Mit improvisierten Wegweisungen werden die Besucher der Vesperkirche zu den gedeckten Tischen geleitet. Das Baustellenchaos hat keinen Einfluss auf die Nachfrage. Foto: Horst Rudel

Im Vorfeld hatten die Macher der Esslinger Vesperkirche die Befürchtung, die Baustellen rund um die Frauenkirche könnten Besucher abschrecken. Nach der ersten Woche steht fest: Das ist nicht der Fall.

Esslingen - Die Befürchtungen, die Nachfrage nach der Esslinger Vesperkirche könnte von den Baustellen rund um die Frauenkirche ausgebremst werden, bestätigen sich nicht. Auch am Sonntag, am Ende der ersten von drei Vesperkirchwochen, sind wieder weit mehr als 400 Menschen in das Gotteshaus geströmt, um sich bei Schweinebraten, Kaisergemüse und Kroketten an einem guten Essen und an der Gemeinschaft zu erfreuen.

„Es ist wie immer: Langsam spricht es sich rum“, sagt der Projektleiter Bernd Schwemm mit Blick auf die den ganzen Mittag über voll besetzten Bankreihen im gotischen Kirchenschiff. Vor allem unter den Bedürftigen, die die Vesperkirche mit dem günstigen Mittagstisch zum Preis von 1,50 Euro ansprechen will, würde es sich erfahrungsgemäß erst immer per Mund-zu-Mund-Propaganda herumsprechen, wenn die Tische gedeckt seien. Anders als in den Vorjahren gebe es in diesem Jahr keine Überschneidung mit der Stuttgarter Vesperkirche. „Das merken wir deutlich. Das kommt uns zugute“, sagt Schwemm.

„Die Leute finden ihren Weg“

Seinen Worten zufolge haben dagegen die Baustellen rund um die Vesperkirche keinen Einfluss auf die Besucherzahlen. „Die Leute finden ihren Weg“, sagt Schwemm – auch wenn dieser Weg zur Besorgnis des Projektleiters nicht immer den Buchstaben der Straßenverkehrsordnung folgt. Auch am Sonntag waren immer wieder kleinere Prozessionen entlang des Bauzauns auf der Ringstraße unterwegs gewesen, anstatt den Fußgängerüberweg ein paar Schritte weiter zu benutzen.

Anlaufschwierigkeiten im wahrsten Sinne des Wortes haben nach Einschätzung Schwemms vor allem die ehrenamtlichen Helfer gehabt, von denen jeden Tag rund um die Vesperkirche bis zu 70 im Einsatz sind. „Da haben mich doch daheim die Leute angerufen und gefragt, wie sie denn über die Straße kommen sollen“, sagt Schwemm. Wer seit 40 Jahren in Esslingen wohnt, müsste eigentlich wissen, wie er trotz ein bisschen Baustelle zur Frauenkirche kommen könne, wundert sich der Projektleiter. Immerhin hat Schwemm dann irgendwann einmal zur Selbsthilfe gegriffen und an den neuralgischen Stellen selbst gefertigte Wegweiser platziert.

Der ganz normale Wahnsinn

Nach Einschätzung des Projektleiters ist auch der Zugang für Rollstuhlfahrer und behinderte Menschen zu jeder Zeit gewährleistet. „In der Regel organisieren die sich ohnehin selbst“, sagt Schwemm. Und würde es doch einmal an der ein oder anderen Ecke klemmen, dann greife das in der Vesperkirche bewährte Konzept des „dynamischen Improvisierens“. Das muss Schwemm auch an diesem Sonntag wieder strapazieren. Für zwei Männer, die auf verschlungenen Wegen aus Slowenien gekommen waren, musste kurzfristig eine Übernachtungsmöglichkeit organisiert werden. Aber auch das gehört zum Ablauf einer Vesperkirche, oder um es mit dem Projektleiter zu sagen: „Wir haben auch dieses Jahr wieder den ganz normalen Wahnsinn.“

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