Hermann Beck und Petra Helmcke wollen in der aktuellen Debatte über die Zukunft der Stadtbücherei engagiert die Anliegen vieler Nutzerinnen und Nutzer vertreten. Foto: Roberto Bulgrin

Der Gedanke von OB Matthias Klopfer, die Esslinger Stadtbücherei vom Bebenhäuser Pfleghof ins frei werdende Kögel-Kaufhaus zu verlegen, werden heiß diskutiert. Der Förderverein der Bibliothek nennt viele Aspekte, die vor der Entscheidung zu klären sind.

Der Gedanke von OB Matthias Klopfer, die Stadtbücherei vom Bebenhäuser Pfleghof ins frei werdende Kögel-Modehaus zu verlegen, wird heiß diskutiert. Während aus einigen Ratsfraktionen bereits vorsichtige Zustimmung signalisiert wird, obwohl die Verwaltung erklärt, man befinde sich noch im Ideenstadium, findet der Förderverein der Bücherei: „Solange wesentliche Zahlen, Daten, Fakten und Konzepte nicht auf dem Tisch liegen, ist eine verantwortungsvolle Bewertung eines möglichen Umzugs ins Kögel-Haus weder sinnvoll noch seriös.“ Klar ist für den Vorsitzenden Hermann Beck und seine Stellvertreterin Petra Helmcke: „Eine Lösung, die vorrangig der Stärkung der Innenstadt dienen soll und dafür Nachteile für die Bücherei in Kauf nehmen würde, könnte den jahrzehntelangen Diskussionen um die Bibliothek, dem Bürgerentscheid, vor allem aber den vielen Nutzerinnen und Nutzern nicht gerecht werden.“ In einem Schreiben an den OB und die Ratsfraktionen hat der Förderverein zahlreiche Fragen formuliert, deren Beantwortung für eine sachgerechte Entscheidung unerlässlich sei.

 

Starke Bindung an den Pfleghof

Für die Mitglieder des Fördervereins kam der Vorstoß des Oberbürgermeisters überraschend. Bislang habe man den Gemeinderatsbeschluss vom Dezember 2022 mit seinem Bekenntnis zum Büchereistandort in der Heugasse, zu dessen Sanierung und Modernisierung und zur Prüfung dortiger Erweiterungsoptionen als verbindlich angesehen, auch wenn er „nicht in vollem Umfang dem entspricht, wofür sich beim Bürgerentscheid 2019 rund 15 000 Menschen ausgesprochen haben“. Der Bürgerentscheid und frühere Nutzerbefragungen hätten gezeigt, „dass viele Menschen eine hohe emotionale Bindung an den Bebenhäuser Pfleghof empfinden“. Auch wenn die rechtliche Bindung des Entscheids ausgelaufen ist, sehen die Förderer „zumindest eine moralische Verpflichtung, den damals klar bekundeten Bürgerwillen umzusetzen“. Gleichwohl zeigen sie sich offen, die Pläne der Stadtverwaltung konstruktiv zu prüfen. Ziel müsse die bestmögliche Lösung für die Bibliothek sein. „Was für die Bücherei am besten ist, ist auch das Beste für die Stadt“, erklärt Beck. „Allein eine Gebäude-Rochade wird nicht genügen. Esslingen braucht einen echten Mehrwert.“

Welche Möglichkeiten der Pfleghof bietet, hätten die Bürgerbeteiligung und das Konzept des Bibliotheksdesigners Aat Vos gezeigt. „Alternativ-Standorte und -Konzepte können aus unserer Sicht nur in Frage kommen, wenn sie klare Vorteile gegenüber der bisherigen Planung bieten“, sagt Petra Helmcke. Gerade wegen des Bürgerentscheids sei besondere Sorgfalt zu wahren, heißt es im Schreiben an OB und Gemeinderat. Die Mitglieder des Fördervereins legen im Sinne einer attraktiven Bücherei Wert darauf, dass der ohnehin bereits reduzierte Medienbestand nicht weiter verkleinert wird. Das sei besonders wichtig, um gerade jungen Leuten Lust aufs Lesen und Entdecken zu machen.

