Mit vollem Einsatz: der Nationalspieler Robert Andrich Foto: Baumann/Julia Rahn

Der Mittelfeldspieler ist sich für keinen Zweikampf zu schade – weshalb ihm im Achtelfinale der Heim-EM gegen Dänemark eine zentrale Rolle zukommt.

Er ist bereit. Mit jeder Faser seines volltätowierten Körpers. Nichts anderes will Robert Andrich ausstrahlen. Trotz der Ruhe, die in seiner Stimme mitschwingt. Der Nationalspieler möchte am Abend vor dem Achtelfinale bei der Heim-EM nichts Unbedachtes sagen. Auch nichts Provokantes, wie er es zu seinem Karrierebeginn über Jahre hinweg getan hat. Um aufzufallen, um anzuecken, um sich abzureagieren.

 

Doch das hat der Mittelfeldspieler vor der Begegnung an diesem Samstag (21 Uhr/ZDF) gegen Dänemark nicht mehr nötig. Andrich ist als Figur unverwechselbar und zählt nun selbst zu den Stars des deutschen Fußballs. Hochgearbeitet hat sich der 29-Jährige und ist mit erst acht Länderspielen selbst in der Nationalmannschaft gesetzt. Das zeigt sich auch daran, dass er mit nun hell gefärbten Haaren die obligatorische Pressekonferenz vor der Partie bestreitet.

Inmitten von Königen und Zauberern

Ein Privileg der Stammkräfte. Diese Form der Wertschätzung hat Andrich lange vermisst. Doch der Bundestrainer Julian Nagelsmann gewährt sie ihm, weil er die Mentalität des Spätberufenen gerade im Mittelfeld so dringend benötigt. Andrich übernimmt inmitten von Königen und Zauberern die Rolle des Dieners. Ganz gleich, ob er nun Toni Kroos oder Ilkay Gündogan, den erfahrenen Strategen der Weltclubs Real Madrid und FC Barcelona, zu Diensten steht. Oder sich für die leichtfüßigen Ballzocker Jamal Musiala und Florian Wirtz in die Zweikämpfe stürzt. Auf die Sicherheitskraft mit der Rückennummer 23 ist Verlass. Er verrichtet seine Arbeit höchst aggressiv.

„Genau diese Galligkeit und Ekligkeit fordere ich von Rob ein“, sagt Nagelsmann. Deshalb wird er den Abräumer vor der Abwehr trotz einer drohenden Gelbsperre beim Weiterkommen – wie bereits vor dem Gruppenspiel gegen die Schweiz – auch nicht gegen die Dänen bremsen. Voller Einsatz ist im ersten K.-o.-Spiel der deutschen Elf in Dortmund gefragt. „Das sind immer Nuancen, dass man nicht überdreht, aber ich kann und will ihm da nichts wegnehmen“, erklärt der Bundestrainer grundsätzlich, „wir haben viele Feingeister in der Mannschaft, da brauchen wir auch welche, die dazwischenpflügen.“

Alles oder nichts, ganz oder gar nicht. Das ist das Motto für den Auftritt in der westfälischen Arena – und Andrich verkörpert es wie kaum ein anderer im Kader des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Dahinter warten Pascal Groß und Emre Can auf ihre Bewährungschance, mit einem in Teilen anderen Spielerprofil für das defensive Mittelfeld. „Ich stehe für eine härtere Spielweise. Das steht außer Frage“, sagt Andrich, der sich um seinen Ruf als Rüpel nicht schert. Diesen mit Grätschen oder Verbalattacken gegen die Gegner aber durchaus auf dem Rasen pflegt.

Damit bringt er ein Element in das Spiel, das in der Schaltstation zwischen Defensive und Offensive lange vermisst wurde. Denn die DFB-Auswahl agierte vor Nagelsmanns Rochade mit Andrich und Kroos zwar häufig mit einer Doppelsechs, aber dennoch ohne Balance. Jetzt hat sich eine neue Mitte gebildet. Sie wirkt austariert, und aus ihr entspringt der Spielfluss. Kroos und Gündogan können das Spiel mit Ball dominieren, Musiala und Wirtz können es mit espritvollen Einzelaktionen würzen. Verlieren sie die Kugel, öffnen sich mit Andrich im Zentrum nicht zu viele Räume. Notfalls stellt er sich einem Christian Eriksen, dem dänischen Dreh- und Angelpunkt, einfach in den Weg.

Mehr als ein Zerstörer

Doch Andrich allein auf seine Qualitäten als Leibwächter und Zerstörer zu beschränken greift zu kurz. „Meine Trainer wissen, was ich am Ball kann“, sagt er. Das ist zum einen Xabi Alonso bei Bayer Leverkusen, der den Mittelfeldspieler an der Seite des Schweizer Metronoms Granit Xhaka taktisch und spielerisch auf ein neues Niveau gehievt hat. Gemeinsam haben sie in einer sagenhaften Saison mit einer Reihe von wichtigen Andrich-Toren das Double aus Meisterschaft und Pokal gewonnen. Was zur dritten Ebene führt, der mentalen. Denn der spanische Coach hat den lange verspotteten Vizekusenern die Gier auf Titel vermittelt.

Zum anderen versucht nun Nagelsmann, dieses rheinische Momentum für das DFB-Team zu nutzen. Menschlich hat sich der Widerspenstige in das Mannschaftsgefüge eingeordnet. Sportlich baut der Bundestrainer mit Andrich und Kroos auf eine ähnliche Konstruktion wie Xabi Alonso beim Werksclub. Sie verbindet Kontrolle und Kreativität. „Man merkt der Mannschaft an, dass wir Selbstvertrauen haben und ich hoffe, dass das auch etwas mit den Gegnern macht“, sagt Andrich.

Im Idealfall führt der Erfolgsweg der DFB-Elf nach Berlin, einem Sehnsuchtsort für Andrich. Das hat er vor Turnierbeginn erzählt. Einst spielte der gebürtige Potsdamer in der Hauptstadt für Hertha BSC und Union. Und im Olympiastadion diente er als Balljunge. „Dorthin zurückzukehren und ein Finale zu spielen gibt einem ein unfassbares Gefühl. Das kann man sich nirgends kaufen“, sagt Andrich, der im vergangenen Mai den DFB-Pokal in den Berliner Nachthimmel gestemmt hat. Im Juli soll es der EM-Pokal sein.