Waren Waffen oder Drogen an Bord der Estonia? Darüber wurde viel spekuliert. Foto: picture alliance / dpa

Seit dem Untergang der Estonia ranken sich um die Ursachen der Katastrophe teils haarsträubende Legenden.

Stockholm - War es ein von der Meyer-Werft in Papenburg verursachter Konstruktionsfehler der Bugklappe? Hat die schwedische Seefahrtsbehörde die Estonia nachlässig kontrolliert und die Reederei bei der Wartung fürchterlich geschlampt? Fehlte es der vorwiegend aus estnischen Seeleuten bestehenden Mannschaft schlicht und einfach an Erfahrung? Oder pflügte die Estonia angesichts der stürmischen See mit einer zu hohen Geschwindigkeit von über 15 Knoten durch die bis zu fünf Meter hohen Wellen?

 

Bis heute ranken sich Mythen um die „wahren Gründe“ des Untergangs der Fähre. Da ist zunächst die Arbeit der unterschiedlichen Untersuchungskommissionen, die ständig von Skandalen und Rücktritten einzelner Mitglieder begleitet wurden. Der schwedische Vorsitzende der Kommission musste zurücktreten, nachdem er sich in Lügen verstrickt hatte, und auch der estnische Vorsitzende legte seine Arbeit nieder, da er der Meinung war, dass Schweden den übrigen Kommissionsmitgliedern wichtige Informationen vorenthalten habe.

Selbst wenn man menschliches Versagen und technische Fehler als wahrscheinliche Untergangsursachen ansehen mag, so haben die Regierung in Stockholm sowie die betroffenen Behörden in Finnland, Estland und Schweden viel dazu beigetragen, dass die Gerüchteküche brodelte. Für viele war es verdächtig, dass die schwedische Regierung „zur Sicherung des Grabfriedens“ rasch nach dem Untergang eine Betonhülle um das Wrack bauen wollte. Ständige Verzögerungen gab es zudem beim Abschlussbericht. Die Ermittlungen zogen sich bis ins Jahr 1997. Wollte man etwas vertuschen? Und warum wurden die noch unter Deck befindlichen Leichen nicht von Tauchern geborgen, wie es die Angehörigen wünschen? Auffällig war auch der häufige Stockholmer Gebrauch des „Geheim“-Stempels, der die Einsicht in Ladelisten und andere Dokumente unmöglich macht – all das trägt nicht zur Glaubwürdigkeit bei.

Die estnische Presse berichtet über einen Mafiakrieg

So wurde jahrelang darüber spekuliert, dass die Estonia durch eine Explosion an Bord gesunken sei. An Bord hätten sich russische Hightech-Waffensysteme befunden, die in die USA geschmuggelt werden sollten, besagt die Verschwörungstheorie. Der russische Geheimdienst habe davon erfahren und einen Torpedo auf die Fähre abgefeuert, um zu verhindern, dass die Waffen im Westen landeten.

Von einem Mafiakrieg berichtete dagegen die estnische Presse. Demnach wollte eine kriminelle Gruppierung der ungeliebten Konkurrenz Schwierigkeiten beim Rauschgift- und Metallschmuggel bereiten und informierte den schwedischen Zoll über eine illegale Last an Bord der Fähre. Das wiederum hätte die zum Teil in die Schmuggelgeschäfte verwickelte Mannschaft der Estonia erfahren und in der Unglücksnacht versucht, die Ladung bei Sturm und schwerem Seegang durch das geöffnete Bugvisier über Bord zu kippen.

Dass die Estonia auch für Schmuggelreisen genutzt wurde, steht zweifelsfrei fest. Gerade die jungen Demokratien in Osteuropa entwickelten sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu Umschlagplätzen für wertvolle Metalle, radioaktives Material, Waffen und Rauschgift. Ob aber die Estonia in der besagten Nacht Schmuggelware an Bord hatte, ist bis heute nicht bewiesen – auch wenn es Unstimmigkeiten bei der Ladeliste gibt.

Ungeklärt ist auch der Verbleib des zweiten Kapitäns, der zunächst als Überlebender in den Listen der Reederei geführt wurde. Angehörige erkannten ihn in den Fernsehnachrichten über die Rettungsarbeiten. Seitdem gab es kein Lebenszeichen mehr von ihm. Später wurde er als eines der Opfer gemeldet und für tot erklärt.