Das Esslinger Podium Festival zieht nach elf Tagen eine positive Bilanz. 19 Konzerte reflektieren mit musikalischen Mitteln Erfahrungen des Fremdseins.
Das Podium Festival ist zu Ende, doch es klingt noch lange nach. Einmal mehr hat sich das Festival vielseitig, innovativ, virtuos und engagiert präsentiert. Rund 5000 Menschen erlebten 30 öffentliche Veranstaltungen an 20 Spielorten. Eine gute Nachricht gab’s schon vor Beginn des elftägigen Veranstaltungsreigens, als der künstlerische Leiter Joosten Ellée wissen ließ, dass er ein weiteres Jahr in Esslingen bleibt und sich nicht wie geplant bereits Ende 2026 verabschieden wird. „Ein Glücksfall für uns und für die Esslinger Kultur“, betont Brigitte Russ-Scherer, die Vorsitzende der Podium Musikstiftung, der nun mehr Zeit bleibt, die richtigen Weichen für die Zukunft zu stellen.
Das Festivalteam hatte sich viel vorgenommen. Diesmal stand das Festival im Zeichen der „Music for Aliens“. Gemeint war nicht nur der Blick auf Außerirdische und den Weltraum, sondern ganz allgemein Erfahrungen des Fremdseins, die musikalisch reflektiert wurden. „In einer Zeit, die durch ihre soziale Kälte und Mutlosigkeit uns einander immer fremder erscheinen lässt, verkleinert Musik Entfernungen, lässt Herzen wachsen und zeigt, dass wir uns nicht nur nach mehr Nähe sehnen, sondern uns oft schon näher sind, als wir glauben“, befand Joosten Ellée.
Besondere Konzert-Locations in Esslingen
Es gehört zum Konzept, dass die Konzerte auch an ungewöhnlichen Orten präsentiert wurden – etwa in einer Industriehalle in Oberesslingen, im Eisenlager in der Weststadt oder in der Werkstatthalle des Autohauses Russ Jesinger in den Neckarwiesen. Und in der Druckhalle unserer Zeitung, wo ein Epilog große Kammermusik bot. Inmitten hoch aufgestapelter Papierrollen ließ das Rothko String Quartett zusammen mit Andrew Yee (Violoncello) Kompositionen erklingen, die zeigten, wie reizvoll die Tonart C-Dur sein kann. Die Musikerinnen und Musiker kontrastierten Franz Schuberts Streichquintett C-Dur mit der Uraufführung von Inti Figgis-Vizuetas Komposition „Samara“, in deren scheinbarer Klarheit sich komplexe Erzählungen über das Leben und das Universum entfalten. „Ein wunderbarer Abschluss“, fand Brigitte Russ-Scherer, der es auch die Druckhalle mit ihrer besonderen Atmosphäre angetan hat.
Musiktheater zwischen Techno und Chopin
Wie immer setzten einige Highlights Akzente: Das Eröffnungskonzert in der Stadtkirche bot einen Querschnitt durch das Festivalprogramm – ein interessantes Konzept, das viel Beifall fand. „Holy Presence“ präsentierte zehn Celli, die sich auf höchstem musikalischem Niveau mit Themen wie Unterdrückung, Aufbegehren, Verklärung und Verlust auseinandersetzten. Im Familienkonzert „Star Child“ wurde das Menschsein im Allgemeinen thematisiert. Die Wandelkonzerte „Traum von Land“ in der Villa Merkel verbanden Musik und zeitgenössische Kunst. Und in „Rave“, einer Musiktheater-Inszenierung zwischen Techno, Tanz und Chopin, trafen wilde Beats, schroff-moderne Töne und verträumte Klavier-Nocturnes auf die Rohheit und den morbiden Charme einer längst verlassenen Industriehalle.
Dass Esslinger Jugendliche zu Protagonisten dieser Inszenierung wurden, passt zum Selbstverständnis des Podium Festivals, das mehr denn je die Vernetzung vor Ort pflegte: Mehr als 150 Mitglieder lokaler Ensembles unterstützten die rund 100 Profi-Musikerinnen und Musiker in verschiedenen Produktionen. Stadtteil- und Wohnzimmerkonzerte betonten die lokale Bodenhaftung. Und mit einer Klangausstellung im Merkelpark war das Festival im Stadtbild präsent.