Mit einem fulminanten Abschlusskonzert in einer modernen Werkstatthalle hat das Esslinger Podium Festival einen fulminanten und höchst aktuellen Schlusspunkt gesetzt.
Elf Tage lang hat das Esslinger Podium Festival Facetten der Musik zum Strahlen gebracht – diesmal unter dem verbindenden Motto „Music for Aliens“. Damit bewies der künstlerische Leiter Joosten Ellée einmal mehr nicht nur musikalisches, sondern auch gesellschaftliches Profil. Denn das Leitmotiv des Festivals spielte nicht nur auf Außerirdische an, sondern auf Erfahrungen von Fremdheit allgemein. In unterschiedlichen musikalischen Ansätzen und Formaten zeigte das Festival, wofür es steht.
Konzeptionell innovativ, musikalisch virtuos, mitreißend engagiert, lokal verankert und immer wieder überraschend – so konnte das Publikum die vergangenen Tage erleben. Mit einem fulminanten Abschlusskonzert im Autohaus Russ Jesinger spannte das Ensemble Reflektor den Bogen von den stummfilmbegeisterten 1920er-Jahren bis in unsere digital bestimmte Gegenwart.
Wir leben in politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich aufgewühlten Zeiten. Vieles, was lange Zeit fest gefügt schien, ist unsicher geworden. Kultur reflektiert die Irrungen und Wirrungen der Gegenwart – vor allem dann, wenn die Kunst so profiliert gepflegt wird wie in den Podium Festivals unter Ellées Regie. Eigentlich sollte 2026 seinen Abschied aus Esslingen markieren, doch der Festival-Chef hängt noch ein Jährchen dran. Und wer den Abend in der Werkstatthalle des Autohauses erlebt hat, kann Elleés Verlängerung als Glücksfall empfinden. Denn er versteht es, die richtigen Menschen mit den besten Ideen an passenden Orten zusammenzubringen.
Kritischer Blick auf die schöne, neue Medienwelt
Viele fühlen sich heute an die 20er- und 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts erinnert. Die Menschen erlebten damals gewaltige Umwälzungen in allen Bereichen. Dieses Lebensgefühl reflektierte der Komponist Arnold Schönberg in seiner „Begleitmusik zu einer Lichtspielscene“ aus dem Jahr 1930, die zum Kristallisationspunkt des Abschlusskonzerts wurde. Joosten Ellée wollte musikalisch der Frage nachgehen, wie man diese Komposition, die Schönberg gar nicht für ein Lichtspiel geschaffen hatte, aus der Perspektive der heutigen Medienwelt neu fassen kann. Denn damals wie heute hat sich die Wahrnehmung der Menschen radikal gewandelt.
Vor hundert Jahren war es der Film, der vertraute Sehgewohnheiten völlig veränderte. Heute sind es digitale Medien und Kanäle, die die Menschen in immer atemloserem Tempo mit unterschiedlichsten Sinneseindrücken überfluten. Kunst und Kultur drohen zu Wegwerfprodukten zu werden. Eine Ex-und-hopp-Mentalität befeuert vieles, was schon wieder aus den Augen und dem Sinn ist, noch ehe man es richtig verarbeiten konnte. Nur weniges bleibt erhalten und wird auch später – dann oft in beliebigem Kontext – wieder zitiert. „Man könnte es als Umkehrung von Schönbergs Arbeit verstehen: Er schuf Musik für Filme, die nicht existierten. Die heutigen Filme existieren, aber sind nicht für aufwendige Musik gedacht“, geben die Podium-Macher zu bedenken.
Vor der Kulisse einer modernen Autowerkstatt kontrastierte das Ensemble Reflektor unter der souveränen Leitung von Xizi Wang Schönbergs fast hundert Jahre alte Komposition mit zwei Uraufführungen der Komponistin Georgia Koumará und des Komponisten Yuri Umemoto, ehe zeitgenössische Filmmusik aus der Kult-Serie „Euphoria“ einen poetischen Schlusspunkt setzte. Mit Schönbergs Kammersinfonie Nr. 1 hatte ein spätromantisches Werk das Konzert eröffnet, die Uraufführung von drei kurzen Werken von Yuri Umemoto markierte danach einen harten Kontrast. Der junge japanische Komponist verbindet einfache Sprachmuster mit flüchtigen Elementen aus kommerziellem Anime und Konsumkultur, mit denen er spielt und die durch die Live-Musik des Ensembles Reflektor etwas Bleibendes gewinnen.
Wie Yuri Umemoto hatte auch Georgia Koumará einen Kompositionsauftrag fürs Podium Festival erhalten. Ihre „Binders full of Women“ spielen kreativ mit so genannten Memes – kurzen Bild- und Wort-Schnipseln, die sich im Internet in Windeseile verbreiten. Ein nie versiegender Strom von Inhalten, die in ihrer Beliebigkeit zu Belanglosigkeiten werden. Georgia Koumará versteht Memes als „Folklore der Gegenwart“, die sie aneinanderreiht und musikalisch kommentiert. „Wenn ich Material auswähle, ziehen mich oft Fragmente an, in denen kurze mediale Momente einen breiten Diskurs kondensieren“, erklärt die Komponistin, deren „Ordner voller Frauen“ Aspekte der Geschlechtergerechtigkeit und die öffentliche Wahrnehmung und Repräsentation von Frauen in den Fokus rückt.
Gänsehaut-Momente zum Festival-Finale
Dazu gesellte sich Filmmusik aus der Fernsehserie „Euphoria“, die das Lebensgefühl junger Menschen widerspiegelt und in all seinen Facetten ausleuchtet und die perfekt zum Anspruch des Ensembles Reflektor passte, das sich als „Botschafter einer Musikkultur ohne Grenzen“ versteht. Die jungen Musikerinnen und Musiker sind mit ihrer Virtuosität und ihrer Vielseitigkeit längst zu Garanten des Podium-Erfolgs geworden und bescherten dem Publikum im Abschlusskonzert des Festivals Gänsehaut-Momente.