Balance auf dem Gurtband: Cihan Calis beim Slackline-Training im Maille-Park in Esslingen. Foto: Jan Reich

Kaum ein Zweiter beherrscht die Slackline so wie er: Cihan Calis, bekannt als Wettkönig von „Wetten, dass...?“, ist Mitbegründer der akrobatischsten Form des Slacklining – Tricklining. Jetzt bereitet er den ersten internationalen Worldcup in Esslingen vor.

Esslingen - Cihans Uhr geht etwa eine Viertelstunde vor. Deswegen sei er pünktlich, sagt er. Wie viel die Uhr genau vorgeht, weiß der 33-Jährige aus Esslingen nicht. „Dann könnte man ja damit kalkulieren und würde alles auf den letzten Drücker machen.“

Nach vier Jahren hat Cihan seinen damaligen Brotberuf als Industriemechaniker an den Nagel gehängt. Er nutzte sein Talent als Tänzer und wurde Breakdance-Profi. Cihan wurde mit seiner Frankfurter Tanzcrew, den Riddlaz, Vizeweltmeister beim Verband IDO. Gesponsert von einem Eisfabrikanten, arbeitete er in Spanien als Tanztrainer und Tanzlehrer. Dann beendete eine Fußverletzung diese Karriere jäh. Etwas Besseres hätte Cihan Calis kaum passieren können.

Nachdem sich die Sache mit Breakdance erledigt hatte, jobbte er in einem Abenteuerpark. Vom gefeierten Tänzer in Spanien zum Höhenretter in Karlsruhe, der alle runterholt, die in fünf Meter Höhe Angst bekommen. Eines Tages kam ein Typ vorbei, der nicht klettern wollte. Der spannte ein Gummiband von Baum zu Baum und balanciere darauf. Cihan sprach ihn an. Cihan probierte es aus. Cihan tanzte auf dem Gummiband.

Schnelle Verbreitung dank Youtube

„Stunts wie Saltos waren 2008 auf der Slackline kaum verbreitet“, erinnert sich der Trickline-Pionier. Gäbe es kein Internet, hätte er kaum bemerkt, dass noch andere Bergsteiger-Sicherheitsbänder zweckentfremden. „Ohne Youtube hätte sich der Sport nie so schnell verbreitet. Trickliner aus aller Welt haben ihre Videos hochgeladen. So fing das mit der Szene an.“ Cihan leistete auf den Online-Videokanälen mit seinem Gambit-Style rund um den Globus Pionierarbeit im Tricklining, der akrobatischsten Unterart des Slacklining, wo es spektakuläre Sprünge, Saltos und Drehungen auf dem Gummiband gibt.

Heute sei das Profiniveau aber viel höher als damals, besonders die Slackliner aus Brasilien sind im Vormarsch. „Während man früher nicht einmal an Doppelsaltos auf der Slackline gedacht hat, beeindruckt man in Profikreisen heute kaum noch mit etwas drunter“, sagt Cihan. Auch wenn er nach wie vor auf Weltspitzenniveau auf der Slackline unterwegs ist und keinesfalls zum alten Eisen gehört, bemüht sich der 33-Jährige gerade vor allem um Organisatorisches, Jugendtraining beim TV Hegensberg und sein Slackline-Label Gambit Slacklines. Einnahmen seiner Firma dienen vor allem der Finanzierung von Slackline-Events. So soll auch Cihans bisher ehrgeizigstes Projekt im September 2014 realisiert werden: den ersten offiziellen Slacklining-Worldcup zu veranstalten, für den die weltbesten Gummiseiltänzer aus aller Welt eingeflogen werden – mit einer unabhängigen Jury. Denn bis jetzt werden Wettkämpfe lediglich von Slackline-Herstellern ausgerichtet, worunter die Objektivität leidet. Laut Cihan wird seine Jury die Athleten richtig beurteilen können: „Das sind alles erfahrene Sportler. Das ist wie bei einem Schreiner, der einen Tisch sieht. Der sieht eben, ob der Tisch gut gemacht ist oder nicht.“ Was eine Bezuschussung durch die Stadt angeht, laufen die Gespräche angeblich hervorragend.

Erste Tricks beherrscht man nach einer Woche

Was für Typen sind diese Slackline-Profis, die Cihan zusammenscharen möchte? Seine Antwort: „Völlig unterschiedliche Charaktere – sowohl ehemalige Skater, Kletterer oder Turner als auch Leute, die vorher sportmäßig nix gemacht haben.“ Obwohl es kaum einen Park in Deutschland gibt, in dem noch nie eine Slackline von Baum zu Baum gespannt wurde, können weltweit nur zehn bis 20 Profis vom Sport alleine leben. Cihan sieht da vor allem Nachholbedarf beim Ausbau der Vereinsstrukturen, wenn Slackliner mal vernünftig bezahlt sein sollen.

Doch wie wird man überhaupt Slackline-Profi? „Besonders motivierend beim Slacklining ist die steile Kurve von Erfolgserlebnissen.“, beobachtet Cihan das Anfängertraining. So kann ein absoluter Amateur bereits nach einer halben Stunde mit einem Bein auf der Slackline stehen, nach einer Woche beherrscht man die ersten Tricks. Und wer drei bis vier Mal die Woche trainiert, bringt es mit etwas Talent innerhalb eines Jahres zur Semi-Professionalität.

Wettkönig trotz Wettenverlierer

Cihans sportlicher Karrierehöhepunkt war der 6. Oktober 2012. Markus Lanz moderiert seine erste Ausgabe „Wetten, dass..?“ 15 Millionen Augen sind auf Cihan Calis gerichtet, der von der Slackline aus fünf Fallrückzieher in Folge ins elf Meter weit entfernte Fußballtor versenken will, ohne vom Gummiband zu fallen. Cihan verschießt den ersten Elfer. Und schon ist der Wurm drin. Cihan gelingt es nicht, mehr als vier Elfer hintereinander zu verwandeln. Trotzdem wird Wettenverlierer vom Publikum zum Wettkönig gekürt. „Damit war endlich der Grundstein für meine Firma gesetzt“, erinnert sich Cihan an seinen großen Auftritt.

Cihan muss dringend gehen. Seine Uhr zeigt an, dass er in etwa einer halben Stunde im Training sein muss. Er schultert seinen Rucksack, in dem sich nur vier Dinge finden: wasserdichte Rollei-Kameras zum Filmen der Tricks, Knieschoner, ein Rückenprotektor und natürlich ein Mordsgewirr an Slack-lines. „Sonst ist da auch nie was anderes drin.“ Cihan lebt für den Sport.

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