Der Kreisdiakonieverband im Landkreis Esslingen unterstützt mit dem Hilfsfonds „Lichtblick“ unter dem Mantel der bundesweiten Kirchenaktion „#wärmewinter“ Menschen in Notlagen mit finanziellen Hilfen und Sozialberatung.
Jüngst hat die Stiftung Warentest wegen der explodierenden Energiekosten Klimaanlagen, Heizdecken und Heizlüfter unter die Lupe genommen – von solchen Anschaffungen können viele Menschen allerdings nur träumen. Auch im gut betuchten Landkreis Esslingen. „Wir merken einen deutlichen Anstieg bei den Beratungen. Vor allem bei Menschen, die bislang noch gar nicht bei uns aufgetaucht sind“, bestätigt Andrea Wohlfahrt. Sie ist Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle Filder sowie der Schuldnerberatung, die mehrere Zweigstellen im Landkreis hat. Deshalb hat der evangelische Kreisdiakonieverband den Spendenfond „Lichtblick“ ins Leben gerufen, der als erster Beitrag des Landkreises Esslingen zur bundesweiten Aktion „#wärmewinter“ der Evangelischen Kirche Deutschland und der Diakonie Deutschland firmiert.
„Stimme für die Schwachen erheben“
„Wir als Kirche und Diakonie haben einen gesamtgesellschaftlichen Auftrag, mahnend die Stimme zu erheben, auf Notsituationen hinzuweisen und ein gesamtsolidarisches Handeln der Gesellschaft einzufordern“, sagt der Esslinger Dekan Bernd Weißenborn, der auch Vorsitzender des Kreisdiakonieverbands im Landkreis Esslingen ist: „Wir müssen unsere Stimme für die Schwachen erheben.“ Weißenborn hätte sich zum Beispiel gewünscht, dass der Bund bei der nun einmalig ausgezahlten Energiepauschale in Höhe von 300 Euro pro Haushalt differenzierter vorgegangen wäre: „Auch Menschen, die gemeinhin als reich gelten, bekommen diesen Zuschuss – sie brauchen ihn aber nicht wirklich.“ So ist eine der Forderungen der Aktion „#wärmewinter“, dass sich alle Menschen Gedanken machen, ob sie dieses Geld wirklich brauchen, ob es Leute gibt, die die Finanzspritze nötiger haben.
Auch viele der Landeskirchen profitieren über die Kirchensteuer vom leicht erhöhten Einkommen ihrer Mitglieder – und haben bereits beschlossen, diese Mehreinnahmen sozialen Zwecken zuzuführen. Bei der Ende November in Stuttgart stattfindenden Landessynode der Württembergischen Landeskirche steht das Thema ebenfalls auf der Agenda, Weißenborn hofft auf einen positiven Beschluss mit Signalwirkung: „Wir müssen ein Bewusstsein schaffen für Menschen, denen es schlecht geht. Wir wollen und dürfen niemanden im Kalten sitzen lassen.“
Gas- und Stromrechnungen bringen Hartz-IV-Empfänger in Not
Und das ist übrigens nicht nur eine reine Metapher: Denn die steigenden Gas- und Stromrechnungen bringen nicht nur Hartz-IV-Empfänger in finanzielle Schieflage, auch Menschen, die bislang gerade so über die Runden gekommen ist, sind betroffen. Wohlfahrt berichtet etwa von einer Frau aus Filderstadt, der eine Nachzahlung über 700 Euro von einem Energieanbieter ins Haus geflattert ist: „Sie hat sich an uns gewandt, weil sie den Betrag schlichtweg nicht aufbringen kann und ist völlig verzweifelt.“ Gerade Menschen, die sich bisher hart an der Grenze zu Hartz IV durchs Leben gekämpft haben, seien betroffen. „Nichtleistungsempfänger“ heißen diese Personen im Fachjargon. „Diese Menschen wissen zum Beispiel meist gar nicht, dass sie auch nur für einen Monat Hartz IV beantragen können“, sagt Wohlfahrt. Wenn es eben wegen unvorhergesehener Ausgaben gerade in diesem Monat eng wird. Die Krux dabei ist allerdings, dass der Antrag auf staatliche Hilfe zwingend auch in dem betreffenden Monat gestellt werden muss. „Sprich, wenn im Oktober eine Stromnachzahlung kommt, muss der Antrag auch noch im Oktober gestellt werden“, erklärt Wohlfahrt.
Aufklärung tut also Not – gerade bei Menschen, die bislang nichts mit dem Jobcenter zu tun gehabt hatten. Wohlfahrt bemängelt zudem den vorherrschenden Bürokratie-Dschungel: „Ich fände es wichtig, dass das Prozedere vereinfacht wird“, sagt sie.
„Kinder und Jugendliche nicht aus dem Blick verlieren“
Dekan Weißenborn mahnt, dass man angesichts der Energiekrise auch Kinder und Jugendliche nicht aus dem Blick verlieren darf. „Wenn jetzt in den Familien jeder Euro zwei- oder gar dreimal umgedreht werden muss, trifft es den Nachwuchs am härtesten.“ Egal ob es das Kinoticket ist, das nun nicht mehr drin ist, oder der Eintritt auf die Eisbahn: „Wir müssen gegensteuern, damit diese Familien nicht in die Schulden abrutschen.“ Diesen Entwicklungen soll im Landkreis Esslingen mit dem Spendenfond „Lichtblick“, in den die Kreisdiakonie einen Grundstock von 10 000 Euro gebuttert hat, gegengesteuert werden. „Der Spendenfond bietet sehr konkrete Hilfe“, bekräftigt Wohlfahrt. Nach einer fast schon medizinisch anmutenden Anamnese durch die Schuldnerberatung werden die Hilfen Geld ganz gezielt eingesetzt. „Dafür müssen die Klienten aber alle Karten auf den Tisch legen“, so Wohlfahrt weiter – das sei natürlich nicht angenehm, aber schön zu wissen für die Spender.
Informationen im Internet unter www.kreisdiakonie-esslingen.de/projekt-lichtblick
Ein Zeichen für Menschlichkeit
Schuldnerberatung
Das kostenlose und überkonfessionelle Angebot des Kreisdiakonieverbands will Menschen helfen, die eine bestehende oder drohende Überschuldung aus eigener Kraft nicht mehr bewältigen können. Gemeinsam werden Lösungen erarbeitet und Wege aufgezeigt, wie man mit Schulden leben kann, ohne in seiner Existenz bedroht zu sein.
#wärmewinter
Mit der Aktion der Evangelischen Kirche und der Diakonie Deutschland soll im Herbst und Winter mit möglichst vielen Ideen und Aktionen ein sichtbares Zeichen gegen soziale Kälte und für Menschlichkeit gesetzt werden. In Esslingen etwa gibt es laut dem Dekan Bernd Weißenborn neben dem Spendenfond „Lichtblick“ bereits erste Ideen, Kirchen als Versammlungsstätten und Wärmestuben zu nutzen. Weißenborn ist zudem überzeugt, dass auch den wieder im Frühjahr angesetzten Vesperkirchen eine ganz neue Bedeutung zukommen wird. „Allerdings ist die Energiekrise auch bei uns ein Thema“, so Weißenborn weiter – denn die Kirchen müssen geheizt werden. Die einzelnen Kirchengemeinden entwickeln bereits maßgeschneiderte Konzepte, um ihrem sozialen Auftrag gerecht werden zu können.