Der Esslinger Platz bei der Stadtkirche wird für das Stadtjubiläum 2027 aufgehübscht. Doch der Begriff „Marktplatz“ ist falsch, meint der Bauforscher Markus Numberger.
Marktplatz. Warum eigentlich nicht? Vielleicht weil die Fläche bei der Stadtkirche St. Dionys und der schicken Fachwerkhauszeile in Esslingen früher nie wirklich als Marktplatz gedient hat. Heute werden auf dem Areal zwar der Wochenmarkt oder der Mittelalter- und Weihnachtsmarkt auf die Beine gestellt. Doch in der Vergangenheit wurde der Platz für ganz andere Zwecke genutzt.
Hier ging es um die Gesundheit. Auf dem aktuellen Esslinger Marktplatz bei der Stadtkirche hatte sich nach Darstellung des Bauforschers Markus Numberger das Katharinenspital mit seinen riesigen Ausmaßen befunden. Seit dem 13. Jahrhundert bis in die Zeit zwischen 1811 und 1817 hinein habe das Krankenhaus mit seinen stattlichen, meist mehrstöckigen Neben- und Funktionsgebäuden einen Großteil des Areals für sich beansprucht. Der Gebäudekomplex muss sehr opulent gewesen sein. Denn freie Flächen für Handel und Gewerbe gab es dort laut Numberger wohl nicht.
Das Spital zeigte Größe – und es hatte Größe. Nicht nur in baulicher, sondern auch in finanzieller Hinsicht. Etwa 600 Jahre war das Krankenhaus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. 1232 wurde es laut Numberger erstmals erwähnt, seit 1310 sei das Spital im Bereich des heutigen Marktplatzes als Standort nachgewiesen. Es sei im Laufe der Zeit kräftig gewachsen. Die große Einrichtung verfügte auch über das nötige Kleingeld, weiß der Bauforscher: „Das Spital vergrößerte sich über die Jahrhunderte und kaufte Häuser und Grundstücke im Umfeld auf“.
Der Boden am heutigen Marktplatz war schon immer „schwierig“
Der Boom hielt nicht an. Zwischen 1811 und 1817 wurde das Katharinenspital abgerissen. Auf dem Areal des heutigen Marktplatzes entstand so ein Freiraum, der nach ersten Plänen wieder bebaut werden sollte. Die Stiftungsverwaltung wollte es an Bauinteressenten veräußern. Dieser Deal klappte nicht: „Der Untergrund war so ,schwierig’, dass sich die Grundstücke nicht verkaufen ließen“, hat Markus Numberger herausgefunden. Gründe für die Ungeeignetheit des Bodens waren wohl die zahlreichen Keller aus den Zeiten des Spitals und der Geiselbachkanal. Schließlich habe die Stadt Esslingen das Areal von der Stiftungsverwaltung des Katharinenhospitals übernommen und die Fläche eingeebnet.
Das Katharinenhospital prägte also über Jahrhunderte das Gesicht von Esslingens zentralem Platz. Folgerichtig wurde das Areal nach Angaben von Markus Numberger im 19. Jahrhundert auch Spitalplatz genannt „Das wäre eigentlich auch heute noch der passendere Name. Man könnte sich im Rahmen der Neugestaltung ja überlegen, ob nicht eine neue Namensgebung für den ,neuen’ Platz angebrachter wäre“, fügt Numberger mit einem Augenzwinkern hinzu.
Doch bei der Betitelung mancher Flächen in seinem Stadtgebiet war Esslingen in der Vergangenheit ohnehin nicht besonders einfallsreich gewesen. Die Fantasie wurde nur wenig bemüht: „Die einzelnen ,Handelsplätze’ der Stadt waren immer nach Waren kategorisiert“, sagt Bauforscher Markus Numberger. So gab es seiner Darstellung nach zum Beispiel den Roßmarkt, den Saumarkt, den Kübel- und Holzmarkt, den Leinwandmarkt oder den Kornmarkt. Als eine Art Marktplatz im engeren Sinne, also als eine Fläche, auf der vor allem Lebensmittel erworben werden konnten, habe sich dagegen seit dem Mittelalter der heutige Rathausplatz herauskristallisiert.
In einer kleinen Serie gehen wir Vorurteilen über Esslingen nach. Teile über die vermeintliche „Burg“ und die Funktion des Steg der Stadtkirche St. Dionys am Marktplatz sind bereits erschienen.