Die Verleihung des Eugen-Bolz-Preises mit dem Rottenburger OB Stephan Neher, Kanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (von links). Foto: AFP

Kurz vor ihrem brisanten Staatsbesuch in der Türkei nimmt Kanzlerin Angela Merkel in Stuttgart den Eugen-Bolz-Preis entgegen. Dieser hat heute eine besondere Bedeutung als Zeichen gegen Nationalismus, Totalitarismus und Menschenfeindlichkeit.

Stuttgart - Da kann die Welt noch so sehr in Unordnung geraten, Angela Merkel zeigt die Ruhe und innere Gelassenheit für Momente der Besinnung. Dann ist die Politikerin, die wie keine andere Verantwortung trägt für den Zusammenhalt Europas, ganz bei sich selbst – wie an diesem Mittwochnachmittag im Stuttgarter Neuen Schloss, als der Kanzlerin der Eugen-Bolz-Preis verliehen wird. Die Auszeichnung erinnert an den früheren württembergischen Staatspräsidenten, der sein Eintreten gegen den Nationalsozialismus mit dem Leben bezahlt hat.

Der Bolz-Preis ist ein „klares Signal gegen Totalitarismus, Menschenfeindlichkeit und Verfälschung historischer Fakten“, betont der katholische Bischof Gebhard Fürst. So sind die Machthaber vom Schlage Trumps, Putins und Erdogans, aber auch die Rechtsdemagogen hierzulande in dieser ruhigen Stunde ziemlich nah. „Jetzt ist lebendige Erinnerung an das Geschehene doppelt angezeigt“, sagt der Rottenburger Bischof.

Den Nazis einst die Stirn geboten

Merkel muss nun aller Welt die Vorzüge von Demokratie und Rechtsstaat vor Augen führen – den „Zauber der Freiheit“, wie die Naturwissenschaftlerin gegen ihre Gewohnheit lyrisch formuliert. Sie beschreibt ihre Verantwortung, „Europas Bedeutung für jeden Einzelnen erkennbar zu machen“. Es sei „die beste Versicherung für Frieden und Freiheit“. Europa sei aber „nur so stark, wie wir es zusammenhalten können“.

Den Preis erhält die Regierungschefin oberhalb des Ehrenhofs. Genau dort wollte Adolf Hitler im Februar 1933 eine Wahlkampfveranstaltung durchführen – im Vorfeld der letzten halbwegs freien Wahlen der Weimarer Republik, wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann erinnert. Doch Eugen Bolz habe den Nazis rhetorisch die Stirn geboten. Am 23. Januar 1945 ließen diese in Berlin-Plötzensee das Fallbeil auf den gebürtigen Rottenburger nieder.

Verwurzelt im christlichen Glauben

Nicht nur Kretschmann und Fürst, sondern auch der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx zieht eine Linie von der tiefen christlichen Prägung des Widerständlers Bolz zur Preisträgerin. Merkel lebe ihren christlichen Glauben unaufdringlich, sagt der Vorsitzende der Bischofskonferenz. Doch niemand sollte sich über ihre Verwurzelung hinwegtäuschen. Mit der Aufnahme der Flüchtlinge in einer kritischen Phase Europas habe sie „ein Beispiel christlicher Nächstenliebe gegeben“, so Marx. Als „Ausdruck einer zutiefst humanitären Haltung“ sieht dies der Ministerpräsident. Für Merkel gelte „ohne Einschränkung: Politisch Verfolgte genießen Asyl“. Kretschmann schiebt ein, dass Deutschland nicht alle Flüchtlinge aufnehmen könne, „sonst überfordern wir unser Gemeinwesen“. Doch ist jede Lobrede auf Merkel für diese eine Verpflichtung, von ihrer Politik jetzt nicht abzurücken unter dem Druck von CSU und AfD. „Kurs halten“, lautet die Mahnung der Laudatoren.

Die Jugend spürt Vertrauen der Kanzlerin

An diesem Nachmittag erspart sich die Kanzlerin tagespolitische Kommentare. Diese wären dem Rahmen nicht angemessen. Dennoch ist das Gesagte hochaktuell. Die Rottenburger Eugen-Bolz-Stiftung verleiht den mit 5000 Euro dotierten Preis alle zwei bis vier Jahre. Drei der bisher Geehrten sind dabei: Charlotte Knobloch, einst Präsidentin des Zentralrats der Juden; Ex-Ministerpräsident Erwin Teufel und der langjährige Lebenshilfe-Vorsitzende Robert Antretter. Beim fünfzehnminütigen Empfang im Anschluss nimmt sich Angela Merkel ebenso kurz Zeit für ein Gespräch mit den Vorgängern wie für Fotos mit einem Dutzend Jugendlichen von Eugen-Bolz-Schulen.

Einer von ihnen, der 17-jährige Giuseppe Capasso aus Rottenburg, sagt später: „Sie setzt auf die Jugend – es war zu spüren, wie sie uns vertraut.“ Und die 18-jährige Alison Virnich nimmt mit, dass es an jedem Einzelnen liege, sich zu engagieren und die Demokratie zu verteidigen. „Das hat sehr motiviert, politisch mehr zu machen, als einmal im Jahr einen Wahlzettel auszufüllen.“ Zu dem Zeitpunkt ist Angela Merkel schon wieder entschwunden – ein Despot namens Erdogan wartet auf sie in Ankara.

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