„Zukunftsfähige Bibliothek braucht Platz“

Der Förderverein erwartet, dass die Flächen im Pfleghof und im Kögel-Haus nach identischen Maßstäben berechnet werden, und sie erinnern an das Argument der städtischen Gebäudeverwaltung, dass unter einer Nutzungsfläche von 3600 Quadratmetern ein zukunftsfähiges Bibliotheksprogramm nicht realisierbar sei. Wichtig seien auch ein verlässlicher Zeit- und Kostenplan für die Realisierung des gesamten Kulturquartier-Projekts einschließlich des Nachbarhauses Heugasse 11, das seit den 90er-Jahren als Erweiterungsfläche für die Bibliothek im Gespräch ist. Für Petra Helmcke ist es keine Frage: „Wenn es die Stadt ernst meint mit dem angedachten Kulturquartier, fallen die Sanierungskosten, die sich wegen des jahrzehntelangen Sanierungsstaus im Pfleghof summiert haben, zusätzlich an.“

Unklar sei bislang auch, ob das Kögel-Haus von der Stadt gekauft oder gemietet werden solle und welcher Zeitraum im Falle einer Anmietung angestrebt werde. Der Förderverein erinnert an die hohe Aufenthaltsqualität, die viele Nutzerinnen und Nutzer dem Pfleghof nicht nur wegen des malerischen Innenhofs bescheinigen, und an die Bedeutung des Cafés, und er fragt, wie beides im Kögel-Haus realisiert werden solle. Das sei vielen in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung und zuvor in einem aufwendigen Prozess der Bürgerbeteiligung, deren Ergebnisse keinesfalls unter den Tisch fallen dürften, besonders wichtig gewesen. Die Mitglieder des Fördervereins wollen den neuerlichen Entscheidungsprozess engagiert begleiten. „Eine übereilte Entscheidung würde der Bibliothek und den Bürgerinnen und Bürgern nach drei Jahrzehnten der Diskussionen um Standorte, Flächen und Konzepte nicht gerecht werden und der Akzeptanz schaden“, betont Hermann Beck.

Ideen für ein Digitales Medienzentrum

Neuer Gedanke
 „Im Sinne der angestrebten Stärkung des Einzelhandelsstandorts Innenstadt“ favorisiert der Förderverein der Stadtbücherei weiterhin eine Nachnutzung des Kögel-Gebäudes für Einzelhandel. Sollte es dafür trotz intensiver Bemühungen keine Interessenten geben, schlagen die Bücherei-Förderer für diesen Standort ein Digitales Medienzentrum vor, „das Teile der angestrebten Funktionen einer Bücherei der Zukunft erfüllen und damit zur Entspannung der beengten Raumsituation im Pfleghof beitragen könnte“.

Ort des Lernens
Ein Digitales Medienzentrum könnte nach den Vorstellungen des Vereins ein Ort der digitalen Teilhabe und des Lernens werden. Dort könnten Workshops und Angebote für alle Altersgruppen stattfinden und die dringend nötigen zusätzlichen Lernarbeitsplätze eingerichtet werden. „Ein solches Medienzentrum wäre innovativ, attraktiv und hätte einen Mehrwert für die ganze Stadt“, erklärt der Förderverein. Außerdem gebe es einige Fördertöpfe für Maßnahmen zur Digitalisierung. „Wesentliche Bereiche der Stadtbücherei, darunter die Familienbibliothek, der Veranstaltungssaal oder das Café, könnten dann in der Heugasse verbleiben und damit an dem Standort, der von der Bürgerschaft mit großer Mehrheit beschlossen wurde, wie der OB völlig zu Recht festgestellt hat.“