Durch die zu häufige Verwendung von Antibiotika in der Tiermast bilden sich vermehrt Resistenzen – bei Menschen und Tieren. Foto: / dpa//Matthias Schrader

Die EU-Kommission will den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast lediglich reduzieren. Vielen geht der Vorschlag nicht weit genug.

Brüssel - Seit Jahren machen sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Ärzteschaft und die Bundesregierung dafür stark, Antibiotika nur noch gezielt in der Human- und Tiermedizin einzusetzen. So soll verhindert werden, dass sich Resistenzen bilden und die Medikamente nicht mehr wirken.

 

Die EU-Kommission will den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast mindern. Dem Europa-Parlament geht der Kommissionsvorschlag nicht weit genug. Wie ausgeprägt das Problem inzwischen ist, zeigen Daten des europäischen Netzwerks zur Überwachung von Resistenzen. Danach sterben in der EU jährlich etwa 33 000 Menschen, weil ihre Erkrankung nicht mit Antibiotika behandelt werden kann.

Im landwirtschaftlichen Sektor zeigt sich bereits ein Rückgang

Zuletzt gab es in Europa beim Menschen einen Jahresverbrauch von 4122 Tonnen, bei Nutztieren waren es 6558 Tonnen. Zwar setzen deutsche Tierärzte weniger dieser Mittel ein. Waren es 2011 noch 1706 Tonnen, ergab sich 2019 ein Wert von 670 Tonnen. Der Rückgang sieht aber besser aus, als er tatsächlich ist. Denn je Kilogramm Fleisch beträgt er nach Angaben der Europäischen Medizinagentur EMA 88 Milligramm, während es beispielsweise in Dänemark 38 Milligramm sind.

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Ein Rückgang zeigt sich im landwirtschaftlichen Sektor bei den Reserveantibiotika – also bei Arzneien, die aus Sicht der WHO „höchste Priorität beim Menschen“ haben sollten und die Ärzte nur dann einsetzen, wenn kein anderes anti-bakterielles Mittel mehr hilft. Allerdings entfallen europaweit 14 Prozent der Antibiotika, die Tierärzte einsetzen, auf die Reserve-Medikamente. Und um vier dieser Mittel dreht sich nun der Streit zwischen der Kommission und dem Umweltausschuss des Parlaments.

Einigen EU-Politikern geht der Vorstoß nicht weit genug

Was die Kommission vorschlage, um weniger Reservemittel bei Geflügel oder Schweinen einzusetzen, sei zu schwach und nicht konkret genug, sagt der Grünen-Abgeordnete Martin Häusling. Der Plan unterscheide nicht zwischen Haustieren und Nutztieren und auch nicht danach, ob ein Tierarzt die Mittel zur Behandlung eines einzelnen kranken Tiers oder einer ganzen Gruppe einsetze.

Diese so genannte Metaphylaxe ist ein gängiges Verfahren in Ställen, in denen die Tiere dicht gedrängt leben und Krankheitserreger leichtes Spiel haben: Sind nur wenige Tiere erkrankt, wird die ganze Gruppe behandelt – also auch gesunde Tiere. Und dieser breite, ungezielte Einsatz erhöht die Gefahr, dass sich Resistenzen bilden. Trotzdem sind Reserveantibiotika als Metaphylaxe ganz und gäbe. Das Mittel Colistin zum Beispiel wird zu 99 Prozent in dieser Form eingesetzt, zeigt eine Studie der Deutschen Umwelthilfe und der Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin.

Die Tiere bekommen viel zu viel Antibiotika

Der Ausschuss schlägt vor, die Reservemittel aus dem Stall zu verbannen – und sie nur in Ausnahmefällen zur Behandlung eines einzelnen Tiers zuzulassen. Häusling betont, dass es nicht darum gehe, die Behandlung von Katzen oder Hunden unmöglich zu machen – eine Sorge des Bundesverbands praktizierender Tierärzte. Er hat eine Kampagne gegen den Beschluss des Ausschusses gestartet. Vielmehr gehe es um Fortschritte in der Nutztierhaltung. „Heute bekommt jede Pute einmal in ihrem kurzen Leben Antibiotika. Und das geht eben nicht“, sagt Häusling.

So sieht es auch der Tierarzt Andreas Striezel. Deutschland müsse von anderen Staaten lernen: „In Skandinavien und den Niederlanden gibt es kaum noch Reserveantibiotika in der Tiermast.“ Änderungen am Konzept der Kommission verlangt auch Frank Ulrich Montgomery, der Präsident des Weltärztebunds: „Die Kommission verpasst gerade eine riesige Chance – die Chance, Menschenleben zu retten und das Tierwohl zu verbessern.“