Vor dem Esslinger Wolfstor steht eine Skulptur mit vielen Geheimnissen. Vor allem aber hat sie das Schaffen des Bildhauers verändert.
Leidender Gesichtsausdruck, gebrechliche Gliedmaßen, fragile Vergänglichkeit – die Skulptur am Esslinger Wolfstor wirkt wie ein Stein gewordenes Mahnmal für Sterblichkeit und Endlichkeit. Die meisten Passanten gehen achtlos vorbei – doch eine Besuchergruppe betrachtet sie ausgiebig. Die Gäste fragen sich, woher die Figur stamme und ob sie wohl in Zusammenhang mit dem Wolfstor stehe. Ist das so?
Die Stadt Esslingen kann mehr zu Titel und Schöpfer sagen: Das Werk heiße „Patient I.“, teilt Marcel Meier vom Pressereferat auf Nachfrage unserer Zeitung mit. Der Künstler Dieter E. Klumpp, der zu dieser Zeit in Stuttgart lebte, habe die Figur geschaffen: „Produziert wurde die Arbeit aus Kalkstein von dem Künstler 1981.“
Die Aufstellung des Patienten sei 1988 nach Anweisungen des Bildhauers geschehen: „Der Ankauf über die Kunstkommission der Stadt Esslingen erfolgte letztlich 1990.“ Die Aufstellung der Skulptur sei im Rahmen einer städtischen Imagestrategie erfolgt. Ziel der Kampagne sei gewesen, den öffentlichen Raum gezielt durch Kunst aufzuwerten. Die Zusatzbezeichnung „Eins“ im Namen der Skulptur, so das städtische Pressereferat, lasse darauf schließen, dass das Werk Teil einer größeren Serie war.
Das wird durch den Künstler bestätigt. Dieter E. Klumpp geht auf seiner sonst sehr ausführlichen Homepage kurz auf die Skulptur ein. Der „Patient I.“ sei 1980/1981 entstanden, befinde sich im Besitz der Stadt Esslingen und sei ein Vorläufer anderer Arbeiten wie der „Figurenlandschaften“. Diese „Figurenlandschaften“ seien teils kleinformatig aus Jurakalk, teils großformatig aus Muschelkalk erstellt worden. Eine der Arbeiten habe die Stadt Stuttgart erworben und sie stehe in Stuttgart-Büsnau.
Künstler wollte keine „Bauchnabel“ oder „Kniescheiben“ mehr
Von Arbeiten wie „Patient I.“ oder „Figurenlandschaften“, schreibt der Künstler auf seiner Homepage, habe er sich in der Folge abgewandt: Er habe sich „wahrscheinlich wieder ganz plötzlich, spontan und unvorhergesehen“ gefragt, ob er bis an sein Lebensende Kniescheiben, Bauchnabel oder Ellenbogengelenke in Stein meißeln wolle. Erschreckt habe er diese Frage für sich verneint. Er habe sich gefragt, so Dieter E. Klumpp auf seinen Internetseiten weiter, was es sonst noch an Abenteuerlichem und Spannendem gebe neben Gegenständlichkeit und Figuration, die er bis dato strapaziert habe: „Ich wollte wieder frei sein.“
Den Standort von „Patient I.“ am Wolfstor erwähnt der Künstler zwar – von einem Bezug zwischen Skulptur und historischer Sehenswürdigkeit spricht er aber nicht. Das Wolfstor mag somit nichts mit dem Werk zu tun haben – wohl aber mit der Esslinger Stadtgeschichte. Es ist laut einem Info-Schild vor Ort der älteste noch erhaltene Torturm der Neckarstadt und entstand um 1220 unter den Staufern. Das Tor war wohl von strategischer und wirtschaftlicher Bedeutung, denn hier verließ laut Hinweistafel die Fernhandelsstraße von Speyer nach Ulm die Stadt: „An der Außenseite erinnert ein Löwenpaar an die einstigen Stadtherren, die Staufer.“
Die Aufstellung von „Patient I.“ in Esslingen erfolgte wohl geräuschlos und ohne Widerstände. Weder die Stadt Esslingen noch der Künstler berichten hier von irgendwelchen Skandalen. Anders erging es Dieter E. Klumpp dagegen mit der „Schwarzen Hofmännin“, einem im Heilbronner Stadtteil Böckingen aufgestellten Werk mit Bezug zu Margarete Renner, einer historischen Frauengestalt während des Bauernkriegs. Standortwahl, moderne Gestaltung und kantige Formensprache der Skulptur wurden bemängelt.
„Herr vergib ihnen“, hatten Kritiker auf Schilder geschrieben
Der Künstler berichtet auf seiner Homepage ausführlich, wie die „Schwarze Hofmännin“ im Dezember 1986 an die Stadt Heilbronn übergeben wurde. Gegenüber seien an einem Zaun Schilder angebracht gewesen mit Aufschriften wie: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Oder: „Wer das Andenken einer Toten verunglimpft, wird mit Gefängnis bestraft.“ Auch Protestrufe von erbosten Bürgern habe es gegeben: „So sah die Hofmännin doch gar nicht aus.“
In einer kleinen Reihe gehen wir in loser Folge Vorurteilen über Esslingen nach. Teile über die vermeintliche „Burg“, die Funktion des Stegs der Stadtkirche, den Marktplatz oder den Hafenmarkt sind bereits erschienen.