Als im 19. Jahrhundert der Massentourismus begann, haben Esslinger Betriebe die schönsten Urlaubsmotive auf Haushaltsgegenständen verewigt.
Bilder im privaten Besitz waren im 19. Jahrhundert noch recht selten. Dadurch besaßen sie eine große Attraktivität „ungleich höher als in unserer bilderüberfluteten Gegenwart“, erklärt Martin Beutelspacher. Der frühere Esslinger Museumsleiter beschreibt die Macht der Bilder und wie es zu den jeweiligen Motiven kam, am Beispiel eines Serviertabletts aus dem Hause C.Deffner aus der Zeit um 1870 – dem aktuellen Objekt des Monats.
Solche lackierten Metallwaren produzierte die „Lackier- und Metallwarenfabrik“ von Carl Deffner im 19. Jahrhundert. Die Fabrik lag am Neckar, wo heute das neue Esslinger Landratsamt gebaut wird. Lackiert wurden die aus Eisenblech gefertigten Haushaltsgegenstände, weil sie rostanfällig waren und sonst unansehnlich und „hygienisch zweifelhaft“ zu werden drohten. „Der Lack schützte und sah hübsch aus“, führt Martin Beutelspacher aus .
Attraktive Erinnerungen
Auch dem dekorativen Bedürfnis der Zeit kam man damit entgegen und verschönerte deshalb Alltagsgegenstände durch abstrakte Dekors und sogar durch richtige Bilder. Das Tablett mit dem Rheinfall bei Schaffhausen aus den 1860/1870er Jahren zeige das sehr schön. Schon die Andenkenmaler der Biedermeierzeit hätten in den 1820/1830er Jahren in ganz Europa ähnliche Motive bei einer betuchten Klientel abgesetzt. Nun erlaubten moderne und effektive Reproduktionstechniken höhere Auflagen, die Produktion wurde preiswerter und entsprach den Erfordernissen des immer massenhafter werdenden Tourismus.
Auf dem Tablett wurde das Motiv als grafische Vorlage mit einer Art Abziehbild auf das bereits mit einer passenden Standard-Randverzierung versehene Blech übertragen. „So wurde aus dem Gebrauchsgegenstand, mit dem man Geschirr von der Küche ins Esszimmer trug, gleichzeitig ein emotional aufgeladenes Bild“, erklärt der Fachmann. Und warum gerade der Rheinfall, der größte Wasserfall Europas mit einer Höhe von 23 Metern, der 150 Meter breit ist und durchschnittlich 373 Kubikmetern Wasser pro Sekunde führt, so beliebt ist, erklärt Beutelspacher so: „Schon im Mittelalter wurde von ihm berichtet und seit 400 Jahren wurde er häufig abgebildet. Wer auch nur halbwegs in der Nähe war und es sich leisten konnte, besuchte dieses Naturwunder.“ Auch der viel reisende Goethe habe auf seiner dritten Schweizerreise am 18. September 1797 dort verweilt und später unter Hinweis auf dessen Ballade vom „Taucher“ an den Dichterkollegen Friedrich Schiller folgendes geschrieben: „Bald hätte ich vergessen Ihnen zu sagen daß der Vers: es wallet und siedet und brauset und zischt pp. sich bey dem Rheinfall trefflich legitimirt hat, es war mir sehr merkwürdig wie er die Hauptmomente der ungeheuern Erscheinung in sich begreift.“
Schon Goethe war begeistert
Als um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Eisenbahn das Reisen erleichterte, läutete diese technische Revolution auch den Beginn des Massentourismus ein. „Da brauchte es massentaugliche Erinnerungsbilder. Das schwarze Tablett mit der goldenen Ornamentik verbindet seine praktische Funktion als hauswirtschaftliches Arbeitsgerät mit dem bekanntesten Blick auf diesen imposanten Fall, der sich seit Generationen in unserem Bildgedächtnis befindet: Die Perspektive von der rechten Rheinseite unterhalb des Falls auf den Ort Neuhausen links und das Schloss Laufen rechts, dazwischen, geteilt durch den großen Rheinfallfelsen, der donnernd in die Tiefe stürzende Fluss,“ erklärt Martin Beutelspacher.
Pure Romantik
Und damals sei der Rheinfall keine zum Selfiehintergrund herabgesunkene, längst bekannte Kulisse gewesen, sondern er habe die Menschen buchstäblich umgeworfen und zu Begeisterungsrufen hingerissen: „Halte dein Herz, o Wanderer, fest in gewaltigen Händen! Mir entstürzte vor Lust zitternd das meinige fast. Rastlos donnernde Massen auf donnernde Massen geworfen, Ohr und Auge, wohin retten sie sich im Tumult?“ mit diesem Anfang des Gedichts von Eduard Mörike über dessen Besuch des Falls 1846 zitiert der ehemalige Museumsleiter die damalige Begeisterungsfähigkeit.
Über allem schwebt der Vollmond
Und Beutelspacher fährt fort, auch das Eisenbahnviadukt oberhalb des Rheinfalles, das seit 1857 Schaffhausen mit Winterthur und Zürich verbindet, gehöre zum festen, damals modernen Inventar der Abbildungen. Wenn dazu darüber der Vollmond leuchtete, und das ist hier der Fall, werde der romantische Effekt maximal.
Von den Anfängen mit einem Objekt wie diesem Esslinger Blechtablett bis heute nutze die touristisch orientierte Souvenirindustrie die Verbindung von erinnerungsgeladenem Bild, praktischer Verwendung und massenhafter Produktion.
Tischkultur made in Esslingen
Betrieb
Von 1815 bis 1969 existierte die Esslinger Metallwarenfabrik C.Deffner, die vor allem Gerätschaften für Tisch und Bar herstellte. Während der Hochzeit Ende des 19. Jahrhunderts zählte der Betrieb bis zu 500 Beschäftigte. Produziert wurden vernickelte, verchromte und versilberte Tafelgeräte und Metallporzellan-Geschirr und während des Zweiten Weltkrieges hauptsächlich Blechgeschirr, später noch Modeschmuck.
Besuch
Jeden Monat präsentiert das Stadtmuseum im Gelben Haus am Esslinger Hafenmarkt 7 ein Objekt des Monats aus seiner Sammlung. Das Museum ist geöffnet Dienstag bis Samstag von 14 bis 18 Uhr sowie sonn- und feiertags von 11 bis 18 Uhr.