Reinhold Riedel, Klaus Zimmerer und Gerhard Voß vom Verein Denk-Zeichen (von links) sowie Bauhof-Mitarbeiter Ahmet Yurtsever (vorne links) haben die Erinnerung an Josef Starapolski vor der jüdischen Synagoge Im Heppächer im Esslinger Stadtbild verankert. Foto: Roberto Bulgrin

Seit drei Jahrzehnten pflegt der Esslinger Verein Denk-Zeichen die Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit. Neben Gedenkfeiern hat es sich der Verein besonders zur Aufgabe gemacht, mit sogenannten Stolpersteinen Schicksale lebendig werden zu lassen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist sicher: „Zukunft braucht Erinnerung.“ Und er betont: „Wir blicken zurück im Wissen, dass die Verantwortung vor unserer Geschichte keinen Schlussstrich kennt.“ Der Esslinger Verein Denk-Zeichen stellt sich dieser Verantwortung seit 30 Jahren. Mitglieder verschiedener Initiativen hatten den Verein im Juni 1994 gegründet. Seither wurde viel getan, um die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wach zu halten. Neben Gedenkfeiern hat Denk-Zeichen dafür gesorgt, dass 67 sogenannte Stolpersteine im Esslinger Stadtgebiet an das Schicksal von NS-Opfern erinnern. Der jüngste Stolperstein würdigt Im Heppächer den einstigen Vorbeter der Israelitischen Gemeinde Esslingen, Josef Leon Starapolski.

 

Lange Tradition des Gedenkens

Rudolf Buchin hatte 1986 die erste Gedenkfeier an den Gräbern sowjetischer Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiter und ihrer Kinder auf dem Friedhof in Sulzgries organisiert – seine Arbeit führt Gerhard Voß weiter. 1991 hat Reinhold Riedel begonnen, Gedenkfeiern zur Erinnerung an die deportierten jüdischen Esslingerinnen und Esslinger auf dem Hafenmarkt zu initiieren – jenem Ort, an dem sich 1941 die erste Gruppe vor der Deportation sammeln musste. Weitere Veranstaltungen wurden auch am 10. November zum Jahrestag der Reichspogromnacht und am 27. Januar und zum Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz auf den Weg gebracht.

„Die Gründung eines Vereins sollte die verschiedenen Gedenkaktivitäten zusammenführen und unterstützen und dazu beitragen, auch die für manche unangenehmen Ereignisse der Stadtgeschichte ins Bewusstsein zu rufen“, sagt Riedel. „Ganz wichtig war uns, insbesondere an die Menschen zu erinnern, die Opfer des deutschen Faschismus geworden sind.“ Dazu gehört auch, Kontakte zu deren Angehörigen zu pflegen – ein Anliegen, dem sich auch der inzwischen verstorbene Lokalchef unserer Zeitung, Werner Mey, verschrieben hatte. So wurden 1994 zum 50. Todestag von Theodor Rothschild, dem früheren Leiter des Israelitischen Waisenhauses in Esslingen, dessen Enkelkinder Hanna Hahn-Carevello und Ismar Schorsch aus den USA nach Esslingen eingeladen – Letzterer übernahm wie Rudolf Buchin den Ehrenvorsitz von Denk-Zeichen.

Erinnerungslandschaften

Der Deutsche Städtetag hat Kommunen als „Erinnerungslandschaften“ identifiziert und betont: „Museen, Archive und Gedenkstätten ebenso wie beispielsweise Straßennamen und Denkmäler fördern das Geschichtsbewusstsein. Sie bilden einen wesentlichen Anker unserer Demokratie. Erinnerungskultur ist deshalb ein bedeutendes Thema kommunaler Politik und Verwaltung. Sie dient der Orientierung in der Gegenwart und für die Zukunft.“ Zu den wichtigsten Anliegen des Vereins Denk-Zeichen zählt seit 2001 die Verlegung sogenannter Stolpersteine – kleiner Messingtafeln, die vor den letzten frei gewählten Wohnorten von NS-Opfern in den Gehweg eingelassen werden. Es ist nicht damit getan, Stolpersteine zu verlegen. Jeder steht für ein individuelles Schicksal, das es gebietet, mit größter Sorgfalt gewürdigt zu werden. Bevor ein neuer Stolperstein platziert wird, stehen aufwendige Recherchen zur Biografie der betroffenen Menschen und Gespräche mit möglichen Verwandten und Bekannten der NS-Opfer. Damit jeder Interessierte niederschwellig von den gewonnenen Erkenntnissen profitieren kann, wurde eine Webseite eingerichtet, auf der alles Wissenswerte zu jedem Stolperstein und dem durch ihn Gewürdigten zu finden ist.

