Eugen Gomringer Foto: privat

Im Januar feierte Eugen Gomringer seinen 90. Geburtstag. Die Akademie für gesprochenes Wort widmete ihm nun zwei Abende, ein literarisches Porträt: Am Freitag und Samstag war der Vater der Konkreten Poesie in Stuttgart zu Gast, er las, erzählte von Leben und Arbeit. Joachim Kalka, Wulf Segebrecht, Michael Lentz und Nora Gomringer kamen, um mit ihm zu diskutieren und ihn zu würdigen.

Im Januar feierte Eugen Gomringer seinen 90. Geburtstag. Die Akademie für gesprochenes Wort widmete ihm nun zwei Abende, ein literarisches Porträt: Am Freitag und Samstag war der Vater der Konkreten Poesie in Stuttgart zu Gast, er las, erzählte von Leben und Arbeit. Joachim Kalka, Wulf Segebrecht, Michael Lentz und Nora Gomringer kamen, um mit ihm zu diskutieren und ihn zu würdigen.

Gormringer als Erfinder

Neben dem Podium eine Wand, an ihr: das Schweigen. „schweigen“ heißt der bekannteste Text Gomringers. 14 Mal steht das Wort da, nur in der Mitte eine Leerstelle. Hier wird der Inhalt auf unmittelbarste Weise dargestellt. „Schweigen“, sagt Michael Lentz, „macht Ernst, mit den Grenzen des Sagbaren“. Für Lentz, selbst Dichter in der Nachfolge Gomringers, ist dieses Text-Bild eine „Inkunabel der Poesie“, die „berühmteste Ellipse der Literaturgeschichte“. Lentz nennt ihn einen Vermittler, Erfinder. Gomringer selbst lauscht - und schweigt. Später dann diskutiert er mit Lentz und dem Literaturwissenschaftler Wulf Segebrecht, spricht davon, welchen Einfluss die Lyrik des ­Barock auf ihn hatte, von der Form, der ­Typografie und ihrer Wirkung. Konstellationen wie „schweigen“ schreibt Gomringer noch immer, aber er spricht auch von seiner jüngsten Aneignung des Sonetts: „Zuerst war ich erstaunt“, sagt er. „Der Jambus ist ja eigentlich Alltagssprache!“ In den Gedichten, die er nun verfasst, als Fortsetzung der Konkreten Poesie, erinnert Gomringer sich an Künstlerkollegen, für ihn die Vorstufe einer Autobiografie: „Ich könnte jeden Tag ein Sonett schreiben“, sagt er.

Gomringer in der Provinz

Er lebt in Rehau, einer Gemeinde in Oberfranken. Er ist, wie Wulf Segebrecht sagt, ein „Weltpoet in der Provinz“. Sucht Gomringer diesen Gegensatz? „Vielleicht war das ein Teil der Entscheidung“, sagt er. „Aber ich habe auch niemals unter vielen Leuten gelebt, ich bin niemals geschwommen in einer Stadt, ich habe immer die konzentrierten, überschaubaren Verhältnisse vorgezogen. Vielleicht ist das auch ein bisschen Klugheit, wenn man sagt: Ich lasse die Leute zu mir kommen.“ Er ist kein Dichter, der die Kaffeehäuser aufsucht: „Ich brauche eine gewisse Distanz“, sagt er. Und er braucht seine Bibliothek. In seinem Haus zu sitzen, diese Bibliothek um sich herum zu haben - so, vermutet Segebrecht, schafft Eugen Gomringer die Weite der Welt um sich her.

Gomringer, interaktiv

Eugen Gomringer in seiner Bibliothek ist auch das Motiv einer Postkarte, die für Nils Meinrads interaktive Webdokumentation „a gomringer z“ wirbt. Das Bild zeigt Gomringer, hinter einer Zeitung verschwindend. Ganz zuletzt präsentiert Menrad die Dokumentation: die Website www.agomringerz.de leuchtet auf der Leinwand, das Bild der Postkarte erwacht zum Leben. Der Dichter geht an dicht bepackten Regalen entlang. „Wo ist das Buch hingekommen?“, sagt er. „Das gibt’s doch nicht!“ Der Besucher der Website darf Wörter eingeben, jedes Wort zerfällt in Buchstaben, zu jedem Buchstaben existiert ein sogleich abgespielter Film. Gomringers Frau, seine Kinder erzählen von Gomringer, er selbst spricht über die konkrete Poesie, über Ping-Pong-Gedichte, und geht zum Briefkasten: Das Internet als Bühne für den Weltdichter aus der Provinz.

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