An diesem Samstag, 4. Juni, hat Antonín Dvoráks „Rusalka“ Premiere an der Staatsoper Stuttgart. Die Titelpartie singt die Sopranistin Esther Dierkes. Wir stellen die Powerfrau vor.
Es ist ein Märchen über die Sehnsucht: Die Nixe Rusalka sehnt sich nach menschlicher Liebe, ein Prinz sehnt sich nach Rusalka, und in den Ohren bleibt eine traurige Melodie. Das „Lied an den Mond“ ist der Hit der Oper, die Antonín Dvorák im Jahr 1900 komponierte – obwohl die Arie eigentlich nichts mit der Titelpartie zu tun hat. Das findet zumindest Esther Dierkes, die bei der Premiere an diesem Samstag die Rusalka singen wird. Und verkörpern – wenn auch nicht ganz, denn der Regisseur Bastian Kraft hat den Wasserwesen auf der Bühne Spiegelfiguren an die Seite gestellt: Drag Queens, die wie die Nixen und der Wassermann für eine Zwischenwelt stehen. Für Zerrissenheit und die Suche nach Identität.
Traumpartie für die Sängerin nach dem Fachwechsel
Wer bin ich? Wer will ich sein? Und wie weit bin ich bereit, für meine Träume zu gehen? Das sind, sagt Esther Dierkes, die zentralen Fragen der Inszenierung. Die Partie selbst ist ihre Traumpartie, seit sie in Frankfurt bei Hedwig Fassbender studierte, der „besten Gesangslehrerin, die ich kriegen konnte“. Fassbender begleitet die Sängerin bis heute, also bis zum Fachwechsel, den diese gerade vollzieht.
Viele Mozart-Partien hat Dierkes schon gesungen, dazu Puccinis Mimì, Humperdincks Gretel und die Micaela in „Carmen“. Jugendlich-dramatisch nennt man die Partien, denen sie sich fortan nähern wird: Wagner, Spätromantik, farbreiches, kraftvolles Singen an der Seite eines groß besetzen Orchesters.
So wie bei „Rusalka“. „Das geht nur“, sagt die Sängerin, „weil meine Stimme sich entwickelt hat, weil ich drei Kinder bekommen habe, was meinen Körper, meinen Geist und meine Lebenseinstellung verändert hat“. Für bestimmte Rollen brauche man halt Gelassenheit und Erfahrung – zum Beispiel die, dass man auch nach schlafarmen Kleinkind-Nächten Mozarts Susanna oder jetzt eben Dvoráks Rusalka singen kann. Dierkes hat einen dreijährigen Sohn und einjährige Zwillinge: eine Herausforderung, „aber ich wollte nie nur Mutter sein“.
Was es heißt durchzuhalten, hat sie außerdem schon als Leistungssportlerin gelernt: Vor ihrem Studium absolvierte sie auf dem Einrad Weltmeisterschaften in Asien und den USA.
Dreifach-Mama, Einradfahrerin, Ensemblemitglied
Ihren Kindern will die Sängerin unbedingt die Freiheit lassen, einen anderen Weg als die Musik zu wählen. Ob das aber fruchtet? Der dreijährige Gustav will schon jetzt so oft wie möglich bei Proben dabei sein. Er dirigiert gerne mit. Und „wenn er zugesehen hat“, sagt Dierkes, „weiß ich hinterher, wo es noch gehakt hat.“ Über „Hänsel und Gretel“ ist Gustav längst hinaus.
Vielleicht kommt das so, wenn man „La Bohème“ schon praenatal erlebt hat. Und wenn der Vater auch ein Sänger ist: der Bariton Björn Bürger. „Privat mag ich Baritone. Auf der Bühne gefallen mir Tenöre besser. Das sind aber Diven – die will ich nicht zu Hause haben.“ Sagt Esther Dierkes. Dann schwärmt sie noch ein bisschen von der Staatsoper, deren Ensemble sie seit 2017, ihr Mann seit 2019 angehört. Stellt fest, dass sie in dieser Spielzeit bei fünf von sechs Premieren mitgesungen hat und deshalb nach dem Gretchen in Schumanns „Faust-Szenen“ im Sommer „mal richtig Pause machen“ will. Und dann verabschiedet sich die Sopranistin wieder in ihr quirliges Doppelleben zwischen Familienleben und beruflicher Bühnenpräsenz: „Morgens Zirkus, abends Theater, das ist bei uns gerade Programm. Ich höre irgendwie nie auf zu spielen.“
„Rusalka“ Premiere an diesem Samstag um 18 Uhr an der Staatsoper Stuttgart. Es gibt noch Restkarten an den Abendkassen und unter 07 11 / 20 20 90.