Eine derart anspruchsvolle Arbeit muss auf viele Schultern verteilt werden. „Erfreulicherweise sind viele jüngere Menschen bereit, bei diesen Arbeiten mitzuwirken“, weiß Gerhard Voß, der seit vielen Jahren zu den engagiertesten Mitstreitern von Denk-Zeichen gehört. Klaus Zimmerer, der als Lehrer einen besonderen Draht zu jungen Menschen hat, tut viel, um gerade Schülerinnen und Schüler für solche Themen zu interessieren. Und er hat festgestellt: „Wenn Geschichte wie durch die Stolpersteine ganz konkret greifbar wird, nimmt das Interesse spürbar zu.“

Gedenken in die Zukunft tragen

Der Denk-Zeichen-Vorsitzenden Beate Goppelsröder und ihren Mitstreitern ist es ein Anliegen, die gemeinsame Arbeit auf eine breite Basis zu stellen. Deshalb sucht der Verein den Schulterschluss mit Partnern, die sich dem gemeinsamen Anliegen ebenso verpflichtet fühlen – seien es Kirchen und kirchliche Einrichtungen, die Israelitische Religionsgemeinschaft, Schulen, Lehrer, Schülerinnen und Schüler, aber auch die Bürgermeister, das Stadtarchiv und das Kulturamt. Intensiviert werden soll die Zusammenarbeit mit dem Verein Freunde jüdischer Kultur. „Solche Kooperationen können helfen, unsere Gedenkarbeit in die Zukunft zu tragen“, sagt Gerhard Voß. „Gerade heute ist es so wichtig, diese Erinnerung zu pflegen.“

Esslinger Stolpersteine und ihr jüngster Standort

Projekt
 Der Künstler Gunter Demnig erinnert mit seinem Stolpersteine-Projekt an die Opfer der NS-Zeit: Juden, politisch Verfolgte, Zwangsarbeiter, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Sinti und Roma sowie Menschen, die von den Nazis als „lebensunwertes Leben“ abqualifiziert und ermordet worden waren. An sie sollen kleine Messingtafeln erinnern, die in den Gehweg eingelassen werden. Mehr als 100 000 dieser Stolpersteine liegen in 30 Ländern Europas – 67 Orte gibt es in Esslingen.

Geehrt
Zwei Stolpersteine erinnern in Esslingen an Josef Leon Starapolski, der 1855 im litauischen Kalvarija geboren wurde und von 1902 bis 1933 Vorbeter und Schächter der israelitischen Gemeinde in Esslingen war. Er lebte erst in der Obertorstraße 28, später in der Goethestraße 15, der heutigen Rilkestraße. Dort liegt schon länger ein Stolperstein zu seinen Ehren. Eine weitere Gedenktafel wurde nun vor der Synagoge Im Heppächer gesetzt. Die jüdische Gemeinde Esslingen hatte das frühere Zunfthaus der Schneider 1819 erworben. Starapolski musste 1939 ins jüdische Zwangsaltersheim in Herrlingen umziehen. 1942 wurde er zunächst nach Oberstotzingen und von dort ins KZ Theresienstadt gebracht, wo er 1942 sein Leben verlor.

App
 Unter der Internetadresse https://stolpersteine-guide.de/ finden sich zahlreiche Informationen zu Orten, an denen Stolpersteine verlegt sind, und zu den gewürdigten Personen.