In Esslingen wechselten weniger Kinder aufs Gymnasium. Das ist ein landesweiter Trend. Foto: Marijan Murat/dpa

Noch immer ist das Gymnasium mit Abstand die beliebteste Schulart in Esslingen. Aber es gibt erstaunliche Veränderungen.

Mit der Rückkehr zu G 9 ist die Hürde für den Wechsel aufs Gymnasium höher geworden. Bei der Anmeldung für das laufende Schuljahr mussten die Viertklässler erstmals eine entsprechende Grundschulempfehlung vorweisen. Wirkt sich die neue Verbindlichkeit bereits aus? In Esslingen wurde nun der jährliche Bericht zur Schulstatistik vorgelegt, der unter anderem die Schülerströme an den Grund- und weiterführenden Schulen beleuchtet.

 

Auffallend ist, dass zum Schuljahr 2025/26 nur noch 45 Prozent der Familien ihr Kind aufs Gymnasium schicken. Das ist der niedrigste Wert seit zehn Jahren und niedriger als der Tiefstwert von 2018/19 mit 47 Prozent, wie aus dem Bericht der Stadt hervorgeht. In anderen Schuljahren wechselten regelmäßig weit mehr als die Hälfte der Viertklässler auf ein Gymnasium. Am Rückgang der Gymnasialempfehlungen liegt dies offenbar nicht. Die haben in Esslingen von 49 auf 51 Prozent sogar leicht zugenommen. Deutlich weniger Empfehlungen wurden für die Realschule ausgesprochen, sie sanken von 25 auf 17 Prozent, mehr Kindern wurde die Werkrealschule empfohlen (29 Prozent).

Im Esslinger Rathaus wird darüber spekuliert, weshalb der Ansturm auf die Gymnasien nachlässt. „Durch die neuen, strengeren Zugangsregeln zum Gymnasium wirkt der Wechsel dorthin möglicherweise verbindlicher und anspruchsvoller, weshalb sich manche Eltern trotz Empfehlung dagegen entschieden haben“, vermutet Bernd Berroth, Leiter des Amts für Bildung, Erziehung und Betreuung. „Es könnte eine bewusste Entscheidung der Eltern sein, ihr Kind vor dem als höher empfundenen Leistungsdruck am Gymnasium zu schützen“, sagt er. Zulegen konnten die Esslinger Realschulen, bei denen die Übertritte im Vergleich zum Vorjahr um fünf Prozentpunkte auf 28 Prozent stiegen. Ein Plus von drei Prozentpunkten auf 25 Prozent gab es bei den Gemeinschaftsschulen, an denen alle Abschlüsse möglich sind.

Die neue Elisabeth-Selbert-Realschule – hier bei der offiziellen Einweihung im Mai 2025 – wächst stetig. Foto: Brändli

Realschulen auf dem zweiten Platz, Gemeinschaftsschulen auf Platz drei

Die Schülerzahlen insgesamt gehen an den weiterführenden Schulen kontinuierlich zurück. Derzeit sind es – inklusive der Vorbereitungsklassen – 5422 Schülerinnen und Schüler in Esslingen, vor zehn Jahren waren es 614 mehr. Das Gymnasium bleibt mit einem Anteil von 54,3 Prozent in Esslingen mit großem Vorsprung am beliebtesten, gefolgt von den Realschulen mit 25,6 Prozent und den Gemeinschaftsschulen mit 20,1 Prozent. Insgesamt besuchen 2967 Schülerinnen und Schüler eines der vier Esslinger Gymnasien. Die Zahl der Klassen blieb am Mörike-Gymnasium mit 26 Klassen und am Schelztor-Gymnasium mit 24 Klassen im Vergleich zum Vorjahr unverändert. Am Georgii-Gymnasium gab es einen Rückgang von 19 Klassen auf 17 im laufenden Jahr. Das THG hat 22 Klassen, eine weniger als im Jahr davor.

