Wenn Heinrich Steinfest bei der Lesart über seine Arbeit spricht, macht er dem Publikum im Handumdrehen Lust auf mehr. Foto: Horst Rudel

Heinrich Steinfest ist ein ungewöhnlich produktiver Autor – Schreib-Hemmung hat ihn nie geplagt. Bei den Esslinger Literaturtagen Lesart war er schon häufiger zu Gast. Nun hat er seinen jüngsten Roman „Der betrunkene Berg“ dort vorgestellt.

Er hat seiner Leserschaft eine „Gebrauchsanweisung fürs Scheitern“ geliefert, er hat den „Umfang der Hölle“ vermessen und von „Batmans Schönheit“ oder dem „Nachmittag des Pornographen“ erzählt. Und wer die stattliche Liste seiner Buchveröffentlichungen betrachtet, kann bereits an den Titeln erkennen, dass Heinrich Steinfest ein Autor mit einem ausgeprägten Sinn fürs Überraschende ist. Seine Fantasie kennt keine Grenzen, seine Geschichten loten lustvoll die absonderlichen Seiten des Daseins aus, vieles klingt skurril und bereitet gerade deshalb umso mehr Vergnügen. Bei alledem zeigt sich Steinfest ausgesprochen vielseitig – und produktiv: „Ich habe nie unter Schreib-Hemmung gelitten, sondern eher unter einem Schreib-Zwang“, hat er verraten, als er nun bei den Esslinger Literaturtagen Lesart seinen neuen Roman „Der betrunkene Berg“ vorgestellt hat. Im Gespräch mit dem Kolumnisten Joe Bauer machte Heinrich Steinfest nicht nur Lust auf die Lektüre seines jüngsten Buchs, er hat auch viel über seine Arbeitsweise und sein literarisches Credo verraten.

 

Österreich als literarische Überzeichnung

Steinfest hat lange Jahre in Stuttgart gelebt, doch seine Herkunft hat ihn geprägt. Er ist in Wien aufgewachsen, wo er bis Ende der 90er-Jahre als freischaffender Künstler tätig war. „In der dortigen Luft wurde ich groß“, hat er in einem Interview verraten. „Und diese Luft steckt halt noch immer in meinen Atemwegen, auch nach so vielen Jahren Stuttgart. In Österreich erkenne ich die Welt als theatralische Überzeichnung. Mal höllisch, mal himmlisch, ein deutliches Fehlen von Mittelwegen.“ So etwas geht nicht spurlos an einem vorüber, und schon gar nicht an Heinrich Steinfest, der sich manchmal zu fragen scheint, was schräger ist: seine literarische Perspektive oder die ganz alltägliche Realität. Nicht von ungefähr würde er sich für manche zuweilen Schnelltests für den Verstand wünschen.

Mit seinem jüngsten Roman „Der betrunkene Berg“ (Piper Verlag, 22 Euro) macht der 61-Jährige seinem Ruf alle Ehre: Auf 1765 Metern Höhe betreibt Protagonistin Katharina eine Buchhandlung. Eigentlich kehrt im November Ruhe ein, doch eines Tages taucht ein Fremder auf – leicht bekleidet hätte er im Eis der Alpen garantiert nicht lange überlebt. Ob das auch seine Absicht war, vermag er nicht zu sagen, denn der Mann ohne Namen hat sein Gedächtnis verloren. Katharina behält den Fremden bei sich. Sie lesen zusammen, er muss für sie kochen und sich handwerklich betätigen, und Stück für Stück kehren Partikel seiner Erinnerung zurück – an seine Kunst, an seine Zeit im Boxring und an schicksalhafte Momente, die nicht unschuldig sind an seiner seltsamen Situation ...

Schreiben im Fluss

Da fragte sich nicht nur der Moderator Joe Bauer: „Wie entsteht ein Roman aus derart vielen Bausteinen?“ Heinrich Steinfest verriet dem Lesart-Publikum, dass er sich von seiner Arbeit mitreißen lässt: „Jede Geschichte wird in einem Fluss geschrieben, und während ich schreibe, wird zunächst gar nichts reflektiert. Das kommt erst später, wenn ich bei einzelnen Passagen spüre, dass etwas nicht passt. Die Kunst ist, dass die Leser nicht mitbekommen, wie viel Arbeit darin steckt.“ Vom Ende her könnte er einen Roman nie schreiben, seine Geschichten entwickeln sich genau wie seine Charaktere. Sie nehmen manchmal wundersame Wendungen, Reales und Fantastisches fließt ineinander, die Figuren offenbaren dem Autor bisweilen verblüffend neue Seiten. Steinfest taucht ein in seinen Romankosmos, er gibt sich der Geschichte hin und mag manchmal selbst ein bisschen staunen, wenn seine Figuren mit immer neuen Herausforderungen klarkommen müssen, während sich nach und nach das entwickelt, was er gern als „die Wirklichkeit der Fiktion“ bezeichnet. „Geschichten reflektieren unser eigenes Leben“, weiß Heinrich Steinfest. Und er schätzt es, dass jede neue Figur das Spektrum seiner literarischen Möglichkeiten erweitert: „Wenn ich über eine Person schreibe, begebe ich mich in sie hinein.“

Steinfest gelingt es auch in seinem jüngsten Roman, die Balance zwischen tragischen und komischen Momenten zu halten. In jedem Moment nach Logik und Plausibilität zu fragen, würde der Geschichte viel von ihrer Wirkung nehmen. Man spürt, mit welchem Vergnügen sich der Autor auf seine literarischen Abenteuer einlässt. Das hat ihm gerade im Corona-Lockdown gutgetan. Und sein Publikum darf getrost davon ausgehen, dass der nächste Steinfest schon wieder in der Pipeline ist – dem Schreib-Zwang sei Dank.

Die nächsten Lesart-Highlights warten schon

Alex Capus
 Der Schweizer Autor ist in Esslingen schon lange Kult – seine Lesart-Auftritte sind stets weitaus mehr als nur klassische Lesungen. Seinen jüngsten Roman „Susanna“, der als eines seiner besten Bücher gefeiert wird, präsentiert Alex Capus am Montag, 21. November, um 19.30 Uhr im CVJM-Haus in der Kiesstraße.

Volker Kutscher
 Mit seinen Kriminalromanen um den Berliner Kommissar Gedeon Rath hat Kutscher nicht nur Bestseller gelandet, sondern auch die Vorlage zur erfolgreichen Fernsehserie „Babylon Berlin“ geliefert. Dem Autor gelingt das Kunststück, spannende Kriminalgeschichten mit Zeitkolorit vor einem authentischen historischen Hintergrund zu erzählen. Wer seine Gedeon-Rath-Krimis liest, braucht kein Kino mehr, weil sofort ein Film im Kopf zu laufen beginnt. Seinen jüngsten Band „Transatlantik“, in dem sich die Ereignisse weiter zuspitzen, stellt Volker Kutscher am Mittwoch, 23. November, um 19.30 Uhr im Neckar Forum vor.