Daniel Großkämper (Mitte) in der Rolle des Henri Boulanger gerät ins Netz von Verbrechern. Foto: Patrick Pfeiffer

Catja Baumann setzt an der Esslinger Landesbühne Aki Kaurismäkis Filmhit „I Hired a Contract Killer“ atmosphärisch dicht in Szene.

Der Auftragskiller in Aki Kaurismäkis Filmhit „I Hired a Contract Killer“ ist selbst todkrank. Doch das hindert ihn nicht daran, sein Opfer zu jagen. Mit schwarzem Humor blickt der finnische Regisseur in das Leben des einsamen Nerds Henri Boulanger, der seinem Leben ein Ende setzen will. Catja Baumann hat den Filmstoff im Schauspielhaus der Esslinger Landesbühne auf die Bühne gebracht. Atmosphärisch dicht spannt sie den Bogen vom Thriller zu Porträts einsamer Menschen, die zutiefst berühren.

 

Der Film des finnischen Regisseurs ist von Jules Vernes Roman „Die Leiden eines Chinesen in China“ aus dem Jahr 1897 inspiriert. Kaurismäki hat die Handlung des Films über einen Mann, der einen Auftragskiller engagiert, im Jahr 1990 nach London verlegt. Den Ton der düsteren Selbstironie zu treffen, die Kaurismäkis Filmfiguren so unvergleichlich macht, ist nicht leicht. Das Kunststück gelingt Daniel Großkämper. Seinem Henri entgleitet der Boden unter den Füßen, als er den Job verliert. Verlassen sitzt er im Zimmer und beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Bei den missglückten Suizidversuchen setzt Großkämper nicht auf schnelle Lacher. Seine ausdruckslose Miene spiegelt pure, ausweglose Verzweiflung.

Catja Baumann gelingt es, die düstere Atmosphäre eines Film noir auf der Bühne des Schauspielhauses zu zitieren. Nicht zuletzt Adrian Siebers melancholisch schattierte Filmmusik erinnert an dieses faszinierende Genre. Der Komponist schafft einen unheimlichen Klangraum. Christian Helds Bühne lenkt den Blick auf Türen und Jalousien, die aufgehen und sich wieder schließen. Wie durch eine Kamera schauen die Zuschauer in die verwirrte Welt der Hauptfigur. Auf einer runden, hellen Scheibe bewegen sich die Figuren ins Ungewisse.

Daniel Großkämper in der Rolle des Henri Boulanger Foto: Patrick Pfeiffer

Gwendolyn Bahr weckt mit ihren Kostümen Erinnerungen an die faszinierende Welt der Kriminalfilme in den 1950er-Jahren. Trenchcoat und Sonnenbrille lassen die Charaktere minimal in die Karikatur verrutschen. Diese Gratwanderung wagt Baumann aber bewusst. Messerscharf grenzt das Regieteam tragische und komische Momente voneinander ab.

Griffige Theaterbilder in „I Hired a Contract Killer“

Kaurismäkis dunkle, ausdifferenzierte Milieustudien überträgt das Ensemble in griffige Theaterbilder. Kim Patrick Biele, Claire Hordijk, Reinhold Ohngemach und Reyniel Ostermann schlüpfen in die Erzähler-Rolle. In schnellen Schnitten wechseln epische und dramatische Passagen. Diese filmische Dramaturgie macht die eineinhalbstündige Produktion spannend.

Dass Henri plötzlich nicht mehr sterben will, nachdem er die Blumenverkäuferin Margaret getroffen und sich sofort in sie verliebt hat, sorgt für heitere, helle Momente. Doch der Mordauftrag lässt sich nicht mehr stoppen, weil die Hintermänner nicht mehr zu erreichen sind. Claire Hordijk lässt sich mit Großkämper eine Spur zu naiv auf die Liebe auf den ersten Blick ein. So bleibt gerade diese Schlüsselfigur etwas flach. Großartig zelebriert die Schauspielerin jedoch die Augenblicke der Liebe, die der verklemmte Henri selbst nicht zu deuten weiß. Das komische Potenzial ihrer zwei Gaunerfiguren Al und Pete kosten Kim Patrick Biele und Reyniel Ostermann aus.

Der knallharte Killer hat eine verletzliche Seite

Gerade in den stillen Momenten jagt Reinhold Ohngemach in der Rolle des Vertragskillers nicht nur den Akteuren Schauer über den Rücken. Unvermittelt taucht er in der Szenerie auf, wenn ihn keiner erwartet. Der Blick ist kalt, die Miene starr und angsteinflößend. Der Altmeister interpretiert den Verbrecher nicht allein als eiskalten Kriminellen. Behutsam legt er die verletzliche Seite des knallharten Killers offen. Zugleich betrachtet er ihn mit liebevoller Distanz. Dieser Mörder lässt sich nicht so einfach in Klischees zwängen.

Claire Hordijk, Reyniel Ostermann, Daniel Großkämper und Kim Patrick Biele (von links) in der Bar Foto: Patrick Pfeiffer

Catja Baumanns Lesart geht weit über die Geschichte vom kleinen Glück in der dunklen Welt des Verbrechens hinaus. Sie zeigt Menschen, die an der Gesellschaft scheitern. Als Henri entlassen wird, kennt der Chef nicht mal seinen Namen. Den muss ihm sein Untergebener erst einflüstern. Die goldene Uhr für die Überflüssigen hat die Firma gleich kistenweise gekauft. Kälte und Ignoranz überfluten zunehmend das Geschehen. „I Hired a Contract Killer“ erzählt von den Ängsten einer Generation, in der Menschen zunehmend in der Isolation versinken. Da legt Regisseurin Catja Baumann den Finger auf eine Wunde dieser Zeit, holt Kaurismäkis Filmstoff beherzt in die Gegenwart.

I Hired a Contract Killer: weitere Vorstellungen im Schauspielhaus der Esslinger Landesbühne am 22., 24. Januar sowie am 6. Februar.