Franziska Theiner, Gesine Hannemann und Lily Frank (von links) in „Muttersprache Mameloschn“. Foto: Björn Klein

Um die Suche nach Identitäten geht es in Sasha Marianna Salzmanns „Muttersprache Mameloschn“. Die Esslinger Landesbühne setzt den Text stark in Szene.

Rahel sitzt auf dem gepackten Koffer. Sie bricht nach New York auf, um ihre queere Identität leben zu dürfen. Doch die Geschichte ihrer Familie holt sie immer wieder ein. Die Türen in die große, weite Welt öffnet und schließt sich in Alexander Vaassens sensibler Inszenierung von Sasha Marianna Salzmanns „Muttersprache Mameloschn“ im Podium der Esslinger Landesbühne. In tiefen, poetischen Dialogen untersucht die Autorin die Lebensgeschichten dreier jüdischer Frauen.

 

Salzmann, 1985 in Wolgograd in der Sowjetunion geboren, kam 1995 mit den Eltern als sogenannter „jüdischer Kontingentflüchtling“ nach Deutschland. Die Suche nach der Identität prägt auch die eigene Biografie. Als queere, jüdische Person erfährt Salzmann im Alltag Ablehnung und Hass. Im Leben zwischen den Kulturen die eigene Identität zu finden, ist auch Thema ihres Stücks.

„Mameloschn“ ist das jiddische Wort für Muttersprache. Das Spiel mit diesen Begriffen ist ein roter Faden des Stücks. Drei Generationen ringen da um eine gemeinsame Sprache. In Zeiten von wachsender Queer-Feindlichkeit und Antisemitismus ist das Stück aktueller denn je.

„Oma ist besser als Wikipedia“ sagt die Tochter

„Oma ist besser als Wikipedia“, sagt Rahel, die sich auf Spurensuche in die Vergangenheit begibt. Denn anhand der Figuren erzählt Salzmann die deutsch-jüdische Geschichte. In der dynamisch gestrafften Familienaufstellung klaffen Welten aufeinander. Alexander Vassen hat die kleine Podiumsbühne des Esslinger Theaters mit Türen in Rahmen strukturiert. Sie stehen isoliert im Raum. Mit diesem starken Bild zeigen die Schauspielerinnen die Barrieren, die sich zwischen den Generationen auftun. Immer wieder schlagen sie einander die Tür vor der Nase zu, weil sie einander nicht verstehen.

Drei Frauen, drei Geschichten. „Muttersprache Mameloschn“ im Esslinger Theater. Foto: Björn Klein

Unvereinbar scheinen die Welten zu sein, deren Schicksale Salzmann in Streiflichtern auf die Bühne bringt. Die Großmutter Lin hat den Holocaust überlebt. Nach dem Krieg siedelte sie in die DDR um und feierte da als Sängerin Erfolge. Gesine Hannemann interpretiert die Figur ebenso liebevoll wie bissig. Ihre eigene Tochter Clara maßregelt sie für ihr gluckenhaftes Verhalten. Der Enkelin Rahel öffnet sie alle Türen für den Aufbruch in eine neue Welt. Großartig legt Hannemann die Gewissenskonflikte ihrer Figur offen. Wenn es um die Verflechtungen mit der Staatspartei SED geht, schaltet sie auf Durchzug. Dass Kostümbildnerin Wynnona Nixel die extrovertierte Seniorin in ein allzu nostalgisches Alt-Frauen-Outfit zwängt, wird Hannemanns vielschichtiger Rollenstudie kaum gerecht.

Mit einem alten, abgewetzten Koffer in die neue Welt

Das Outfit der jungen Rahel trifft die Figur genau. Mit einem alten, abgewetzten Koffer, wie man ihn aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs kennt, reist Rahel nach New York. Lily Frank zeigt die Zerrissenheit der queeren Person sehr sensibel, ohne dabei in Klischees abzudriften. Ihr Porträt eines jungen Menschen, der den Fesseln der Familie entfliehen will, ist ehrlich und schön.

Den schwierigsten Part hat Franziska Theiner als Mutter Clara. Der starke Frau im grauen Business-Anzug hat bei ihren eigenen Kindern offenbar auf ganzer Linie versagt. Der Sohn ist nach Israel gezogen und hat alle Brücken zur Familie abgebrochen. Die Tochter flieht in die amerikanische Metropole. Klug zeichnet Theiner die Zerrissenheit ihrer Figur nach, die ihre Identität verleugnet. „Du bist ihr zu viel Deutsche geworden, als dass du ihr helfen kannst“, sagt Großmutter Lin. Da widerspricht Clara vehement: „Ich bin nicht zur Deutschen geworden. Ich bin schon immer eine Deutsche gewesen.“

In Salzmanns Text sind die Sprachebenen sehr wichtig. Da arbeitet Vaassen mit den Spielerinnen sehr genau. Jiddische und hebräische Passagen hat das Ensemble mit einem Coach geübt. Die Balance zwischen historischem Kontext und persönlichen Schicksalen meistern die Esslinger Schauspielerinnen stark. Ohne zu plakativ zu wirken, verortet Regisseur Alexander Vaassen den Text im zeitgenössischen Raum. Alle drei Frauen leiden darunter, dass sie die eigene Vergangenheit nicht aufarbeiten konnten. Hin- und hergerissen zwischen der jeweiligen politischen Wirklichkeit und ihren jüdischen Wurzeln, kommen sie nicht weiter.

Das Bild der Türen, von Vaassen dramaturgisch konsequent durchdacht, bieten den Akteurinnen nicht nur großartige Spielmöglichkeiten. Damit unterstreicht der Regisseur nicht nur die Notwendigkeit, offen zu der verdrängten Geschichte zu stehen, die Teil jeder Persönlichkeit ist. Den gefühlvollen, manchmal ironischen Ton Salzmanns trifft der Theaterabend genau.

Die nächsten Termine von „Muttersprache Mameloschn“ im Podium der Esslinger Landesbühne: 9. und 26. Dezember sowie 10. und 21. Januar.