Die Esslinger VHS möchte den (gesellschafts-) politischen Dialog forcieren und dafür hochkarätige Gesprächspartner gewinnen. Um möglichst viel Publikum zu erreichen und Referenten auch von weither zu präsentieren, werden verstärkt digitale Formate genutzt.
Bis zu 1400 Wissensdurstige, Lernbegeisterte und Kreative nutzen Tag für Tag die Angebote der Esslinger Volkshochschule. Das ist keineswegs selbstverständlich, weil der Standort der VHS in der Mettinger Straße nicht gerade zentral gelegen ist. Doch die rund 2000 Kurse, Vorträge, Ausstellungen und Exkursionen, die allein in diesem Jahr angeboten werden, sind offenbar so attraktiv, dass zumindest diejenigen, die mobil genug sind, auch einen weiteren Weg in Kauf nehmen. Die Esslinger VHS hat in ihrer mehr als 100-jährigen Geschichte manchen Wandel erlebt und gemeistert. Die coronabedingten Unwägbarkeiten und Einschränkungen der vergangenen Jahre haben die Arbeit nicht erleichtert. Doch der Betriebsleiter Claus Lüdenbach, seine Stellvertreterin Ulrike Völter und ihr Team haben aus der Not eine Tugend gemacht und – wo immer es sich anbot – verstärkt auch digitale Möglichkeiten genutzt. Und über allem steht das Motto der Volkshochschulen: „Bildung für alle.“
Schwieriger Standort
Seit eineinhalb Jahren steht Claus Lüdenbach als Betriebsleiter an der Spitze der Esslinger Volkshochschule. Aus dem bayerischen Erding, wo er zuvor die dortige VHS geleitet hatte, hat er einiges an Erfahrungen mitgebracht. Die sollen nun den Esslingern zugutekommen – wobei die hiesige Volkshochschule ihr eigenständiges Profil hat, das nicht zuletzt durch zahlreiche Deutschkurse geprägt ist. Das ist jedoch nur ein Teil des vielfältigen Angebots. „Unser Haus ist für ein klassisches Volkshochschul-Programm sehr gut geeignet“, findet Lüdenbach. Doch der Weg in die Mettinger Straße, wo die Stadt das neue VHS-Gebäude vor Jahren zu einer Keimzelle der Neuen Weststadt gemacht hatte, ist für manche ein Hinderungsgrund.
Deshalb blickt der Chef auch in Richtung Innenstadt – vor allem dann, wenn er Veranstaltungen organisiert, die nicht nur sein klassisches Publikum ansprechen. „Wir sind Dienstleister fürs ganze Volk“, betont Lüdenbach. Und Debattieren ist für ihn Kernelement einer Demokratie. Verstärkt will er Gelegenheiten zum (gesellschafts-)politischen Diskurs bieten. Honorige Gäste beleuchten aktuelle Themen, weil er überzeugt ist: „Wir müssen viel mehr miteinander reden, uns austauschen und dafür alle Möglichkeiten nutzen.“ So haben der Historiker Klaus Gestwa über „Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine“ und der Klimaexperte Dieter Gerten über eine drohende globale Wasserkrise gesprochen, die Haecker-Preisträgerin Seyran Ates war in einem politischen Forum zu Gast.
Damit sie gut erreichbar sind, nutzt Lüdenbach für solche Veranstaltungen gerne Räume in der Innenstadt wie das A22 in der Augustinerstraße. Dort feierte unlängst die Straßen-Uni Premiere. Dieses neue Format möchte vom Wohnungslosen bis zum Bildungsbürger alle zum tiefschürfenden Diskurs auf Augenhöhe einladen. Erster Gast war der einstige Bischof Wolfgang Huber, der mit dem Straßen-Uni-Publikum über Brechts Zitat „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ und dessen Bedeutung für unsere Gegenwart diskutierte. Anschließend sprach Huber noch in der WLB über die Ethik der Digitalisierung.
Von Princeton nach Esslingen
Claus Lüdenbach ist überzeugt, dass ein konstruktiver Dialog über die drängenden Fragen und Probleme unserer Zeit wichtiger denn je ist. Weil nicht jeder kluge Kopf, der Wichtiges beizutragen hat, einfach mal rasch nach Esslingen kommen kann, setzt der VHS-Chef verstärkt auch auf Online-Formate. So kann die Esslinger VHS via Internet immer wieder hochkarätige Gäste präsentieren – etwa den Klimaforscher Mojib Latif, die Historiker Michael Wolffsohn und Jörg Baberowski oder den Politikwissenschaftler Harold James – letzterer hat sich aus Princeton zugeschaltet.
Was auf den Höhepunkten der Corona-Pandemie eine schlichte Notwendigkeit gewesen war, hat der Esslinger VHS ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Denn die Online-Veranstaltungen, mit denen Lüdenbach bereits in Erding gute Erfahrungen gemacht hatte, erweitern nicht nur die Liste möglicher Gäste – sie erschließen auch ganz neues Publikum. Die erste Bilanz ist so gut, dass selbst Präsenzveranstaltungen zuweilen parallel im Netz übertragen werden. Genau wie die prominenten Gesprächspartner von überall her zugeschaltet werden können, kann sich auch das Publikum weltweit einklinken. So kann es sein, dass ein besonders reizvoller Vortrag bis zu 3000 Zuhörer hat, die über den Verbund der deutschen Volkshochschulen aufmerksam geworden sind. Manchen eröffnet der niederschwellige Zugang von zuhause aus zudem überraschende Einblicke in andere Angebote der Esslinger VHS. „Denn wir bieten viel mehr an, als manche glauben“, sagt Claus Lüdenbach.
Die Esslinger Volkshochschule im Kurzporträt
Geschichte
Das Motto der Volkshochschulen – „Bildung für alle“ – hat seine Wurzeln im 19. Jahrhundert. Damals gab es erste Tendenzen, die Teilhabe an der Bildung allen Schichten zugänglich zu machen. Das öffentliche Vortragswesen gewann an Bedeutung, Arbeiter- und Handwerker-Bildungsvereine entstanden. Die ersten deutschen Volkshochschulen bildeten sich 1918. Ein Jahr später wurde die Esslinger VHS als Kind der Weimarer Republik gegründet. Der demokratische und emanzipatorische Anspruch der Volkshochschulen gehört bis heute auch zur DNA der Esslinger VHS.
Profil
In diesem Jahr plant die Esslinger VHS etwa 2000 Veranstaltungen wie Kurse, Vorträge, Ausstellungen und Exkursionen. Allein 2022 wurden fast 23 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gezählt – fast zwei Drittel sind unter 50 Jahre alt. Aktuell besteht das VHS-Team aus 30 Personen, dazu kommen viele Dozentinnen und Dozenten, die für ein breites Angebot sorgen. Das 170 Seiten starke VHS-Semesterprogrammheft vermerkt neben zahlreichen Angeboten in Esslingen Kurse in den Außenstellen Altbach, Deizisau, Denkendorf, Hochdorf, Köngen, Plochingen und Reichenbach.