Der Esslinger Bahnhofsvorplatz bietet alles andere als einen attraktiven Stadteingang. Die FDP/Volt-Ratsfraktion will dazu anregen, neue Visionen zu entwickeln.
Der Bahnhofsvorplatz gilt nicht gerade als Aushängeschild für Esslingen. Tristes Betongrau empfängt Bus- und Bahnreisende – im Winter wirkt das trostlos, im Sommer heizt sich die Steinfläche unangenehm auf. Und da sich viele Passanten vor allem zu späterer Stunde dort nicht sicher fühlen, gibt der Bahnhofsvorplatz immer wieder Anlass zur Kritik.
Weil eine aufwendige Umgestaltung vor Jahren nicht zum Erfolg geführt hat und weil die Stadt mit ihren neuerlichen Aufwertungsplänen nicht so recht vorankommt, wollte die Ratsfraktion von FDP und Volt die junge Generation ins Boot holen. Doch die Idee eines Schülerwettbewerbs fand im Gemeinderat keine Mehrheit. Die Stadträtinnen Rena Farquhar und Anita Maticevic blieben trotzdem am Ball und zogen künstliche Intelligenz zurate. Mit Hilfe von Computersimulationen zeigen die beiden, was am Bahnhofsvorplatz möglich wäre.
Farquhar und Maticevic sehen sich mit der Idee, Schülerinnen und Schüler um Vorschläge zur Aufwertung des Bahnhofsvorplatzes zu bitten, auf dem richtigen Weg. Weder der Hinweis der Verwaltung, dass die Aufgabe viel zu komplex sei, noch der Einwand, dass tiefgreifende Umbauarbeiten wegen Leitungen und Altlasten im Untergrund nicht machbar seien, überzeugt sie. „Schüler werden kaum auf Ideen kommen, für deren Umsetzung Bagger anrollen müssen“, vermutet Rena Farquhar. „Manchmal eröffnet ein unvoreingenommener Blick ganz neue Perspektiven.“
Der erste Eindruck muss stimmen
Die beiden Stadträtinnen sind überzeugt, dass der Bahnhofsvorplatz so nicht bleiben kann: „Das ist der erste Eindruck, den viele Menschen von Esslingen gewinnen“, weiß Rena Farquhar. „Und auch für diejenigen, die hier leben, ist der Platz bestimmt kein Wohlfühlort.“ Dass die Stadt im Herbst 2022 ein Projektteam gegründet hat, um das Bahnhofsquartier zu einem „urbanen Raum für alle“ zu entwickeln, hat die Fraktionschefin von FDP/Volt zur Kenntnis genommen. Nachhaltige Verbesserungen vermisst sie jedoch, auch wenn die Sozialarbeit im Bahnhofsviertel intensiviert, ein Alkoholverbot ausgesprochen und eine mobile Wache des Ordnungsdienstes zu bestimmten Zeiten installiert wurde.
Doch das könne es noch nicht gewesen sein: „Der erste Eindruck muss stimmen“, findet Farquhar: „Natürlich kann man mit Verboten etwas erreichen. Aber am meisten ist für das Sicherheitsgefühl gewonnen, wenn der Platz so attraktiv ist, dass viele Menschen gern dort sind. Solche Wohlfühloasen brauchen wir in Zukunft noch viel mehr. Es ist kein Zufall, dass so viele an ihrer Stadtbücherei im Bebenhäuser Pfleghof hängen, weil sie sich dort einfach zuhause fühlen.“
Farquhar hält erklärtermaßen viel von dem Gedanken, diejenigen einzubeziehen, die den Platz nutzen, aber auch diejenigen, die ihn bewusst meiden: „Sie wissen am besten, was ihnen dort fehlt und wie sie ihn lieber nutzen würden.“ Anita Maticevic ergänzt: „Das müssen nicht nur junge Leute, das können auch Senioren, Pendler, Touristen, Kunden sein – alle, die mit ihren Ideen dazu beitragen wollen, dass aus dem Bahnhofsvorplatz ein echtes Entree für Esslingen wird. Wenn man selbst an der Gestaltung mitgewirkt hat, fühlt man sich einem Platz ganz anders verbunden.“
Künstliche Intelligenz regt eigene Fantasie an
Anita Maticevic hat mit Hilfe künstlicher Intelligenz Ideen entwickelt, was sich ohne tiefgreifende Eingriffe in den Untergrund aus dem Bahnhofsvorplatz machen ließe. „Das sind Gedanken, über die man reden kann und die dazu anregen sollen, weiter an guten Lösungen zu arbeiten“, betont sie. So könnten im Sommer eine mobile Bar oder ein Foodtruck zum Verweilen einladen, in der Adventszeit könnten ein Kinderkarussell und Marktstände auf den Weihnachtsmarkt einstimmen. Etwas aufwendiger ist der Gedanke, zwischen Bahnhofsgebäude und Einkaufszentrum Das ES eine temporäre Eisbahn aufzubauen. Und wenn Esslingen sein sportliches Profil zeigen möchte, könnten dort eine Skaterbahn oder ein Fitnesstreff unter freiem Himmel entstehen.
Gut gefällt Maticevic der Gedanke, den Platz mit Lauben aufzuwerten: „Die könnte man mit Weinlaub beranken und hätte einen schönen Bezug zur Weinbautradition.“ Oder wie wär’s mit Flohmärkten oder Bahnhofs-Hocketsen? Oder einer attraktiven Spielfläche? Oder einer kleinen Bühne für Kulturveranstaltungen? „Wenn abends etwas geboten ist, fühlt man sich gleich viel sicherer und bleibt im besten Fall stehen“, betont Farquhar, die sich sogar vorstellen kann, dass sich der Wunsch der Freien Wähler, ein Kneipp-Becken zu installieren, dort verwirklichen ließe. „Wichtig ist, dass endlich etwas Überzeugendes am Bahnhofsvorplatz entsteht“, betont Anita Maticevic. „Jede Idee, die entwickelt, ernsthaft geprüft und umgesetzt wird, kann unserer Stadt nur guttun.“