine gute Adresse war. Die aber folgen jetzt oft auch einfach nur noch dem Ruf des Geldes und wechseln zu den zahlungskräftigeren Clubs, etwa nach England.

Fritz Keller betont inmitten des ganzen Transferwahnsinns, „dass wir unsere Nische sauber halten müssen. Wir müssen uns treu bleiben. Der SC hat sich der Nachhaltigkeit verschrieben.“ Dazu gehört es auch, dass die hohen Ablösesummen für Philipp und Grifo nicht komplett in neue Profis investiert werden. Sondern eben auch in den Nachwuchs – das Pfund, mit dem der Ausbildungsverein SC Freiburg auch in Zukunft wuchern will.

Mit Blick auf die neue Saison betont Jochen Saier, wie wohl sich der SC nach wie vor in seiner Rolle fühlt. „Wir starten wieder vom Ende der Nahrungskette aus– von dieser Position haben wir in der Vergangenheit schon einige Erfolge gefeiert.“

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