Noch steht das Bahnwärterhaus im Abseits, doch das soll sich ändern: Die Stadt möchte einen Ort der Kreativität entwickeln. Foto: Roberto Bulgrin

Zuletzt stand das Esslinger Bahnwärterhaus etwas im Abseits, doch das soll sich nun ändern. Zusammen mit vielen Kreativen hat die städtische Kulturverwaltung viele Ideen für das kleine Gebäude gesammelt: Als Kreativlabor soll es künftig allen offenstehen.

Einst bot das Bahnwärterhaus im Merkelpark Wohnraum für Mitarbeiter der Eisenbahn, später wurde es zu einem Ort von Kunst und Kultur. Doch in jüngerer Zeit war es still geworden um das schnuckelige kleine Gebäude in den Esslinger Pulverwiesen. Nun möchte die Kulturverwaltung das Bahnwärterhaus neu beleben – viele Kreative wollen mitwirken. Ziel ist „ein spartenübergreifendes Kreativlabor, das auf möglichst einfache Weise Raum schafft für Begegnungen, Workshops und kleinere Angebote für alle Altersgruppen“. Das Konzept soll sich an den Bedürfnissen von Gruppen, Initiativen, Vereinen sowie Kulturakteurinnen und -akteuren orientieren, das Haus soll allen offenstehen. Demnächst wird der Kulturausschuss diese Überlegungen begutachten.

 

Lange Jahre war das Bahnwärterhaus als Dependance der städtischen Galerie Villa Merkel ein beliebter Ausstellungsort für junge Künstlerinnen und Künstler. Doch vor einigen Jahren wurde der Ausstellungsbetrieb aus Kostengründen eingestellt, das Bahnwärterhaus wurde nur noch selten öffentlich genutzt. Zuletzt hat die städtische Galerie Villa Merkel neue Perspektiven für ihre Arbeit entwickelt und dabei auch das kleine Gebäude nebenan in den Blick genommen. „Ziel ist, das Bahnwärterhaus im Zusammenspiel mit der städtischen Galerie und dem Merkelpark als offenes Haus für die Stadtgesellschaft zu etablieren und die Attraktivität des Standorts zu steigern“, erklärt Kulturamtsleiterin Alexa Heyder.

Reichhaltige Ideensammlung

Hinter den Kulissen hat sich bereits einiges getan. Ein Arbeitskreis wurde gegründet, in dem Verwaltung und Vereine, Ehrenamtliche und Kulturakteure über eine Neukonzeption beraten haben. Die Rahmenbedingungen wurden untersucht, erste Ideen wurden entwickelt. Denkbar wäre, das Erdgeschoss als Werkstatt- und Seminarraum zu nutzen, das erste Obergeschoss als Gruppen- und Vereinsraum und den Keller als Probenraum. Maximal dürfen sich 30 Personen gleichzeitig im Gebäude aufhalten.

Wenn das Bahnwärterhaus intensiver genutzt werden soll, bieten sich viele Möglichkeiten: Dort könnte ein Treffpunkt für unterschiedliche Menschen entstehen, Initiativen, Gruppen und Kreative könnten Raum für ihre Aktivitäten finden, Kooperationen von Ehrenamtlichen, Institutionen und Vereinen könnten ebenso entstehen wie Synergien mit der Villa Merkel, und vor allem ließen sich kulturelle Angebote ermöglichen, die sonst nicht den nötigen Freiraum finden – „barrierearm, kostengünstig und unkompliziert“, wie Alexa Heyder betont. Ein „Kulturort für alle“ solle das Bahnwärterhaus werden.

