Stefan Sommer liest bei den Literaturtagen Lesart aus seinem Debütroman „Trabant“, einer ebenso eindringlichen wie amüsanten Geschichte über einen zurückhaltenden jungen Mann namens Georg Himmel mit einer Leidenschaft für die Astronomie.
Als Leser sitzt man auf dem Beifahrersitz in dem alten Opel Corsa, der von Istrien nach München durch die Nacht fährt. Am Steuer: Georg Himmel, ein zurückhaltender Zeitgenosse, der gerne für sich ist, der am liebsten Astronaut geworden wäre und der Geräusche sammelt, die Teleskope im Weltall aufnehmen. Wenn man Georg Himmel jedoch reizt, dann reagiert der junge Mann mit fast anarchischem Trotz. Um diese Bockigkeit und Widerspenstigkeit beneidet der Schriftsteller Stefan Sommer den Protagonisten seines Debütromans „Trabant“, den er bei den Literaturtagen Lesart vorstellte.
„Trabant“: Selbstzweifel und Urängste steigen hoch
Auf der langen nächtlichen Autofahrt erinnert sich Georg Himmel an seine Kindheit und Jugend zurück. Wie ein Trabant befindet er sich bis heute in der Umlaufbahn um seine Eltern. „Sie bieten einen stabilen Boden für ihn. Er hat eine tiefe Angst, dass die Familie zerbricht“, erklärte Stefan Sommer. Auf diesem einsamen Roadtrip konfrontiert Georg Himmel sich mit Fragen: Hat er als Kind Situationen völlig falsch verstanden? Ist er jahrelang einem Trugbild aufgesessen? „Hat er sich in manchen Dingen getäuscht, haben sich Dinge in seiner Erinnerung überlagert?“, erläuterte Stefan Sommer, wie Georg Himmel Kilometer für Kilometer immer unsicherer wird. Urängste vor dem Verlassenwerden und vor der Einsamkeit überfallen ihn, er versteigt sich in abwegige Vorstellungen, irrlichtert gedanklich zwischen Witz und Wahn. Im Opel Corsa auf der Suche nach sich selbst.
Georg Himmels Fixpunkt ist der Beteigeuze im Sternbild des Orion, ein „Roter Riesenstern“, der eines Tages als Supernova explodieren wird. Da er aber viele Millionen Lichtjahre entfernt ist, wird sein Verlöschen hier erst sehr viel später bemerkt werden. „Diese Metapher eines vielleicht bereits toten Sterns“ hat Stefan Sommer beeindruckt. Der Autor, der in Neckartenzlingen aufgewachsen ist und als Journalist in München lebt, las ausgewählte Passagen, die zeigen, dass „Trabant“ nicht nur tiefgründig, sondern auch amüsant und witzig ist. Er formuliert kurz und prägnant mit zwischendurch fast poetischen Sätzen: „Beide wollen etwas sagen. Beide sagen nichts.“ Eindringlicher kann man dieses Vater-Sohn-Verhältnis wohl kaum beschreiben.
Das zweite Buch nach „Trabant“ ist bereits in Arbeit
Und Stefan Sommer gab in Esslingen Einblick in die siebenjährige Entstehungsphase seines Erstlings. „Ich dachte, ich weiß, wie man einen Roman schreibt: Das werde ich schon hinbekommen. Leider hat das nicht gereicht“, gestand er im Gespräch mit der Journalistin Elisabeth Maier. Anfangs habe er das Buch als Agentengeschichte mit Helikopter-Jagd und allem Drum und Dran angelegt: „Ich bin sehr froh, dass dieser Handlungsstrang herausgefallen ist“, flachste er.
Nach Georg Himmel, seiner Hauptfigur, habe er lange gesucht, sagte Sommer. „Und das astronomische Wissen, mit dem ich ihn ausgestattet habe, habe ich mir schwer anlesen müssen“, gab er zu. „Es hat sich beim Schreiben herausgestellt, dass ich nicht gut darin bin, mir auf leerem Papier Leute auszudenken. Ich bin besser im Beobachten.“ Da lernt der Schriftsteller Stefan Sommer vom Journalisten Stefan Sommer, der für die „Süddeutsche Zeitung“ und den Bayerischen Rundfunk preisgekrönte Geschichten verfasst hat. Und am Ende der Lesung verriet er, dass er in Esslingen zum letzten Mal aus „Trabant“ gelesen hat: „Ich schreibe an meinem zweiten Buch: Irgendwas über traurige DJs, die um die Welt fliegen und einsam in Hotels sitzen.“