Martin Pfaff inszeniert in Esslingen Hans Schultheiß’ „Der Brettheim-Prozess“. Die Erinnerung an Verbrechen der Nationalsozialisten berührt trotz mancher Schwere.
Der Staatsanwalt der Bundesrepublik Deutschland stellt im Jahr 1960 vergeblich die Frage nach den Menschenrechten. Im Prozess gegen die Angeklagten, die drei Männer aus Brettheim in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zum Tode verurteilten, pocht der Verteidiger auf das damals geltende Recht der Nationalsozialisten. Der Autor Hans Schultheiß arbeitet in seinem Stück „Der Brettheim-Prozess“, die dunkle Geschichte auf. Regisseur Martin Pfaff setzt mit dem Ensemble der Esslinger Landesbühne auf die menschliche Seite des Geschichtstheaters.
Der Autor hat den Text überarbeitet
Der dokumentarische Text des Historikers liest sich sperrig und schwer. Es geht um den dritten Prozess gegen die Täter im Jahr 1960. Die Geschichte des Bürgermeisters Leonhard Gackstatter, des Bauern Friedrich Hanselmann und des NS-Ortsgruppenleiters Leonhard Wolfmeyer, die von NS-Standgerichten zum Tod durch Erhängen verurteilt wurden, hat Schultheiß sehr genau aufgearbeitet und klug analysiert. 1995 wurde die erste Stückfassung am Esslinger Theater unter dem Titel „Die Männer von Brettheim“ uraufgeführt. Jetzt hat der 73-Jährige den Text überarbeitet. Diskurse über den schwierigen Umgang der Deutschen mit ihrer Erinnerungskultur, über unterschiedliche Rechtsbegriffe und über die demokratische Justiz stellt der Autor auf den Prüfstand.
Dass ein Dokumentardrama im Gerichtssaal das Publikum schwerer zu berühren vermag, ist Regisseur Martin Pfaff bewusst. Deshalb bricht er in der Uraufführung der neuen Fassung den Raum auf. Die Akteure sitzen auf Stühlen vor dem Publikum. Sie tragen Pullover und Hosen in dunklen Tönen. Auf die Roben verzichtet Bühnen- und Kostümbildnerin Anja Kreher. Im Zentrum der Bühne hat sie die zwei Dorflinden nachgebildet, an denen die drei Männer erhängt wurden. So schafft sie Atmosphäre. Im Scheinwerferlicht leuchten die Baumkronen frühlingsgrün, später sind sie in bedrohliches Schwarz getaucht. Da rückt der Ort des Geschehens in dem Dorf in der Region Hohenlohe ganz nah.
Die Hitlerjungen spielten während der Exekutionen Ziehharmonika
Das Ensemble weckt nicht nur die Erinnerung an die Männer, die Hitlerjungen entwaffnet haben, um das Dorf wenige Tage vor dem Kriegsende vor der Zerstörung durch die Amerikaner zu schützen. Die Panzer der USA standen schon wenige Kilometer vor dem Dorf. „Wehrkraftzersetzung“ urteilten die militärischen Richter damals. Der Bauer Hanselmann und der Dorfbewohner Friedrich Uhl wurden zum Tode verurteilt – Uhl konnte flüchten. Als sich der Bürgermeister Gackstatter und Leonhard Wolfmeyer, Ortsgruppenleiter und überzeugter Nationalsozialist, weigerten, die Todesurteile zu unterschreiben, wurden sie ebenfalls erhängt. Während der Exekutionen spielten Hitlerjungen Ziehharmonika.
Aus Schultheiß’ starren Rollenkonstrukten kitzeln die Schauspieler starke Porträts heraus. SS-Sturmbannführer Gottschalk, gespielt von Oliver Moumouris, war einer der Nazi-Richter. In den 1960er-Jahren hat er sich längst in eine bürgerliche Existenz in der Bundesrepublik geflüchtet. Wenn es um seine Verteidigung geht, pocht er auf die damalige Rechtssprechung. Moumouris verzieht kaum eine Miene. Jegliches Gefühl von Reue presst er in sich hinein. Immer wieder sagt er: „Ich erinnere mich nicht.“
Mit ihm angeklagt ist der ehemalige Generalleutnant der SS Max Simon. Eiskalt und zu keiner Regung fähig schmettert Reinhold Ohngemach die Vorhaltungen ab. Der dritte Angeklagte Otto beginnt zu stammeln, als er sich verteidigen soll. Ihm sind die Gewissensqualen anzumerken. Bedacht lässt Niklas Schmidt-Kosik diese Anflüge von Reue in einen Zustand der Lähmung gleiten. Wenn die Worte versagen, übernimmt der Verteidiger. Mit kühler Distanz formuliert Reyniel Ostermann die Verteidigung. Dabei klingen seine Formulierungen so, als sei der Nationalsozialismus noch lange nicht überwunden. „Wir leben alle auf einem Pulverfass“, sagt der Advokat im demokratischen Deutschland der 1960er-Jahre mit Blick auf den Kalten Krieg und die Drohungen der Russen. So scheut er sich auch nicht davor, die Angeklagten und ihre Verbrechen zu verklären: „Wehe unserem Volk, wenn es dann keine Männer mehr hat wie...“
In der Rolle des Richters macht Marcus Michalski eine sehr souveräne und zugleich aalglatte Figur. Dennoch: Sein Ringen um Neutralität ist manchmal unerträglich. Die Kunst der kleinen, aber verräterischen Blicke und Gesten, die Martin Pfaff mit dem Ensemble großartig umsetzt, beherrscht Michalski perfekt. Als das Gericht zum Ortstermin auf den Dorfplatz ruft, steht der Angeklagte Gottschalk auf dem Stuhl – so, wie die drei Männer damals, bevor sie erhängt wurden. Erst da lässt Oliver Moumouris eine Spur von Angst über sein Gesicht huschen.
Staatsanwalt sind angesichts der Nazi-Verbrechen die Hände gebunden
Die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen hält Claire Hordijk wach. Sie verkörpert Zeitzeuginnen, die nicht nur an die menschlichen Werte der Ermordeten erinnern. Ihre leidenschaftlichen Plädoyers für das Recht, nie überzogen und berührend, rütteln auf. Gemeinsam mit Kim Patrick Biele, der als Staatsanwalt demokratische Rhetorik zelebriert, verkörpert sie Glaubwürdigkeit. Obwohl der Schauspieler den Vertreter der Anklage überzeugend und stark zeigt, sind ihm am Ende doch die Hände gebunden. Dass viele Nazi-Verbrechen ungesühnt blieben, ist die bittere Erkenntnis der neueren deutschen Geschichte.
Regisseur Martin Pfaff und den Schauspielern gelingt es, die menschliche Tragödie hinter den Gerichtsprotokollen und Dokumenten aufzuspüren, die Schultheiß in „Der Brettheim-Prozess“ sorgfältig dokumentiert hat. Von der Schwere der Prozessakten und Protokolle kann der Regisseur den Text zwar nicht befreien. Dennoch lenkt Martin Pfaff den Blick klug auf politische und juristische Diskurse, die in Zeiten rechtsradikaler Tendenzen in der Gesellschaft wieder aktueller sind denn je.
„Der Brettheim-Prozess“
Vorstellungen
Schauspielhaus Esslingen, 18., 28. März, 10., 18. und 30. April sowie am 8. und 19. Mai, jeweils 19.30 Uhr