Viele wollen mitmachen

Der Kulturamtsleiterin war es wichtig, möglichst viele potenzielle Nutzerinnen und Nutzer zu beteiligen. In einem ersten Schritt haben sich 360 Interessierte an einer Online-Umfrage beteiligt und Hinweise auf den Bedarf an Angeboten und Räumen für unterschiedliche Nutzer gegeben. Im November konnten sich alle Interessierten zwei Tage lang über Geschichte und mögliche Zukunft des Hauses informieren sowie eigene Ideen und Wünsche formulieren. „Das Interesse am Bahnwärterhaus und an einer intensiveren Nutzung war groß“, resümiert Alexa Heyder. „Viele haben uns bestätigt, dass sie sich einen Ort der Begegnung und Gemeinschaft mit offenen und niedrigschwelligen Angeboten wünschen.“ Interesse gibt es auch an einer offenen Werkstatt für kunst- und kunsthandwerkliche Aktivitäten.

Von Kulturministerin Claudia Roth (rechts) gab’s viel Lob für die Arbeit der städtischen Galerie Foto: Roberto B/ulgrin

Geschätzt werden von vielen die häusliche Atmosphäre, die etwas abseitige Lage für Musikproben und die Nähe zur Natur im Merkelpark. Registriert hat die Kulturamtsleiterin ein verstärktes Interesse an kulturellen Angeboten, die dazu einladen, selbst kreativ zu werden. Begrüßt wurde zudem, dass das Bahnwärterhaus spartenübergreifend und gemeinschaftlich genutzt werden soll – sei es für Workshopangebote aus unterschiedlichsten kulturellen Sparten, aber auch für Ausstellungen und Präsentationen. Und noch eine Erkenntnis hat die Kulturverwaltung mitgenommen: „Gruppen und Vereine brauchen mehr und leichtere Möglichkeiten, sich für ihre Aktivitäten zu treffen, um Angebote und Veranstaltungen zu planen. Die Verfügbarkeit und Preisgestaltung solcher Räume ist hier ein entscheidender Faktor.“

Kulturausschuss entscheidet

Nachdem inzwischen eine ganze Fülle von Ideen für das Bahnwärterhaus gesammelt wurde, soll die Konzeption in den nächsten Wochen im Rathaus den letzten Schliff erhalten. Dann werden die Pläne am 24. Februar dem Ausschuss für Kultur, Sport und Soziales vorgestellt. Gibt es dort grünes Licht, kann die Kulturverwaltung an die Umsetzung ihres Konzepts gehen, wobei sich der Aufwand möglichst in Grenzen halten soll. Auch die eine oder andere bauliche Korrektur ist nötig. So werden etwa alle bislang verbauten Fenster freigelegt. Eine offizielle Einweihung des wiederbelebten Bahnwärterhauses ist zunächst jedoch nicht geplant: „Wir würden den Betrieb gerne nach und nach aufnehmen“, erklärt Alexa Heyder.

Das Bahnwärterhaus im Kurzporträt

Geschichte
 Gleich neben der einstigen Fabrikantenvilla der Familie Merkel, die seit 1973 als städtische Galerie dient, steht das Bahnwärterhaus, das 1895/96 gebaut worden war. Einst bot es drei Wohnungen für Bahnmitarbeiter. Seit den 1980er-Jahren wurde das Bahnwärterhaus als Ausstellungsraum für junge Künstlerinnen und Künstler genutzt – so lange, bis der Ausstellungsbetrieb dem Rotstift zum Opfer fiel. Eine Zeit lang waren im Bahnwärterhaus die Bahnwärter-Stipendiaten untergebracht. Zuletzt wurde das Gebäude temporär vermietet – etwa für Ausstellungen von Meisterschülern der Stuttgarter Kunstakademie.

Räume
Nutzbar sind das Erdgeschoss und das erste Obergeschoss. Auf jeder Etage gibt es zwei Arbeitsräume mit je 32 und acht Quadratmetern und einen kleinen Lagerraum. Das Erdgeschoss soll barrierefrei ausgebaut werden. Maximal 30 Personen dürfen gleichzeitig im Gebäude sein.

Idee
 Nun arbeitet die Stadt gemeinsam mit vielen Menschen, die das Gebäude später nutzen wollen, an einer Neukonzeption. Ein spartenübergreifendes Kreativlabor für unterschiedlichste Nutzungen ist das Ziel.