Dem Kreisjugendring, hier die Geschäftsstelle in Wendlingen, geht in Corona-Zeiten trotz geschlossener Jugendhäuser die Arbeit nicht aus. Foto:  

Das Coronavirus sorgt weithin für eine Lähmung des öffentlichen Lebens. Doch jetzt, wo viele Jugendliche auf sich selbst zurückgeworfen sind, ist der Esslinger Kreisjugendring besonders gefragt.

Kreis Esslingen - Online-Kulturprogramm in Esslingen, Streaming-Angebot mit Chat in Deizisau, Online-Café in Aichwald und Social-Media-Aktion „Linde gegen Lagerkoller“ im Mehrgenerationenhaus Linde in Kirchheim, Pfannkuchen backen live im Netz. Das sind nur vier von vielen Beispielen, wie die Akteure der Jugendarbeit versuchen, ihre Klientel trotz der Corona-Kontaktsperren zu erreichen.

„Wir sehen uns in der Pflicht, weil der Bedarf gerade jetzt besonders hoch ist“, sagt Michael Medla, der Vorsitzende des Kreisjugendrings (KJR) Esslingen. Gerade Jugendliche, die in Familien lebten, denen auch in Corona-freien Zeiten Struktur und Halt fehlten, bräuchten jetzt Orientierung. „Die zu geben ist gesellschaftspolitische Verantwortung“, sagt der KJR-Vorsitzende. Auch Ralph Rieck, der Geschäftsführer des Kreisjugendrings, spürt bei den Jugendlichen eine „unglaubliche Verunsicherung“. Die Jugendlichen hätten schon beim Klimawandel gespürt, das da etwas nicht in Ordnung ist mit der Welt. „Und jetzt kommt da noch so ein Virus um die Ecke . . .“, so Rieck.

Ralph Rieck: Nicht alles lässt sich digital lösen

Klimawandel und Corona seien nicht greifbar, der Kreisjugendring schon. „Wir bleiben da. Wir gehen raus. Wir suchen den Dialog“, verspricht Rieck. Die Sozial- und Jugendarbeiter seien in diesen Tagen wichtige Gesprächspartner in den Dörfern und in den Stadtquartieren. Was darf man noch? Was geht nicht mehr? Wie gehen wir mit der Verunsicherung um? Das seien die Fragen, die zur Not auch in der persönlichen Ansprache erörtert würden.

„Das lässt sich nicht alles digital lösen. Da braucht es auch schon mal die persönliche Begegnung auf einem Spaziergang – in gebührendem Corona-Abstand natürlich“, sagt Rieck. Wichtig sei, dass die Jugendhausmitarbeiter von sich aus auf die Klientel zugehen würden, denn sie wüssten, dass sie Betreuung brauchen würde.

Ein besonderes Augenmerk haben die KJR-Mitarbeiter auf Jugendliche, die an der Schwelle zur Berufsausbildung stehen. Die jungen Männer und Frauen bewegten nicht nur die konkrete Sorge um den Bestand des Ausbildungsplatzes, sondern auch die Angst vor einer sich anschließenden Wirtschaftskrise. „Über solche Ängste zu sprechen ist in vielen Familien nicht möglich. Wir bieten da eine wichtige außerfamiliäre Struktur“, sagt Rieck.

Die hauptamtlich Beschäftigten sind gut ausgelastet

Nach Einschätzung der KJR-Führungsriege kommt es jetzt darauf an, dass die Gesellschaft unter dem zunehmenden Quarantäne-Druck nicht noch weiter auseinanderdriftet. „Die Frage, wie denn das Lernen zu Hause funktionieren soll, wenn im ganzen Haushalt nur ein Handy zur Verfügung steht, wird uns auch nach Corona noch beschäftigen“, sind sich Rieck und Medla einig.

„Aus Sicht des Vorstands werden wir gerade mehr gebraucht als zuvor“, sagt Medla. Die 220 hauptamtlichen Angestellte des Kreisjugendrings seien gut ausgelastet. Lediglich rund ein Fünftel der 140 auf Basis des Bundesfreiwilligendienstes arbeitenden Mitarbeiter seien in Corona-Zeiten freigestellt. Riecks Worten zufolge hat ein Teil der Hauptamtlichen eine Zusatzausbildung zum Medienpädagogen absolviert. Die Frage, wie man die Jugendlichen in ihrer virtuellen Lebenswelt auch jenseits der Corona-Zwangspause abholt, wird in Zukunft eine wichtige Rolle in der Jugendarbeit spielen.

„Da geht es dann nicht ums Anbiedern, sondern auch darum, klare Position zu beziehen, und zu signalisieren, was nicht geht“, sagt Rieck. Wenn es beispielsweise um Mobbing gehe, werde eine deutliche Ansage durch Erwachsene durchaus auch von den Jugendlichen geschätzt.

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