Die Villa Bolz auf dem Killesberg Foto: Horst Rudel

Sabine Bolz aus Kalifornien begab sich in Stuttgart auf Spurensuche nach dem vermeintlichen Großonkel Eugen Bolz. Am Ende stand eine „schreckliche Überraschung“ und ein unvergessliches Erlebnis.

Stuttgart - Geschichten gibt’s, die gibt’s gar nicht. Oder vielmehr: Die stellen sich plötzlich anders dar. Das trifft auf eine Geschichte zu, die am 16. Juni mit einer Mail an die Redaktion ihren Ausgang genommen hat. Sie begann mit dem Satz: „Mein Name ist Sabine Bolz. Ich lebe in Kalifornien/USA und bin eine Großnichte von Eugen Bolz.“ Die Absenderin äußerte den Wunsch, „Kontakt mit den jungen Leuten aufzunehmen“, die das zum Abriss freigegebene Haus des von den Nazis hingerichteten früheren württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz (1881–1945) rund ein halbes Jahr lang bewohnten und dabei das Andenken an Bolz auf kreative Weise hochhielten.

Begegnung mit den jungen Freigeistern

Durch eine Internet-Recherche war die Psychologin Sabine Bolz von Kalifornien aus auf die in unserer Zeitung geführte Diskussion um die Bolz-Villa gestoßen. Einen Deutschland-Besuch im Juli wollte sie nutzen, um die Mitglieder der Wohngemeinschaft Kollektiv 44 kennenzulernen. „Ist es Ihnen möglich, mir dabei behilflich zu sein?“, schrieb sie an unsere Zeitung. Der Kontakt kam zustande. Sabine Bolz, begleitet von ihrer 17-jährigen Nichte aus Bayern, verbrachte einen Tag in Stuttgart, besuchte mit Einverständnis des neuen Eigentümers, einer Wohnungsbau­gesellschaft, die Villa Bolz am Killesberg, besuchte auch das Haus der Geschichte, wo sie von Direktor Thomas Schnabel begrüßt wurde, spazierte mit Mitgliedern des Kollektivs 44 zu den „Bolz“-Plätzen in der Stadt – darunter das Eugen-Bolz-Denkmal am Königsbau – und ließ den Tag mit den jungen Freigeistern bei einer angeregten Diskussion über Geschichte und Geschichtsvermittlung ausklingen. Über diesen Besuch berichtete unsere Zeitung am 8. August ausführlich.

Kurz nach Erscheinen des Textes ging wieder eine Nachricht in der Redaktion ein – diesmal von Eugen Rupf-Bolz, wohnhaft in Ulm, dem ältesten der vier Enkel von Eugen Bolz. Seine Mitteilung: „Eine Sabine Bolz gibt es in unserer Familie nicht.“ Ein Betrug? Eine Köpenickiade? Eine Verwechslung? Ein Irrtum?

Eugen Bolz hatte zwölf Geschwister

Inzwischen gingen viele Mails zwischen Stuttgart und Kalifornien hin und her. Sabine Bolz zeigte sich zutiefst geknickt angesichts der „schrecklichen Überraschung“. „Meine Schwester und ich gehen weiterhin davon aus, dass eine Verwandtschaft besteht, in einer Form zwischen meinem Großvater väterlicherseits und Eugen Bolz“, schrieb sie zunächst. „Ich kann es mir nicht anders erklären, dass in meiner Familie der Name erwähnt wurde. Beide (inzwischen verstorbenen) Eltern haben in ihrem Leben keinen ­Internetzugang gehabt. Ich frage mich, woher sie sonst den Namen und die Rolle von Eugen Bolz gekannt hätten.“ Dokumente, die eine Verwandtschaft ­belegen, hat Sabine Bolz indes nicht. Immerhin weiß sie: „Mein Großvater hieß Josef-Otto.“

Eugen Rupf-Bolz macht aus seiner Verärgerung und der seiner Familie keinen Hehl und drängt auf eine Korrektur. Sein Großvater habe zwar zwölf Geschwister gehabt, viele seien aber schon im Kindesalter gestorben. Neben Eugen Bolz habe nur ein Bruder, Richard (geboren 1883), selbst Kinder gehabt. Eine Verwandtschaftsbeziehung sei deshalb ausgeschlossen. In der Tat. Die Kopie eines bis ins 17. Jahrhundert zurückgehenden Stammbaums der Familie Bolz, den die jungen Leute in der Villa entdeckten, bestätigt diese Angaben. Dies tut auch Peter Ehrmann, Stadtarchivar von Rottenburg, wo Eugen Bolz geboren ist. Er weist zugleich darauf hin, dass der Name Bolz im 19. Jahrhundert dort sehr ­verbreitet gewesen sei.

„Ein Irrtum“

„Die Annahme, dass unser Großvater und Eugen Bolz Brüder waren, war demnach ein Irrtum“, schreibt Sabine Bolz mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns als Reaktion auf diese Klarstellung. Ein Stück ihrer Familiengeschichte muss nun neu geschrieben werden. Unter dem Strich stehen für sie – wie auch für Thomas Schnabel, Direktor des Hauses der Geschichte – jedoch die positiven Eindrücke in Stuttgart. Konkret: „Der bezaubernde Kontakt mit den jungen Leuten. Diese sind unsere Zukunft. Sie sind es, die alte Geschichte mit neuem Leben verknüpfen und neue Geschichte schaffen“, schreibt Sabine Bolz. „Das Erleben der jungen Leute (und meiner Nichte) gibt Hoffnung, dass tiefe Menschlichkeit weiterhin ein Gut ist, das geehrt und gelebt wird.“ Und das ist dann doch eine schöne Geschichte.

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