In diesen VW ist garantiert keine Betrugs-Software installiert. Foto: dpa

Die Vereinbarung mit der EU, die VW Vertrauen zurückbringen soll, ist für die Kunden nicht viel wert. Sie hilft dem Unternehmen, kommentiert Markus Grabitz.

Brüssel - Gewogen und für zu leicht empfunden. Was VW-Chef Matthias Müller den 8,5 Millionen dieselgeschädigten Kunden auf seinem wichtigen Heimatmarkt Europa als Entschädigung anbietet, ist dürftig – nicht nur gemessen daran, was der Konzern in den USA springen ließ. Dort zahlte VW jedem Besitzer, der einen Wagen mit Schummelsoftware erworben hat, 5000 bis 10 000 US-Dollar. Nüchtern betrachtet ist die sogenannte vertrauensbildende Maßnahme nichts wert: VW verspricht lediglich zu tun, was schon in den letzten Monaten üblich ist, nämlich mit den Beschwerden von Kunden, die das Update haben vornehmen lassen, kulant umzugehen. Eine Selbstverständlichkeit. Auch gemessen daran, was in Europa im Gespräch war, ist dies zu wenig. Zumindest eine Inspektion umsonst wäre angemessen gewesen.

Aus Verbrauchersicht ist dies ärgerlich. Doch es sind noch andere Dinge zu berücksichtigen. Welche Chance hat der Konzern, den Skandal wirtschaftlich zu überstehen? Klar ist: Wenn VW weltweit in ähnlicher Weise zur Ader gelassen worden wäre wie in den USA, so hätte dies gravierende Folgen gehabt. Vermutlich hätte es den Konzern in den Bankrott getrieben. In den USA, wo VW mit rund 15 Milliarden Dollar für den Skandal zur Kasse gebeten wurde, ging es nur um rund eine halbe Million Autos. In Europa sind die Stückzahlen um ein Vielfaches höher. Hier wurden 8,5 Millionen Autos mit Schummelsoftware verkauft. Wenn mit der gleichen Latte gemessen würde wie in den USA, hätte Wolfsburg nicht mehr die finanziellen Ressourcen, um so in Forschung und Entwicklung zu investieren, wie dies nötig ist.

VW kann das Ersparte gut gebrauchen

Die Branche steht vor einer tief greifenden technologischen Umwälzung. Wer jetzt nicht in die Digitalisierung und alle alternativen Antriebstechnologien investiert, kann schon in wenigen Jahren nicht mehr wettbewerbsfähig sein. Daher kann man aus Sicht des Unternehmens, der Zulieferer und der Mitarbeiter nur hoffen, dass es so kommt, wie es sich jetzt abzeichnet, und VW in der EU finanziell mit einem blauen Auge davonkommt.

Damit sollte der Fall aber nicht erledigt sein. Keine Frage: Das Vorgehen der VW-Manager war dreist, sie haben sich unverantwortlich gegenüber den Interessen von Mitarbeitern und Aktionären verhalten. Wie sich jetzt zeigt, konnten sie aber darauf hoffen, dass sich die rechtlichen und finanziellen Konsequenzen in Europa in Grenzen halten. Offensichtlich sind keine drakonischen Strafen für Unternehmen, die vorsätzlich betrügen, vorgesehen. Es zeigt sich zudem, dass die Verbraucher nicht auf die Bundesregierung hoffen dürfen. Sie fühlt sich zu sehr der Loyalität gegenüber einem für den Standort wichtigen Unternehmen verpflichtet.

In Zukunft muss Brüssel mehr Verantwortung übernehmen

Anders liegen die Dinge in Brüssel. EU-Justizkommissarin Vera Jourova hat immerhin für die geschädigten Verbraucher gekämpft. Das kann man nicht unbedingt von den zuständigen Ministern im Kabinett Merkel sagen. Im aktuellen Fall hat die Tschechin zwar wenig herausholen können. Ohne ihren beharrlichen Einsatz hätten die VW-Kunden aber noch nicht einmal die vage Kulanzerklärung bekommen. Ob Rom konsequent mit Fiat umginge – oder Paris mit Peugeot? Die Mitgliedstaaten geraten bei Fällen, die Dimensionen haben wie bei VW, schnell an ihre Grenzen. Die EU ist da für Skandale, die die Interessen von Verbrauchern in der ganzen EU betreffen, die bessere Adresse. Damit sich etwas ändert, braucht die EU-Kommission mehr Kompetenzen. Sie muss die Möglichkeit bekommen, wirksame Sanktionen gegen Unternehmen zu verhängen, die im großen Stil die Verbraucher betrügen. Die Losung ist: Mehr Europa wagen, es lohnt sich. Leicht wird das freilich nicht – die Hauptstädte müssten dafür wieder ein bisschen mehr Macht nach Brüssel abgeben.

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