Sonntagabend war Sprühtag. Eine Initiative findet, dass junge Kultur in der Stadt zu kurz kommt. Foto: privat

Mit Graffiti am Bahnhofsplatz fordert eine Initiative mehr Geld für den kulturellen Nachwuchs. Die Stadt nimmt das Statement erst mal zur Kenntnis.

Esslingen - Ein Bündnis unter dem Namen „Esbrauchtkultur“ hat den Esslinger Bahnhofsplatz am Sonntagabend flächendeckend mit Graffiti versehen. Der Tenor der vielen mit wasserlöslicher Sprühkreide aufgetragenen Sprüche lautet, die Stadt tue zu wenig für die Kultur. „Kulturwüste Esslingen“ ist zu lesen, oder „Zeit für junge Kultur“ oder „Grundkultur jetzt!“ Wer hinter dieser Aktion steckt, ist noch unbekannt. Der Eindruck wird erweckt, die Kultur in Esslingen hänge eher halblebig am Tropf und die Schritte in Richtung Fördertopf blieben ihr verwehrt.

Am Montagvormittag waren auch Emails verschickt worden. Darin hat die Initiative „Esbrauchtkultur“ ihre Argumente deutlich gemacht. „Wenn Esslingen weiter Kulturstadt sein will, dann muss auch die Kultur vom vollen Steuereinnahmetopf etwas abbekommen. Wir möchten eine hohe künstlerische Qualität sicherstellen und benötigen ausreichende Mittel. In Esslingen, wo finanzielle Mittel vorhanden sind, ist es eine Frage des Willens“, heißt es in dem Schreiben.

Was aber sagen die Esslinger Kulturtreibenden zu dieser Aktion? Philipp Falser hat sich im Central-Theater engagiert, einer freien Bühne, die sich nach seinen Worten eher mühsam und mit viel Selbstausbeutung über Wasser halte. Auch er findet, die Stadt müsse in die Zukunft sehen und junge Ensembles und Künstler verstärkt fördern. Denn in vielen etablierten Vereinigungen, wie dem Kabarett der Galgenstricke, in der Dieselstraße oder beim Lima-Puppentheater sei kein Generationenwechsel in Sicht. Dagegen überlegten sich jüngere Gruppen, wie die Theatertruppe Stage Diverse, aus Esslingen wegzugehen.

Die Malerin und Comic-Zeichnerin Petra Pfirmann ist die Grande Dame der Bildenden Kunst in Esslingen, 15 Jahren hat sie das Festival Stadt im Fluss ins Leben gerufen. Sie hat ein gespaltenes Verhältnis zu der Aktion. Einerseits bemängelt sie, dass sich die etablierten Kulturstätten wenig für die freie Kunstszene in der Stadt öffneten. Dabei könnten es gerade hier durch Synergien neue spannende Projekte geben. Andererseits gefällt ihr nicht, dass mit der Aktion Fronten aufgebaut würden, wie etwa junge Künstler gegen alte Künstler, oder die freie Szene gegen die etablierte Szene, schließlich „sollten wir die kreativen Potenziale der Stadt bündeln“.

Der Kulturamtsleiter Benedikt Stegmayer wertet die Aktion als kulturelles Statement, das die Stadt bereichere, „wenn es auf Defizite aufmerksam macht“. Die Kultur habe am meisten Reichweite in mittlere und ältere Bevölkerungsschichten hinein. Für Stegmayer ist das kein speziell Esslinger Problem, es spiegele die Zusammensetzung oder auch die Machtverhältnisse der Gesellschaft wider. Immerhin steuere das Kulturamt gegen und habe eine Stelle für kulturelle Teilhalbe geschaffen, um dieses Defizit auszugleichen.

Am Montagnachmittag waren die Sprüche durch die 50 000 Pendler täglich am Bahnhof schon weitgehend verwischt. Zwei Männer, die ihre Mittagspause in einer Bäckerei verbringen, haben sie nicht einmal bemerkt, eine ältere Frau, die ihren Blick lange auf eine bestimmte Stelle in den Graffiti gesenkt hält, erklärt sehr glaubwürdig, sie habe nur nach ihrem Hund Ausschau gehalten.

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