Gut besetzte Biertische in der Wirtschaftshilfe: Die Ware kann an diesem Abschiedstag kostenlos mitgenommen werden. Foto: Barbara Scherer

Nach fast 74 Jahren schließt die Esslinger Wirtschaftshilfe in der Sirnauer Straße 7. Für viele Männer und Frauen ist das eine schlechte Nachricht. Sie waren nicht nur auf günstige Artikel angewiesen, sondern genossen dort auch Ansprache und Gesellschaft.

Eine Abbruchparty war am letzten Öffnungstag angesagt: Der Geschäftsführer der Esslinger Wirtschaftshilfe, Michael Jakob, hatte Glühwein, Bratwurst und Gebäck aufgefahren und die verbliebene Ware freigegeben: Alles sollte mitgenommen werden, denn was zurückbleibt, muss entsorgt werden. Viele Regale waren schon leer oder kaum bestückt. Jakob hatte in den vergangenen Wochen den Rotstift angesetzt und bis zu 90 Prozent reduziert.

 

Männer und Frauen wuseln durch die Räume stöbern in Kartons, durchforsten Bücherregale und checken Kleinmöbel auf ihre Transportierbarkeit ab. Ein Mann trägt einen Korb mit Kabeln raus. Eine junge Frau sortiert Nägel und Stifte aus, T-Shirts werden probiert, Pullover vor den Körper gehalten. Ein junges Pärchen sucht die CDs durch. Michael Jakob führt durch die Räume: „Die alten Bücher, nehmen Sie sie mit, sonst werden sie weggeschmissen.“ Er zeigt auf einen alten geschnitzten, verzierten Schrank: „Der ist verkauft, er gehört jetzt dem Erzbischof der lettischen Kirche im Ausland, der in Esslingen lebt.“ Sein Blick fällt auf das „Schnäppchen des Abends“: Es handelt es sich dabei um eine Brieftaubenberingungsmaschine, Modell Palermo, komplett mit Garantieschein und Gebrauchsanweisung.

Die Biergarnituren im Möbellager sind gut besetzt; Gäste lassen sich Wurst, Brötchen und Glühwein schmecken und schwelgen in Erinnerungen. „Ich war hier regelmäßig“, sagt die ältere Frau, die namenlos bleiben will. „Ich habe immer gefunden, was ich gerade brauchte, zu einem sehr günstigen Preis.“ Ihre Nachbarin nickt dazu: An anderer Stelle hätte man sich vieles einfach nicht leisten können.

Jürgen Ruchser hat an diesem Abend Bücher und Bilder eingepackt. Er bezeichnet sich als Sammler. „Ich war unregelmäßig hier, habe aber immer was gefunden, wie heute diese guten Bilderrahmen.“ Er bedauert die Schließung ebenso wie Raoul Kirchner, der nochmal zugeschlagen hat: „Ich nehme zwei Lattenroste, zwei Deckenlampen, Couch und Nachtschränkchen mit.“

Für Michael Jacob ist es „ein trauriger Tag“. Obwohl die Entscheidung der Stadt, die Einrichtung zu schließen, schon fast ein Jahr her ist, hadert er noch damit. Auch weil sich niemand aus der Klientel sich dagegen gewehrt und „Action gemacht hat“. Er weiß auch, dass der wirtschaftliche Druck zu groß war. Hat die Wirtschaftshilfe nie den Anspruch gehabt, Gewinn zu erzielen, so war doch Kostenneutralität das Ziel. „Das ist seit den 2000er-Jahren sehr schwer geworden“, blickt Jakob zurück.

Von der Ware, die in Kommission genommen und verkauft wurde, blieben dem Unternehmen sowieso nur 40 Prozent. „Durch Anbieter wie Tchibo oder Kik und Plattformen wie Ebay konnte Kleidung kaum noch einträglich verkauft werden“, sagt Michael Jacob. Eine Weile konnte er Einbußen durch Hausentrümpelungen wettmachen. „Aber seit es Anbieter wie Pogo gibt, die Möbel zu äußerst niedrigen Preisen verkaufen, wurde es für uns schwer“, sagt er.

Beim Rückblick auf die vergangenen 32 Jahre als Geschäftsführer der Wirtschaftshilfe fallen ihm viele bunte Geschichten ein: Vom anfänglichen Widerstand der Nachbarn, als die Wirtschaftshilfe 1997 einziehen wollte, vom heutigen guten Einvernehmen im Quartier, von Besuchern, die stahlen, von der Polizei einbestellt wurden und trotzdem immer wieder kamen, von lieb gewordenen „Stammkunden“, die morgens und mittags reinschauten, weil das ihr einziger Kontakt war, von den Flüchtlingsfamilien, die ihre in den 50er-Jahren hier erstandenen Wohnungseinrichtung der Wirtschaftshilfe zurückvererbten, von „Trinkgeldmännern“, die darauf warteten, Kunden beim Tragen ihrer Ware zu helfen. Eine Geschichte erzählt er gern ausführlich: Einem Mann hat er einst einen alten AEG-Backofen verkauft, für ein paar Mark. Der fand heraus, dass er eine Rarität besitzt und hat den Ofen dem AEG-Museum verkauft – für 15 000 Euro.

Michael Jakob, der jetzt in Rente geht, will seinen Ruhestand als Unruhestand leben. Ein Engagement in einem sozialen Bereich kann er sich gut vorstellen.

Anfang und Ende einer Institution

Ursprung
Zum 1. Dezember hat die städtische Wirtschaftshilfe ihren Betrieb eingestellt. Gegründet wurde sie 1949, um den damaligen Schwarzmarkt mit gebrauchten Waren auszutrocknen. Daraus wurde eine Institution, die aber in den vergangenen Jahren mehr und mehr Zuschuss benötigte. Im vergangenen Jahr hat der Gemeinderat beschlossen, den Betrieb zum 1. Dezember 2022 zu beenden.

Zukunft
Die zukünftige Nutzung des Gebäudes in der Sirnauer Straße ist derweil noch offen, Verhandlungen mit einem sozialen Unternehmen würden aber laufen.