Neue Esslinger Realschule hat Zulauf

Bei den Übertritten von der Grundschule gab es auch an den anderen Schularten Verschiebungen. So ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Realschul-Empfehlung in Esslingen, die tatsächlich dorthin wechselten, deutlich zurückgegangen (von 52 auf 40 Prozent). Dafür gehen mehr Kinder mit Hauptschulempfehlung auf die Realschule. Ihr Anteil stieg im Vergleich zum Vorjahr von 38 auf 44 Prozent. Der Anteil der Kinder mit gymnasialer Empfehlung wuchs ebenfalls, und zwar von zehn auf 15 Prozent. An Realschulen ist unterschiedliches Lernen möglich. Das grundlegende Niveau führt zum Hauptschulabschluss, das mittlere Niveau zielt auf die Mittlere Reife ab.

Insgesamt sinkt der Schulstatistik zufolge an den Esslinger Realschulen die Anzahl der Regelklassen – mit Ausnahme der neugegründeten Elisabeth-Selbert-Realschule in der Pliensauvorstadt, die 2020/21 als Neue Schule startete und inzwischen auf 13 Klassen angewachsen ist. An der Zollberg-Realschule, wo bis zur Fertigstellung des Neubaus in Containern unterrichtet wird, sinken die Zahlen seit Jahren oder sie stagnieren bestenfalls. Aktuell sind es 17 Klassen. Die Realschule Oberesslingen hat 21 Klassen.

Wie sieht der Schülermix an den Gemeinschaftsschulen aus?

An die Gemeinschaftsschulen wechselten nach Höchstwerten von fast 80 Prozent im Schuljahr 2018/19 im aktuellen Schuljahr nur 64 Prozent der Grundschulkinder mit einer Hauptschulempfehlung, gefolgt von 23,6 Prozent mit Realschulempfehlung (Vorjahr 24,6 Prozent). Die Kinder mit Gymnasialempfehlungen sind von 7,6 Prozent auf 12,4 Prozent gestiegen. Grundidee dieser jüngeren Schulart ist es, dass Kinder aller Leistungsniveaus mit- und voneinander lernen, was einen Mix in der Schülerschaft voraussetzt. Es sieht danach aus, als ob dies in Esslingen etwas besser gelingt. An der Seewiesenschule gibt es mit 14 Regelklassen eine Klasse weniger als im Vorjahr. An der Schule Innenstadt, die eine gymnasiale Oberstufe anbietet, sind es mit 24 Klassen zwei mehr als im Vorjahr.

Schülerzahlen

Grundschulen
In den Grundschulen rechnet Esslingen in den kommenden Jahren durch steigende Geburtenraten und Neubaugebiete mit einem stetigen Zuwachs der Schülerzahlen, der je nach Stadtteil unterschiedlich ausfällt. Dieser erhebliche Anstieg wird sich 2030/31 auch auf die weiterführenden Schulen auswirken. Derzeit besuchen 3180 Kinder die Grundschulen. Von ihnen nehmen 73 Prozent bereits die kommunale Betreuung oder den Ganztag in Anspruch. Ab kommendem Schuljahr tritt der Rechtsanspruch auf Betreuung an Grundschulen in Kraft.

Sonderpädagogik
In der Schulstatistik werden nur die Schülerinnen und Schüler mit einem festgestellten sonderpädagogischen Bildungsanspruch erfasst. In Esslingen sind dies aktuell 16 Schülerinnen und Schüler. Das sind neun mehr als im Vorjahr. Zusätzlich geht eine Vielzahl mit Schulbegleitern in die Schulen, heißt es in dem Bericht zur Schulstatistik. Die Gründe dafür seien unterschiedlich und reichen von Autismus bis zu Lernschwierigkeiten.

Grundschulempfehlung
Für eine Gymnasialempfehlung müssen entweder die Klassenkonferenz oder das Ergebnis des Kompass-Tests sprechen. Ist dies nicht der Fall, kann das Kind einen zentralen Potenzialtest an einem Gymnasium ablegen, der dann endgültig entscheidet. Die verbindliche Grundschulempfehlung ist seit 2025 in Kraft. Hintergrund ist die schrittweise Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums (G9). Die Landesregierung befürchtete, dass das Gymnasium dadurch einen noch größeren Zulauf bekommt. Landesweit sind die Schülerzahlen an den allgemeinbildenden Gymnasien im Vergleich zum Vorjahr um 0,9 Prozent gesunken. Es ist der zweite Rückgang in Folge, wie das Statistische Landesamt mitteilt.